Die Basis rumort - DER SPIEGEL
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Die Basis rumort

Ein Jahrzehnt der Umverteilung geht zu Ende: Die Arbeitnehmer haben kaum mehr Kaufkraft als 1980; die Unternehmensgewinne haben sich in dieser Zeit praktisch verdoppelt. Im nächsten Jahr wollen die Gewerkschaften dafür sorgen, daß wieder mal von oben nach unten verteilt wird. Das Land steht vor heißen Konflikten.
• aus DER SPIEGEL 44/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von der Selbstsicherheit, die Franz Steinkühler normalerweise ausstrahlt, war am Mittwoch vormittag vergangener Woche nichts mehr zu erkennen. Nervös wie ein Profiboxer, der dem Urteil der Ringrichter entgegenfiebert, wartete der Vorsitzende der IG Metall auf sein Wahlergebnis.

Der Berliner Kongreß der größten deutschen Einzelgewerkschaft war bis dahin nicht gerade im Sinne des Franz Steinkühler gelaufen. »Franz der Große«, wie ihn die Kollegen in einer Mischung von Spott und Respekt nennen, war seiner autoritären Führungspraktiken wegen ins Feuer geraten.

»Glasnost« verlangte einer der Delegierten vom Vorsitzenden und für die IG Metall. Ein anderer unterstellte Steinkühler, der sich mit einem Küchenkabinett von Jungakademikern umgibt, er wolle die altehrwürdige IG Metall in eine »Yuppie-Gewerkschaft« ummodeln.

Doch Steinkühler hätte nicht zu zittern brauchen. Mit 88 Prozent der Delegiertenstimmen wurde er wiedergewählt, fünf Prozent mehr als vor drei Jahren.

Die Metaller hatten sich rechtzeitig besonnen. Ein demontierter Steinkühler nützt ihnen nichts, sie brauchen einen starken Mann an der Spitze. In knapp drei Monaten beginnt eine Tarifrunde, für die Arbeitgeber wie Arbeitnehmer längst tüchtig rüsten.

Eine der »härtesten Auseinandersetzungen« in der Geschichte der IG Metall verheißt Franz Steinkühler seiner Gefolgschaft und dem Gegner. Von den Unternehmern, diesmal vom Handelstags-Präsidenten Hans Peter Stihl angeführt, wird mit der Drohung angeheizt, die Arbeitgeber könnten »eine allgemeine Aussperrung im gesamten Bundesgebiet« inszenieren.

Nur starke Sprüche? Dieses Mal deutet vieles darauf hin, daß den Worten auch Taten folgen. Die Metallindustrie wie andere Branchen sind 1990 von Arbeitskämpfen bedroht.

Zeitgleich mit der IG Metall wird im nächsten Jahr die rauflustige IG Medien in den Kampf um mehr Geld und die endgültige Einführung der 35-Stunden-Woche ziehen. Just in der vergangenen Woche verkündete überdies die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), was Sache ist: Für die Staatsdiener seien »weitreichende Verbesserungen der gesamten Tarifstruktur« erforderlich.

Fast alle Gewerkschaftsführer stehen mächtig unter Druck ihrer Gefolgschaft. Sie haben 1987 (IG Metall, IG Medien) oder 1988 (ÖTV) mehrjährige Tarifverträge unterschrieben, die sich für sie im nachhinein als fatale Fehlkalkulation erwiesen haben.

Tarifabkommen mit mehr als einjähriger Laufzeit sind für beide Parteien stets ein Glücksspiel. Diesmal blieb die Kugel bei den Arbeitgebern liegen.

Ob im Stahl oder in der Chemie, ob beim Druck oder in der Autobranche - überall brummt das Geschäft wie lange nicht mehr. »Die Arbeitgeber verdienen sich dumm und dämlich«, klagt der IG-Metall-Vorständler Klaus Zwickel.

Die beitragzahlende Basis hat nichts von dem schönen Boom. Die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen lagen im zweiten Quartal dieses Jahres um zwölf Prozent höher als im Vorjahr; die Arbeitnehmer kamen gerade auf ein Plus von 2,8 Prozent. Selbst wenn der Geldwert der in diesem Jahr wirksam gewordenen Arbeitszeitverkürzung von einer halben Stunde hinzugerechnet wird (ein Prozent), ist das ein dürftiges Resultat.

Die Tarifbilanz dieses Jahres erscheint für die Gewerkschafter noch trauriger, wenn die Preissteigerungsrate von gegenwärtig 3,3 Prozent gegengerechnet wird: Während die Konjunktursonne die Wirtschaft wärmt, geht die Kaufkraft der Werktätigen zurück.

Schrecklich für die Gewerkschaftsfürsten, was da in vielen Betrieben geschah. Ohne Mithilfe ihrer vertragstreuen Arbeiterführer besorgte sich die Basis bei den Patronen einen Nachschlag.

VW beispielsweise legte pro Mitarbeiter 700 Mark drauf, Audi-Arbeitnehmer sollen demnächst sogar bis zu 900 Mark Sonderprämie bekommen. »Auf diese Weise«, empört sich Steinkühler, »demontieren die Arbeitgeber das Ansehen der IG Metall.«

Noch peinlicher ist die Situation für den IG-Metall-Vorsitzenden in der Stahlindustrie. Anfang 1988, unter dem Eindruck der geplanten Schließung von Krupp-Stahl in Rheinhausen, hatten Steinkühlers Unterhändler für die Branche einen dreijährigen Tarifvertrag mit Lohnerhöhungen von jeweils zwei Prozent für 1988 und 1989 vereinbart.

Kurz darauf griff der Konjunkturaufschwung unerwartet auf die Stahlindustrie über. Nun gibt es auch dort dicke Sonderprämien, ohne Zutun der IG Metall. »Wir stehen mit dem Rücken zur Wand«, klagte da verständlicherweise der IG-Metall-Tarifexperte Zwickel.

In diese unangenehme Position gerieten die bundesdeutschen Gewerkschafter nicht allein durch die Fehlspekulation mit den mehrjährigen Tarifverträgen. Für die Arbeitnehmer und ihre Verbandsvertreter sind Erfolgserlebnisse schon vorher selten geworden. Die Achtziger, in denen der Geist der Wende durchs Land fegte, waren das Jahrzehnt der Umverteilung zu Lasten der Lohn- und Gehaltsbezieher.

Massiver, als es sich gewiß der optimistischste Industrie-Repräsentant je vorgestellt hat, wurde im ablaufenden Jahrzehnt der Zugriff aufs Sozialprodukt für die Werktätigen beschränkt.

Auf mehr als das Doppelte (133 Prozent) stiegen von 1980 bis 1988 netto die Gewinne von Kapitalgesellschaften; die Arbeitseinkommen konnten in dieser Zeit gerade um 25 Prozent netto zulegen.

Wenn von diesem Arbeitnehmer-Plus noch die Preissteigerungen abgezogen werden, bleibt ein Zuwachs von zwei Prozent. Der Gegenwert der Arbeitszeitverkürzung von 40 auf jetzt 37,5 Stunden, quasi als Wohlstandsgewinn (von 6,2 Prozent) dazugerechnet, verbessert die Bilanz nur unwesentlich.

Nur zu gern würden die Gewerkschafter im nächsten Jahr mal wieder von oben nach unten verteilen; nur zu gern würden sie ihre Gefolgschaft mit schönen Barzuschlägen erfreuen.

Doch beim anstehenden Tarifkonflikt geht es vorrangig nicht um Geld, sondern um die Arbeitszeit. Alte Gewerkschaftsbeschlüsse zwingen zum Endkampf um die 35-Stunden-Woche; sie steht für Steinkühler »in unserer Prioritätenlisten ganz oben an«. Zudem will die IG Metall für die Festschreibung des »arbeitsfreien Wochenendes« fechten, für Steinkühler »unser gesellschaftspolitisches Nahziel«.

Bei den vergangenen Tarifverhandlungen in der Druckindustrie und im Baugewerbe haben die IG Medien und die Baugewerkschaft den Samstag als möglichen Arbeitstag bis auf wenige Ausnahmen abgeschafft. »Als stärkste DGB-Gewerkschaft«, meint ein IG-Metall-Funktionär, »kann es sich unsere Organisation nun nicht mehr leisten, die Beschäftigten am Wochenende antreten zu lassen.«

Deftige Lohnzuschläge, 35-Stunden-Woche, arbeitsfreier Samstag - für Steinkühlers Widersacher, den Gesamtmetall-Präsidenten Werner Stumpfe, sind dies »Horrorforderungen«.

Der geschmeidige Arbeitgeber-Funktionär, Personal-Vorstand beim Maschinenbauer Mannesmann Demag, verspricht der Metaller-Basis ordentliche Lohnzuschläge, falls die Gewerkschaft auf eine weitere Arbeitszeitverkürzung verzichtet. Der Arbeitgeber-Chef fürchtet eine Rebellion der Mittelständler in seinem Verband, wenn die Tarifunterhändler der Arbeitgeber in der Arbeitszeitfrage nachgeben würden.

Die IG Metall blieb in Berlin, natürlich, bei den Forderungen nach den 35 Wochenstunden. Ein Streik scheint damit Gewißheit: Die Mittel- und Kleinunternehmen werden dieser Verkürzung der Schaffenszeiten, wie 1984, wohl erst nach einem Arbeitskampf zustimmen.

Die Unternehmensführer glauben eine Verteuerung des Faktors Arbeit nicht hinnehmen zu können; sie sehen nicht den geringsten Anlaß für eine Neuverteilung des Sozialprodukts.

Europa '92, der verschärfte internationale Wettbewerb zwängen zur Bescheidenheit. Die Umsatzrenditen vieler Unternehmen lägen hierzulande immer noch weit unter denen der Konkurrenz anderer Länder. Höhere Arbeitskosten, so wird das abgewetzte Argument bemüht, verschreckten das Kapital, führten zu weniger Investitionen und vernichteten mithin Arbeitsplätze.

Um die Stichhaltigkeit dieser Gedankenkette zu belegen, berufen sich die Propagandisten in den Unternehmerverbänden diesmal nicht nur auf Experten aus dem eigenen Lager; sie bemühen für ihre PR-Arbeit derzeit auch gern das Werk des Wirtschaftsprofessors Fritz W. Scharpf, Sozialdemokrat und Mitglied der SPD-Programmkommission.

In seinem Buch »Sozialdemokratische Krisenpolitik in Europa« hatte Scharpf die Verteilungskämpfe der Siebziger überaus kritisch analysiert. Die Gewerkschaften hätten, so Scharpf, seinerzeit nicht bedacht, daß anders als in den ersten Nachkriegsjahrzehnten die internationalen Kapitalmärkte völlig offen geworden seien.

Geld für arbeitsplatzschaffende Investitionen würden die Firmen nur noch dann im eigenen Lande ausgeben, wenn die Gewinn-Erwartung über den Renditen der internationalen Finanzplätze läge. Gewerkschaften, die Jobs erhalten und schaffen wollten, müßten daher mehr auf die Gewinne der Unternehmen als auf Lohnerhöhungen ihrer Mitglieder achten.

Das Buch erschien 1987. Inzwischen kann Scharpf sich bestätigt sehen: Die mäßigen Lohnerhöhungen in den letzten zwei Jahren gingen einher mit kräftigen Investitionen.

Einkommensverzicht also, um der Vollbeschäftigung näherzukommen? Ein Steinkühler, der dies vorschlagen würde, hätte in drei Jahren wohl kaum Aussicht, wiedergewählt zu werden.

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