Die beiden Schmidts - DER SPIEGEL
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SAARLAND Die beiden Schmidts

• aus DER SPIEGEL 5/1950
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 7. Februar wird Johannes Hoffmann auf dem Bahnhof Saarbrücken seine 240 Pfund Autonomie in die Polster des D-Zuges nach Paris drücken. An der Spitze einer saarländischen Delegation reist Ministerpräsident Hoffmann an die Seine, um den Staatsvertrag über die Saargruben auszuhandeln. In zwei Wochen hofft man einig zu werden.

Schon jetzt unterstehen die Bergwerke im Saarland direkt dem französischen Bergbau-Ministerium. In ihrem neunköpfigen Direktionskomitee sitzen nur Franzosen. Der neue Staatsvertrag soll den bisherigen Zustand juristisch untermauern Diskutiert wird ein Pachtvertrag von etwa 33 Jahren. Auch die Lohnbestimmungen für die Saar-Bergarbeiter würden danach von Paris aus beeinflußt werden. Davon halten die Kumpels an der Saar sehr wenig

Ausgerechnet zu Weihnachten veröffentlichte das französische Kabinett im Amtsblatt der Saarregierung ein neues französisches Bergarbeiter-Statut. Danach wurden die Saarbergarbeiter lohnmäßig niedriger eingestuft als ihre französischen Kollegen. Obwohl die Förderleistung je Schicht im Saargebiet bei 1355 Kilo liegt und in Frankreich nur pro Kumpel 1110 Kilo gefördert werden. Das wurde unter und über Tage viel bekrittelt.

Seit Jahr und Tag predigt Arbeitsminister Richard Kirn seinen Bergleuten die wirtschaftliche Anschlußidee. Aber auch von einer Verpachtung wollen die Arbeiter nichts wissen. »Verpachtung der Gruben bedeutet auch Verpachtung der Arbeitskraft«, sagen sie.

Auf der Gewerkschaftskonferenz in Sulzbach erklärte der ehemalige Kumpel Kirn seinen früheren Kollegen: »Ihr seid einseitig bei der Beurteilung des Eigentumproblems.« Die Kollegen ließen sich nicht überzeugen.

Als Kirn erklärte: »Die Macht der Siegerstaaten bricht Länderrecht. Das ist die gegebene Rechtsgrundlage«, begann es in der Ecke der Festhalle zu pfeifen. »Hau ab«, brüllten diejenigen, die nicht pfeifen konnten. Minister Kirn wich von der Tribüne.

Die Bergarbeiter haben ihre Meinung bisher nicht geändert. Damit der rebellische Gewerkschaftsverband keinen Schaden anrichten kann, hat Johannes Hoffmann bestimmt, daß nur ein Vertreter der Bergarbeiter mit nach Paris fährt. Er heißt August Schmidt.

Punkt zwei der Staatsverhandlungen betrifft die Eisenbahnen im Saarland.

Sie sollen wie die Bergwerke an die französische Staatsbahn verpachtet werden. Zu ähnlichen Bedingungen.

Wieder zu Weihnachten wurden die Bahnen 1946 von der Deutschen Reichsbahn abgetrennt. Sie bekamen einen eigenen Aufsichtsrat und einen Direktor. Als die Saarregierung damals noch ein besonderes Eisenbahngesetz durchbringen wollte, um die Befugnisse dieses Aufsichtsrates abzugrenzen und sich einige Rechte vorzubehalten, gab es Krach mit dem Hochkommissar.

Monsieur Gilbert Grandval drohte, die Beziehungen zum saarländischen Wirtschaftsministerium abzubrechen. Das half

Der neugebildete Aufsichtsrat wählte den Leiter der französischen Eisenbahnkommission, Monsieur Toubeau, zum Direktor der Saarbahn. Toubeau nahm die Verwaltung in französische Hände. Heute setzt sich das leitende Personal zu fast 70 Prozent aus Beamten der französischen Staatsbahnen zusammen.

Die letzte Stütze des deutschen Einflusses war der technische Berater, Ingenieur Neilchen. Schon im Juni 1948 wurde er aufgefordert, sich krank zu melden. Dann erschien sein Name plötzlich nicht mehr auf der Beschäftigungsliste.

Ein zugkräftiges französisches Argument in der Verpachtungsdebatte ist die Erklärung, die Saarbahnen arbeiteten unrentabel. Im Haushaltsjahr 1949 wurde das Defizit von dem französischen Direktionskomitee mit 2,1 Milliarden Francs angegeben. Im Etat für 1950, der am vergangenen Freitag bekanntgegeben wurde, steht sogar ein Minus von 2,6 Milliarden.

Der Generalsekretär der christlichen Gewerkschaften, Karl Hillenbrand, nahm den Betriebshaushalt der Eisenbahnen einmal unter die nichtfranzösische Lupe. Dabei fand er heraus, daß die finanzielle Lage der Saarbahnen so zurechtgemacht werde, daß ein künstliches Defizit die Uebernahme durch die Franzosen rechtfertige.

Die französische Direktion erwiderte nichts darauf. Sie besteht auf ihrem Deflzit. Als der saarländische Landtag die Rechnungsunterlagen nachprüfen wollte, erklärte Direktor Toubeau, dem Landtag stehe das Budgetrecht über die Saarbahnen nicht zu. Nach weiteren aufklärenden Ansprachen bewilligte der Landtag.

Hochkommissar Grandval erhofft sich von den Pariser Verhandlungen auch für die Saarbahnen einen langjährigen Pachtvertrag. Wenn auch die Eisenbahner mit den Bergarbeitern protestieren.

Seitdem die französischen Besoldungssätze für die Saarbahnen gelten, stehen sich die Eisenbahner schlechter als früher bei den Deutschen. Ihr Wortführer ist Oberinspektor Karl Schmidt von der christlichen Eisenbahner-Gewerkschaft. Er hat seine Meinung zu dem Pachtangebot oft auf gut Deutsch vertreten, Direktor Toubeau hat ihm jetzt gekündigt. Unter Androhung »anderer Strafmaßnahmen«.

Trotz der Kündigung sprach seine Gewerkschaft Karl Schmidt das Vertrauen aus. Als ihr Vertreter steigt er am 7. Februar mit in den D-Zug. Bei den Verhandlungen in Paris werden also mindestens zwei Delegierte in Opposition gehen: die beiden Schmidts.

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