Die dritte Dimension - DER SPIEGEL
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Osthandel Die dritte Dimension

Nie zuvor trafen sich in Budapest so viele westdeutsche Spitzenmanager wie zu Beginn letzter Woche: Mit den Ungarn diskutierten sie Betriebs-Kooperationen zwischen West und Ost.
• aus DER SPIEGEL 48/1972
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Rousseau wurde zitiert und Kant gepriesen. Niemand berief sich auf Marx, und selbst Lenin blieb unerwähnt.

In Budapest trafen sich Anfang letzter Woche über 400 Industrielle und Bankiers, vornehmlich aus der Bundesrepublik und Ungarn, zum ersten umfassenden Kongreß über west-östliche Industrie-Kooperationen. Im Sog zunehmender Polit-Entspannung beschworen sie, so AEG-Vorstand Mattias Schmitt, »den Pragmatismus« im Handel zwischen Ost und West.

Nie zuvor fanden sich im Land zwischen Pußta und Balaton so viele westdeutsche Spitzen-Manager ein, um die handelspolitischen Auswirkungen der seit fast fünf Jahren lautlos vollzogenen Wirtschaftsreform in Ungarn abzutasten. Seit dem Einmarsch der Sowjets in Prag zeigten noch nie wieder Wirtschaftsfunktionäre eines Comecon-Landes so offen und einheitlich ihre Sympathien für kapitalistische Marktprinzipien und westliches Fertigungs-Know-how.

Von den Österreichern zusammengebracht -- Kongreßveranstalter war das Donau-Europäische Institut in Wien -, debattierten Deutsche und Ungarn drei Tage lang über Techniken der betrieblichen Zusammenarbeit, Rechtsprobleme gemeinsamer Unternehmen im Osten sowie Finanzverflechtungen zwischen den Blöcken. Dem westdeutschen Osthandel bot sich, so Siemens-Vorstand Paul Dax, »eine ganz ungewöhnliche Veranstaltung«.

Vor Konzernmanagern wie Hoechst-Verkaufs-Chef Willi Hoerkens und Daimler- Vorstandspropagandist Heinz Schmidt proklamierte Ungarns stellvertretender Außenhandels-Minister Jenö Baczoni »die dritte Dimension« im Handel zwischen Ost und West: Die Zeit des reinen Warenaustausches sei vorbei, selbst großzügige Kredite brächten nichts Neues -- allein die grenzsprengende Integration von »selbständigen Firmen« könne die Güterströme noch verstärken.

Staunen ergriff die westdeutschen Industrieführer im Ballsaal des Budapester Nobel-Hotels Duna Inter-Continental, als die Ungarn ihre in der Wirtschaftsreform vollzogenen Veränderungen umschrieben:

* Etwa 100 ungarische Industriebetriebe haben mittlerweile die Möglichkeit, selbständig -- ohne Kontrolle

* Stellvertretender Ministerpräsident Ungarns.

zentraler Behörden -- Im- und Exportgeschäften nachzugehen;

* die ungarische Nationalbank gründete eine Kooperationsabteilung zur Finanzierung von west-östlichen Gemeinschaftsprojekten;

* insgesamt wurden bereits 240 derartige Kooperationsverträge abgeschlossen -- kein anderes Comecon-Land weist nur annähernd eine gleiche Integrationsdichte mit westlichen Industriefirmen auf. Miklós Virág, Generaldirektor einer eigens gegründeten Clearing-Stelle für Abkommen dieser Art, sah in der Zusammenarbeit von plan- und marktwirtschaftlichen Betrieben überhaupt keine Schwierigkeiten: Er verglich die noch vorhandenen Genehmigungsverfahren seines Landes mit Außenhandelshemmnissen etwa in England oder Frankreich.

Detailliert legten er und seine Mitarbeiter den Managern von VW, Flick, MAN und Mannesmann dar, was ihr Land unter Ost-West-Kooperation versteht:

* gemeinsame Fertigung im Lizenznachbau -- Krupp ließ beispielsweise nach eigenen Konstruktionsplänen in Ungarn elektronisch gesteuerte Kurzdrehbänke bauen. Die Maschinen wurden von beiden Parteien verkauft;

* gegenseitige Zulieferungen für eigene Produktionsprogramme -- MAN bezieht für seine Lastkraftwagen Einzelteile aus Ungarn, lieferte andererseits fertige Motoren nach Budapest;

* Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung -- Siemens läßt für seinen Computer-Bereich Software-Programme bei den Ungarn entwerfen. Die Partner versprechen sich dadurch Anpassung und Austausch ihrer Techniken.

Die Magyaren verwiesen die westdeutschen Manager sogar auf Direktinvestitionen kapitalistischer Unternehmen in ihrem Lande, wobei sie allerdings derartige Beteiligungen an ihren eigenen Betrieben -- bis höchstens 49 Prozent des Grundkapitals -- nur in Ausnahmefällen gewähren wollten.

Die Wandlungen der ungarischen Wirtschaft zu einer marktorientierten, dezentralisierten Nationalökonomie muteten die Westdeutschen so verblüffend an, daß Commerzbank-Vorstand Robert Dhom im Verlauf der Tagung konstatierte, im Ost-West-Handel sei man »nach jahrzehntelanger Unterbrechung wieder da, wo unsere Großeltern waren« --

Denn einzig in Abstimmung mit dem Comecon hatte Budapest in der letzten Zeit auch zwei Staatsanleihen in West-Europa plaziert: über insgesamt 75 Millionen Dollar, mit Laufzeiten von zuerst zehn und dann 15 Jahren.

Ungarns stellvertretender Nationalbank-Chef Janös Fekete erwies sich in westlichen Kapitalmarkt-Theorien so beschlagen, daß Sparkassenpräsident Helmut Geiger -- gleichfalls eingeflogen -- verwundert feststellte, er sei »ein Friedman in Reinkultur«.

Von der West-Orientierung der Budapester Wirtschaftsführer angetan, wollte schließlich auch Rüstungsmanager Sepp Hort von Messerschmitt-Bölkow-Blohm sich »einmal umsehen, was man hier vielleicht an einzelnen Komponenten fertigen kann«. Und Blendax-Chef Harms Honstetter eilte in großem Gefolge von Besprechung zu Besprechung -- unruhig, daß »die Amerikaner Wind bekommen und den ungarischen Markt vor uns erobern«.

Resümierte einer der bundesdeutschen Bankiers: »Die Ungarn wollen in ihrer Wirtschaft dasselbe wie damals die Tschechen. Sie sagen es bloß sehr selten so offen.«

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