BÖRSE Die Fusion der Paten
Mittwochmorgen, Punkt sechs Uhr, kam für die großen New Yorker Mafiafamilien der Börsencrash. Agenten des FBI klopften Mitglieder der Gambinos, Colombos, Bonannos, Genoveses und Lucheses im Morgengrauen aus dem Bett, nahmen 11 von ihnen fest und weitere 109 Komplizen im ganzen Land. Sie sollen, so die Anklage der Staatsanwaltschaft in New York, im größten Wertpapierbetrug der US-Geschichte Investoren um 50 Millionen US-Dollar geprellt haben. Und zwar - das ist neu - gemeinsam.
Traditionell liefern sich die Mafiosi-Sippen bleihaltige Kämpfe um Marktanteile, etwa beim Drogenhandel oder der Müllabfuhr, bei Pferderennbahnen oder Spielcasinos. Doch die Gewinne in dieser Old Economy des kriminellen Sektors schienen mit einem Mal nicht mehr auszureichen angesichts der Profite, die ganz normale, unbewaffnete Menschen neuerdings ohne große Anstrengung und meist ganz legal an der Wall Street einheimsen.
Die Paten entschieden, stärker beim großen Spiel an der Börse einzusteigen. Wie in der richtigen Wirtschaft beschlossen sie erst einmal eine Art Fusion. Die kriminellen Energien sollten geballt, die Synergieeffekte genutzt werden für den großen Fischzug an der Wall Street. Schließlich warteten da draußen Millionen Dollar von naiven Anlegern, bei denen, ausgelöst durch den Hype um die Internet-Aktien, die Gier alle Vorsicht hat vergessen lassen.
Um den strengen Blicken der Börsenaufsicht zu entgehen, nistete sich die Mafia in dem kaum beobachteten Markt für Billigaktien ein. Dort werden die Papiere von Kleinunternehmen im Freiverkehr gehandelt, eine Chance für Start-ups, schnell und unkompliziert an Startkapital zu kommen. Eine Chance auch für die Investmentbank DMN, die laut Staatsanwaltschaft von Bonanno-Gang-Mitglied »Little Robert« Lino zur Betrugszentrale ausgebaut wurde und bald wie ein Magnet alle Halb- und Unterweltler der Wall Street anzog. »Eine Bank für Betrüger und Korrupte«, urteilt die New Yorker Staatsanwältin Mary Jo White.
Als Betrugsschema nutzen die organisierten Verbrecher ein altes Modell: »pump and dump«, aufblasen und versenken. DMN und Konsorten sollen große Partien von Billigaktien unauffälliger Unternehmen wie etwa eines Inline-Skates-Herstellers, eines Dachziegelverwerters, einer Fast-Food-Firma und eines Wasserfilterproduzenten gekauft haben. Dann sollen Aktienbroker anderer Firmen bestochen worden sein, damit sie diese Papiere aggressiv anpreisen. Mit falschen und irreführenden Informationen, die durch ein sorgsam konstruiertes Netzwerk von Web-Seiten und Anlegerberaterdiensten verbreitet wurden, lockten sie Käufer, so die Staatsanwältin. Stieg schließlich der Preis der vermeintlich heißen Aktie, verkauften die Mafiosi.
Den unbedingten Einsatzwillen der 70 beteiligten Broker und Berater stellte die Mafia in manchen Fällen durch direkte Schmerzerfahrung sicher. So wurden Händler, deren reguläre Kunden die Papiere beim Höchststand abstießen, laut Anklageschrift brutal zusammengeschlagen. »Egal, in welchen Markt die Mafia eindringt, ihre Methoden sind immer die gleichen: Gewalt und die Androhung von Gewalt«, sagt Barry Mawn, stellvertretender FBI-Chef von New York. Ein als Informant verdächtigtes Clan-Mitglied sollte gar ermordet werden.
Einen gewissen Sinn für Humor lässt dagegen ein anderer aufgedeckter Betrugstrick erkennen: Die Mafiosi planten, mit Hilfe korrupter Gewerkschaftler mehrere Pensionsfonds auszuräubern - unter anderem den der Kriminalpolizei.
Dabei soll der gerade erst in Ehren pensionierte - und von seiner Rente offenbar schwer enttäuschte - New Yorker Kriminalbeamte Stephen Gardell geholfen haben. Er war Schatzmeister einer Polizeigewerkschaft, die auch den Pensionfonds managt. Außerdem habe er Ermittlungsergebnisse weitergegeben und seinen Mafiafreunden sowohl Waffenscheine als auch Parkerlaubnisse für New York City verschafft. Für seine Mühen soll er einen Swimmingpool und luxuriöse Aufenthalte in Las Vegas und Atlantic City sowie einen Pelzmantel erhalten haben.
Weiterer Reibach floss durch überteuerte Verkaufskommissionen in die Kassen der Cosa Nostra, wie das FBI durch langwierige Lauschangriffe auf die DMN-Bank herausfand. Seit Jahren schon beobachtete das FBI die Infiltration der Wall Street durch die Cosa Nostra, seit Dezember 1999 wurde abgehört. Erst als ein überführter DMN-Angestellter als Zeuge - Deckname »CW-1« - auspackte, war genügend Beweismaterial vorhanden für die Durchführung der »Operation Upstick«.
Gegen 11 Mafiosi, 70 Broker und Berater, 30 Angehörige der Aktienfirmen, einen Polizisten und einen US-Fondsmanager wurden Haftbefehle erstellt, unter ihnen der Aktienhändler Vincent Langella sowie die mutmaßlichen Mafiamitglieder Salvatore Piazza und Michael Grecco. 19 börsennotierte Firmen waren an dem Betrug beteiligt, doch trotz der enormen Zahl blieb die Aufregung über die Mafia an der Wall Street aus. »Die sind doch schon seit 1000 Jahren hier«, sagte ein Broker in einer Bar nahe der Börse, »geändert hat sich nur, dass sie jetzt schärfer verfolgt werden.« MICHAELA SCHIEßL