GESUNDHEITSBRANCHE Die Dolchstoß-Legende
Normalerweise ist die »Pharmazeutische Zeitung« ein harmloses Branchenorgan. Vor der Urlaubszeit versorgt das Pflichtblatt der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) seine Leser beispielsweise mit Tipps zum Schutz vor Sonnenbrand und Giftschlangen.
Doch wenn die »PZ« eine Gefahr für die Pharmazeuten wittert, setzt sie auch mal selbst zum Giftbiss an: Seit Anfang Mai hetzt das Blatt gegen den »Feind Nummer eins« der deutschen Apotheker, den »Brandstifter« Fritz Oesterle.
Anlass für die starken Worte ist die Übernahme des niederländischen Arzneimittelversandhändlers DocMorris durch den größten europäischen Pharmahandelskonzern Celesio mit Sitz in Stuttgart. Celesio-Chef Oesterle will unter der Marke DocMorris Deutschlands erste große Apothekenkette aufbauen.
Der Branche versetze er damit einen »Dolchstoß«, schimpfte das ABDA-Blatt, denn die DocMorris-Pharmazeuten müssten »Schutzgeld in Form einer Franchise-Gebühr« bezahlen.
Das Konkurrenzblatt »Deutsche Apotheker Zeitung« schloss sich der Attacke an, und viele Apotheker boykottieren mittlerweile das Celesio-Tochterunternehmen Gehe, das in Deutschland Medikamente vertreibt. »Der Gehe-Umsatz ist laut Branchenexperten um bis zu 30 Prozent ein-
gebrochen«, frohlockt ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf.
Vergangene Woche mischte sich das Bundeskartellamt in den Streit ein. In einem bundesweiten Einsatz durchsuchte die Behörde Büros von fünf Apothekerverbänden, beschlagnahmte zahlreiche Dokumente und ließ Computerfestplatten spiegeln. Sie will prüfen, ob die Verbände zum Boykott von Gehe aufgerufen haben.
Die Schärfe der Apotheker-Attacke lässt erahnen, wie sehr die Branche Veränderungen fürchtet - und mit welcher Mischung aus Pathos und Einschüchterung sie ihre Pfründen verteidigen will.
Dabei ist DocMorris nur das prominenteste Beispiel für die Umwälzung, die dem noch immer wettbewerbsarmen Gewerbe in Deutschland bevorsteht. Neben Pharma-Großhändlern schielen auch Drogerieketten wie dm oder Schlecker auf den 35-Milliarden-Euro-Markt, der zurzeit allein von den knapp 21 600 Apotheken bedient wird.
Deren selbständige Inhaber rüsten allmählich auf, sie schließen sich zu Einkaufs- und Marketingkooperationen zusammen, buhlen um Kunden mit Kosmetikkabinen und verschachern Pillen zum halben Preis während einer »Happy Hour«.
Die Bundesapothekerkammer will die Beratungsqualität in der Branche mit anonymen Kontrollen verbessern, der Pharma-Konzern Bayer den Arzneimittelverkäufern mit der neuen Innovations-Akademie Deutscher Apotheken (IDA) unter die Arme greifen.
Doch auch gewiefte Pharmazeuten fürchten, dass sie gegen große Ketten einen schweren Stand haben werden. Viele hoffen deshalb auf den Dachverband ABDA, der das Gewerbe wie eine Trutzburg verteidigen soll - gegen Celesio, gegen Schlecker und alle Angreifer, die noch kommen mögen.
Fritz Oesterle ist mit der Kampfrhetorik der Heilberufler jedenfalls schon lange vertraut. Vor seinem Job als Celesio-Chef vertrat er als Anwalt wettbewerbsfreudige Apotheker, die für eine Lockerung des Werbeverbots in der Branche kämpften. Von der ABDA sei er schon damals als »Totengräber« beschimpft worden, erinnert sich Oesterle.
Damals, 1996, siegte er in letzter Instanz - und auch elf Jahre später gibt er sich siegessicher: »Mehr als 900 Apotheker haben sich schon als DocMorris-Partner beworben, offensichtlich vertrauen die den Durchhalteparolen der ABDA nicht.«
Alles laufe nach Plan, sagt der Celesio-Chef. Zwar seien einige verärgerte Kunden vom Tochterunternehmen Gehe zur Konkurrenz gewechselt, doch die Umsatzeinbuße sei »viel, viel geringer als die behaupteten 30 Prozent«. Und damit habe er gerechnet: »Wir holen jeden verlorenen
Euro Umsatz zurück, wo auch immer.« Oesterles Hoffnung ruht vor allem auf dem Europäischen Gerichtshof (EuGH). Der wird voraussichtlich 2008 entscheiden, ob das deutsche Apothekenrecht überhaupt der europäischen Niederlassungsfreiheit entspricht.
Bislang dürfen nämlich nur studierte Pharmazeuten maximal vier eigene Läden besitzen. Firmen wie DocMorris können bloß als Franchise-Geber operieren und gegen eine Gebühr ihren Markennamen zur Verfügung stellen. Sollte der EuGH dieses Fremd- und Mehrbesitzverbot kippen, stünde auch konzerneigenen Ketten nichts mehr im Wege.
»Ich erwarte, dass der EuGH analog zum griechischen Optikerurteil entscheidet«, sagt Oesterle. 2005 brachte der Gerichtshof eine Vorschrift zu Fall, wonach in Griechenland nur Optiker Brillenläden betreiben durften - sollten die Richter künftig auch Apothekenketten in Deutschland zulassen, will der Celesio-Chef bei den Ersten sein auf einem Markt, der hohe Renditen verspricht.
Bereits heute betreibt Celesio in sieben europäischen Ländern Apothekenketten, 2006 erwirtschaftete das Unternehmen rund 22 Milliarden Euro Umsatz, mehr als Dax-30-Konzerne wie TUI oder Lufthansa. Hinter dem Stuttgarter Unternehmen steht mit 53 Prozent der Aktien der Duisburger Mischkonzern Haniel.
DocMorris ist dagegen noch ein Winzling, für den Oesterle nach Branchenschätzungen ungefähr 170 Millionen Euro bezahlen musste. In den drei Monaten seit der Übernahme hat sich die Zahl der Franchise-Nehmer freilich bereits auf 41 verdoppelt, 2010 sollen es 500 sein.
Nur wenig mehr Filialen betreibt Fielmann, und die Optikerkette ist Oesterles großes Vorbild: Auch DocMorris soll die Kunden mit dem Preis locken und mit dem Service überzeugen. Eine Apothekenkette, hofft Oesterle, wird mit den Arzneimittelherstellern hohe Rabatte aushandeln und den Kunden kostenlose Dienstleistungen anbieten können, vom Diabetes-Test bis zur Augendruckmessung. »Wir werden nicht den billigen Jakob spielen, sondern Qualität bieten«, sagt Oesterle. So will er möglichen Discount-Konkurrenten wie Schlecker oder dm Paroli bieten.
Nicht nur viele selbständige Apotheker fürchten den Wettbewerb, auch die Pharma-Industrie sieht den Wandel im Gewerbe mit Skepsis - verhandlungsstarke Ketten drohen die Preise zu drücken.
Der deutsche Marktführer Bayer eröffnet deshalb im August die Innovations-Akademie Deutscher Apotheken. Jahr für Jahr sollen etwa tausend selbständige Pharmazeuten in Köln lernen, wie sie durch modernes Marketing ihren Umsatz mit Pillen, Salben und Säften steigern können. »Wir wollen Erkenntnisse aus dem Lebensmittelhandel in die Apotheke tragen«, sagt IDA-Leiter Carsten Aehlen.
Im »Showroom« der Akademie lässt sich das Pharma-Einkaufsparadies der Zukunft bereits besichtigen: Ein »Wellness-Brunnen« versetzt die Kundschaft in Konsumlaune, Regale mit Hintergrundbeleuchtung verführen zum Spontankauf, MP3-Player locken als Treueprämien - und zur sommerlichen »Fußpilz-Woche« wird das passende Sortiment präsentiert.
Die Apothekerverbände sehen die Unterstützung durch die Innovations-Akademie mit Wohlwollen - doch momentan konzentrieren sich die Branchen-Lobbyisten darauf, den Abwehrkampf gegen Kettenpioniere wie das Celesio-DocMorris-Gespann zu organisieren.
Als Hauptquartier dient dabei die ABDA-Zentrale in einem neoklassizistischer Prunkbau in Berlin. Im Präsidentenbüro sitzt Heinz-Günter Wolf zwischen Kamin und Holzschnitzereien und sagt, es gebe schlichtweg keinen guten Grund für Ketten - aber viele gute Gründe dagegen.
Der unabhängige Pharmazeut sei doch ein Heilberufler, kein Kaufmann, er biete dem Patienten das medizinisch Sinnvollste, nicht das Profitabelste. »Bei Ketten wäre das anders«, sagt Wolf, »das wäre nicht gut für die Volksgesundheit.«
Die Arzneimittelversorgung funktioniere einwandfrei in Deutschland, und auf die Apotheken entfielen läppische 2,7 Prozent der Gesundheitsausgaben. »Wir haben ein gutes System«, sagt Wolf, »wir müssen nichts ändern.«
Die ABDA hat in der Vergangenheit manches apothekerfeindliche Ansinnen abgewehrt. Bei der jüngsten Gesundheitsreform zum Beispiel verhinderte Wolf mit Hilfe der unionsgeführten Länder Höchstpreise für verschreibungspflichtige Arzneien - anstelle der geltenden Festpreise. Der Branche blieb ein Umsatzeinbruch von mehreren hundert Millionen Euro erspart.
Doch jetzt ist die Lage verzwickt. Der EuGH verteidigt keine Standesinteressen, er spricht europäisches Recht. ABDA-Präsident Wolf kann höchstens dafür sorgen, dass anderen Konzernen die Lust an der widerspenstigen Branche vergeht und dass der deutsche Gesetzgeber nicht bereits vor dem Luxemburger Urteilsspruch in vorauseilendem Gehorsam das Kettenverbot kippt.
Noch stellen sich sowohl das Bundesgesundheitsministerium als auch alle Bundestagsfraktionen außer den Grünen hinter das deutsche Apothekerrecht. Doch mancher Beamte und Politiker träumt im Stillen schon heute von der kostendämpfenden Wirkung, die Ketten versprechen.
Der Vorsitzende des Sachverständigenrats Bert Rürup findet es »schade, dass nicht der deutsche Gesetzgeber, sondern der EuGH sich anschickt, den deutschen Apothekenmarkt zu liberalisieren«. Denn eine »erzwungene und deshalb vielleicht ungeordnete Liberalisierung« sei nicht wünschenswert. In Polen zum Beispiel führte die planlose Deregulierung des Gewerbes von 1990 an zu Problemen bei der Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln.
»Es ist sonnenklar, dass das Fremd- und Mehrbesitzverbot fallen wird«, sagt ein Gesundheitsexperte der CDU, aber kaum ein Politiker wolle heute schon gegen die Apotheker-Lobby mit ihrer Dolchstoß-Rhetorik antreten und »den Heldentod sterben«. SEBASTIAN RAMSPECK
* DocMorris-Chef Ralf Däinghaus.