China »DIE DEUTSCHEN DÖSEN«
Chinas Ministerpräsident Li Peng kennt die Anfälligkeit deutscher Unternehmensführer für süße Schmeicheleien, stilsicher traf er den richtigen Ton.
»Ihre Produkte besitzen eine sehr fortschrittliche Qualität«, lobte er am Dienstag vergangener Woche die 40köpfige Wirtschaftsdelegation, die mit dem Kanzler nach China gereist war. »Meine Herren, die Chinesen schätzen die deutsche Gründlichkeit sehr.«
Natürlich seien die deutschen Produkte »zu teuer«, fügte Li Peng schnell hinzu. Doch »diese kleine Beschwerde« richtete der Taktiker lieber gleich an die Politiker, mit der Bitte um schnelle Abhilfe. »Ich hoffe«, so der Spitzenfunktionär, »daß die Bundesregierung günstige Exportkredite gewährt.«
Die Manager waren begeistert. Unverhofft hatten die Wirtschaftsleute, angeführt von den Unternehmenschefs Edzard Reuter (Daimler-Benz), Hilmar Kopper (Deutsche Bank) und Heinrich von Pierer (Siemens), einen Mitstreiter im Kampf für neue Exporthilfen gewonnen. Ohne Zögern spendierten die Kapitalisten dem Kommunisten Applaus - ein Hoch auf Li Peng, es lebe die internationale Solidarität der Subventionsempfänger.
Der Kanzler grollte, die deutschen Diplomaten waren peinlich berührt. Der mitgereiste Unions-Fraktionsgeschäftsführer Jürgen Rüttgers hatte für die Herren in Nadelstreifen nur noch Spott übrig: »Über deren Prinzipienfestigkeit kann ich mich nur wundern.«
Der »peinliche Vorgang« (Kohl-Berater Joachim Bitterlich) in der Großen Halle des Volkes, dem Sitz des Volkskongresses, machte vor allem eines deutlich: Die deutsche Wirtschaftselite weiß sich nicht mehr allein zu helfen.
Ausgerechnet den boomenden Asienmarkt haben die Männer aus der Industrie- und Bankenwelt verschlafen. Jetzt rufen sie nach dem Muntermacher Staat.
Mit reichlich Subventionen hoffen sie, verlorenes Terrain wiedergutzumachen. Die Manager wollen Billigkredite, sie fordern, Entwicklungshilfegelder für kommerzielle Investitionen einzusetzen, und sie möchten niedrigere Gebühren der Hermes-Versicherung. Siemens-Chef Pierer fordert im SPIEGEL-Interview (siehe Seite 119) verschämt eine »neue Form der Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft«.
Jahrelang haben sich die Konzernstrategen regelrecht geweigert, den wachsenden Markt in Asien zur Kenntnis zu nehmen. Unternehmensberater Roland Berger mahnte zu mehr Engagement in der ostasiatischen Pazifikregion. Nichts geschah.
Selbst Kanzler Kohl, der gemeinhin von Wirtschaft nicht viel versteht, war eher aufgewacht als die Industrievertreter. »Unsere Wirtschaftsherren«, spottete er Ende Februar auf seiner Reise durch Japan, Indonesien, Südkorea, Indien und Singapur, »sollten mal eine Stunde früher aufstehen.«
Noch kurz vor der Abreise nach Peking rüffelte Kohl demonstrativ seine hochrangigen Begleiter. Die Wirtschaft, heißt es in einem am 20. Oktober verabschiedeten Kabinettsbeschluß, habe ihre Chancen auf dem zukunftsträchtigen Asienmarkt »unzureichend genutzt«, alle deutschen Branchen seien vor Ort »unterrepräsentiert«, die Herrschaften sollten sich in der Region »mehr umtun«.
Kohl hat recht. Die Direktinvestitionen in China sackten im vergangenen Jahr sogar ab. Deutsche Manager nahmen zwischen Peking und Kanton weniger Projekte in Angriff als Thailänder und Malaysier.
Die deutsche Handelsbilanz mit nahezu allen wichtigen Ländern Asiens schloß 1992 negativ ab: minus 5,9 Milliarden Mark gegenüber China, minus 2,4 Milliarden gegenüber Taiwan, ein Millionen-Minus auch im Handel mit Hongkong, Südkorea und Singapur.
Im boomenden Thailand, wo Neureiche derzeit mehr Autos ordern als die Kunden im Flächenstaat Australien, legten Investoren gerade 35 Millionen Mark an - weniger als die kleine Schweiz. Wilhelm Gattinger, Leiter der Siemens-Vertretung in Hongkong: »Deutschland hat Südostasien nicht entdeckt.«
Die Handelsumsätze von Japanern und Amerikanern übersteigen das deutsche Volumen um ein Vielfaches. Selbst EG-Staaten wie Frankreich melden spektakuläre Erfolge. Die französischen Hersteller von Luxusartikeln wie Parfüm, Designerkleidern und Cognac verkaufen mittlerweile 40 Prozent ihrer Produkte zwischen Hongkong und Osaka, Taipeh und Jakarta.
Vor allem Amerikaner und Japaner zeigten, was den Deutschen bis heute fehlt: Mut zum Risiko. Sie haben in den Boomländern rechtzeitig neue Fabriken hochgezogen und sich damit drei wichtige Vorteile gesichert: geringe Transportkosten, wenig Zollgebühren und niedrige Löhne. Anders die Deutschen. Verwöhnt vom Exportgeschäft in Europa und beschäftigt mit dem Aufbau in Ostdeutschland, glaubten sie, sich die Mühsal direkter Investitionen in der fernen Region sparen zu können. Sie wollten die fremden Märkte lieber aus den heimatlichen Fabriken beliefern. Nun haben sie das Nachsehen: Ihre Produkte sind zu teuer.
Vor allem nach China, das mit einer Bevölkerung von 1,17 Milliarden den größten Zukunftsmarkt verspricht, flossen die Direktinvestitionen nur spärlich (siehe Grafik). In den vergangenen 13 Jahren investierten deutsche Unternehmen im roten Reich nur 470 Millionen Dollar. Damit hat Deutschland, Wirtschaftsmacht Nummer drei auf der Welt, bei den Direktinvestitionen einen mickrigen Anteil von 1,4 Prozent. _(* Verladung eines in Berlin gebauten ) _(Wagens für die U-Bahn in Schanghai. )
Zum Vergleich: Die US-Konzerne steckten in derselben Zeit sechsmal mehr Geld in das Land, die Japaner investierten achtmal soviel. Ein deutscher Diplomat in Peking: »Die Deutschen dösen.«
Selbst das deutsche Vorzeigeprojekt, die VW-Fabrik in Schanghai, hält nicht das, was bei der Grundsteinlegung versprochen wurde. Im Oktober 1984 wollten die Wolfsburger »von hier aus den asiatischen und pazifischen Markt erobern«.
Der Markt wartet noch immer auf die Attacke der Teutonen. Außerhalb Chinas wurden von dem in Schanghai produzierten VW-Santana kaum mehr als 1000 Stück verkauft, alle in Vietnam.
VW-Chef Ferdinand Piech, der in der vergangenen Woche zusammen mit Kohl das Werk besuchte, vermied es, eine neue Offensive zu verkünden. Immerhin: Mit einer Produktion von 100 000 Autos - Tendenz steigend - ist Volkswagen das erfolgreichste deutsche Joint-venture in China.
Regierung und Wirtschaft wollen den Wolfsburgern nun nacheifern. Asien soll nicht länger an den deutschen Bilanzen vorbeiboomen. Die neudeutsche Asien-Orientierung, so steht es im Regierungskonzept, »muß sichtbar und hörbar ins Werk gesetzt werden«.
Kohl hat es eilig. Der Kanzler schien schon vor der Abreise entschlossen, Erfolge zu verkünden - auch dann, wenn es noch nichts zu vermelden gibt.
Für sieben Milliarden Mark, behauptete der Regierungschef am Mittwoch vergangener Woche, seien Verträge und Vorverträge zwischen chinesischen und deutschen Firmen abgeschlossen worden. »Ein schöner Erfolg«, jubelte der mitgereiste Wirtschaftsminister Günter Rexrodt.
Die Regierung hat sich die Zahlen schöngerechnet. Die chinesische Presse, in Propagandafragen nicht zimperlich, mochte die frisierte Bilanz nicht übernehmen. Demonstrativ hielt die englischsprachige China Daily dagegen, sie errechne lediglich ein Vertragsvolumen von 2,8 Milliarden Dollar (4,8 Milliarden Mark).
Selbst diese Zahl ist zu hoch gegriffen. Nur eine Handvoll der feierlich unterzeichneten Papiere enthält konkrete Angaben über Lieferumfang und Liefersumme. Nahezu alle Geschäfte werden vom deutschen Steuerzahler mitfinanziert.
So soll ein Konsortium unter der Führung von Siemens im südchinesischen Kanton eine U-Bahnstrecke für 636 Millionen Mark bauen; die Hälfte der Summe schießt das Bonner Entwicklungshilfeministerium als Billigkredit dazu.
Die ostdeutsche Waggonbau AG darf für 165 Millionen Mark Reisezugwagen liefern. Die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau finanziert den Deal zu Sonderkonditionen. Auch die Regierung gibt Geld dazu.
Die Mitteldeutsche Kali AG wird für 15 Millionen Mark Düngemittel nach China schicken. Die Bundesregierung finanziert das Geschäft zu 100 Prozent.
Für zwei Kraftwerksbauten hat die Kreditanstalt für Wiederaufbau ebenfalls Kreditverträge (Volumen: 360 Millionen Mark) mit Sonderkonditionen abgeschlossen. Das Kuriose: Die Firmen, die diese Anlagen bauen sollen, müssen erst noch gefunden werden.
Die meisten der von Kohl und Rexrodt bejubelten Verträge bleiben unverbindlich. Sie nennen sich »Letter of Intent«, also Absichtserklärung, oder werden, noch unverbindlicher, als »Memorandum of Understanding« bezeichnet, das ist die Vorstufe eines Vorvertrags. Das kommerzielle Geschäft wird nicht bei Staatsbanketten abgewickelt. Doch die tägliche Marktbearbeitung fällt den Deutschen schwer. Die Wirtschaft brauchte zwei Jahre, bis die Entscheidung für ein Delegiertenbüro in Schanghai fiel. Dieses Büro soll Investoren beraten.
Selbst die Gründung eines »Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft« dauerte knapp ein Jahr. Die Verbandsoberen vom Deutschen Industrie- und Handelstag konnten sich mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie nicht einigen, wer für das neue Gremium verantwortlich ist. Erst kurz vor Kohls Asienreise wurde der Clinch beendet.
Der Kanzler demonstrierte auf seiner Chinareise öffentlich, was er von der Außenpolitik der deutschen Wirtschaft hält. Nur zu den Pflichtterminen traf er mit den Managern zusammen. Im Paulaner-Bräu-Haus, dem Treffpunkt der deutschen Delegationen, marschierte er schnurgerade an Reuter und Kopper vorbei und verspeiste seine Nürnberger Rostbratwürste lieber im Kreise der engsten Mitarbeiter.
»Kohls Wertschätzung für die Herren der Wirtschaft war noch nie sehr ausgeprägt«, sagt ein Kanzler-Vertrauter, »sie ist auf dieser Reise nicht gestiegen.«
Auch die Chinesen sind drauf und dran, den Respekt vor den deutschen Kaufleuten zu verlieren. Reuter wurde nur milde belächelt, als er vor dem chinesischen Premier wie ein Klinkenputzer auftrat.
Wortreich warb der Konzernchef »für unsere Lastkraftwagen und unsere Omnibusse«, bot immer wieder »unsere modernste Technik« feil. Nervös wechselte der große Stratege vom linken auf den rechten Fuß.
Kohl, der ihn aufgefordert hatte, ein Grußwort im Namen der Industrie zu sprechen, war pikiert. Die mitgereisten Vorstandskollegen sparten nicht mit Häme. »In der Krise«, so ein Vorstandschef, »wirkt dieser Schönwetterkapitän ganz schön verkrampft.«
Hinter verschlossenen Türen verzichteten auch die Chinesen auf die freundliche Tour. VW-Chef Piech wurde im kleinen Kreis von Vizepremier Zhu Rongji hart rangenommen.
Piechs Forderung, nur mit neuen Regierungskrediten könne er den Ausbau der Audi-100-Produktion im nordchinesischen Changchun beginnen, wehrte der Vize rüde ab. »Herr Piech, Ihre Firma hat den letzten Kredit noch nicht bedient.«
Piech lief rot an, wollte gerade widersprechen, da legte der Chinese nach: »Außerdem prophezeie ich Ihnen: Ihre großen Audis produzieren Sie vor allem für die Halde.«
[Grafiktext]
_117_ Chinas Investoren: ausländische Direktinvestitionen 1.Quartal
''''93
_____ Einfuhren Chinas nach Hauptlieferländern
[GrafiktextEnde]
* Verladung eines in Berlin gebauten Wagens für die U-Bahn inSchanghai.