Die Glotz-Kolumne: Wo bleibt Europa? - DER SPIEGEL
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Die Glotz-Kolumne Wo bleibt Europa?

Kein Zweifel, die Fusion der neuen, 1985 gegründeten Internet-Firma AOL und des alten Medienriesen Time Warner ist ein grelles Signal. Man mag bedenklich den Kopf wiegen, ob die Ehe eines Seehundes mit einem Hund erfolgreich vollzogen werden wird. Unbestreitbar verändert aber dieser Deal die Medienwelt. Die Claims auf dem Tagebau der Kommunikation werden neu abgesteckt.
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Die ersten Kommentare zu dieser einvernehmlichen Transaktion waren noch von der Überraschung geprägt, dass der Kleinere den Größeren übernahm. Der David schlüge den Goliath, das Vehikel kaufe sich seine Fracht, hieß es. Und richtig: AOL ist mit 12.100 Mitarbeitern erheblich kleiner als Time Warner mit 70.000 Angestellten und hat auch nur ein Sechstel des Jahresumsatzes; und doch wird AOL-Gründer Steve Case (41) der erste und Gerold Levin (60) von Time Warner der zweite Mann des Konglomerats. Dies wundert aber nur jene Klassiker, die regelmäßig eine "Überbewertung" von Internet-Unternehmen befürchten und einen baldigen Crash prophezeien. Die hohe Marktkapitalisierung von AOL (164 Milliarden Dollar gegen 83 Milliarden von Time Warner) beruht nicht nur auf Wachstumserwartungen, sondern auch auf einem soliden Erlöswachstum. Die Umsatzrendite von AOL lag deutlich über der von Time Warner. In Zukunft dürften noch viele "Swaps" (also Aktientausch) dieser Art stattfinden. Im digitalen Kapitalismus gelten andere Gesetze als im Industriekapitalismus, in dem man brav mit Cash zahlte.

So ist der Erfolg der Fusion nicht garantiert. Die Aktienkurse beider Unternehmen fielen nach einem plötzlichem Hoch markant. Es gibt Analysten, die eine Verlangsamung des Wachstums von AOL durch den Zusammenschluss befürchten und die Strategie von Yahoo - der "Schweiz des Internets" – bevorzugen. Dieser AOL-Rivale setzt auf Flexibilität und Spezialisierung, beschränkt sich auf die Rolle eines 'Portals' und verschreibt sich weder einem Inhaltslieferanten noch einem Internetanschlussbetreiber. In der Tat ist nicht sicher, dass Case und Levin die höchst unterschiedlichen Kulturen beider Unternehmen harmonisieren können.

Allerdings zeigt die Vision des Mergers eine Richtung an, in der sich künftig viele bewegen werden. AOL will sich die schnellen Internet-Anschlüsse sichern, die über die 21 Millionen Kabelanschlüsse von Time Warner gewinnbar sind. Diese stellen zwar nur die Verbindung zu einem Fünftel der amerikanischen Haushalte her; deshalb wispern Eingeweihte schon von einer losen Allianz zwischen AOL, Time Warner und AT & T, einem anderen Kabelgiganten. In jedem Fall aber wird die Vision hinter dem Deal sichtbar; sie heißt Konvergenz, Fusion zwischen Internet und Fernsehen. Case und Levin träumen davon, aus einem statischen Textuniversum (mit zehn Prozent Bildern), das das Internet heute darstellt, eine dynamische Arena mit brillanter Bild- und Tonqualität zu machen. Das wäre ohne Zweifel eine Revolution.

Wie müssten die Europäer auf diese Herausforderung reagieren? Ginge es nach rein wirtschaftlichen Kriterien, müsste Ron Sommer, der Chef der Deutschen Telekom, den in Gang befindlichen Prozess des Verkaufs seiner Kabel sofort stoppen und seinen – in Europa durchaus erfolgreichen – Onlinedienst T-Online mit dem eigenen Kabelimperium verbinden. Er könnte auch überlegen, auf Bertelsmann zuzugehen. Thomas Middelhoff, der Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann, der mit AOL in Europa ein Joint Venture betreibt, will aus dem Board aus AOL aussteigen, weil er – wie er CNBC sagte – als Konkurrent nicht gut als Aufsichtsrat im neuen Unternehmen sitzen könne. Noch wird versichert, die Verbindung von AOL und Bertelsmann in Europa werde sich auch nach der Fusion fortsetzen. Ob das aber wirklich funktioniert, steht in den Sternen. Man könnte also überlegen, die Karten neu zu mischen.

Man könnte; aber man wird wohl nicht dürfen. Denn die Telekom verkauft ihr Kabel nicht aus Daffke, sondern weil die Europäische Union sie dazu (sanft) drängt. Im Übrigen stieß schon eine Verbindung von Bertelsmann mit der Kirch-Gruppe – im weltweiten Maßstab ein Mittelständler – auf den unüberwindbaren Widerstand des Wettbewerbskommissars der Europäischen Union. In Brüssel denkt man vorerst nicht global, sondern regional.

Wie lange sich diese Philosophie halten kann, ist offen. In den USA wird vermutet, dass die Fusion AOL-Time Warner sogar dem Quasi-Monopolisten Microsoft helfen könnte. Wenn man AOL-Time Warner zulasse, könne man Microsoft nicht gut zerschlagen. In Europa allerdings gelten andere Prinzipien. Sie könnten leicht dazu führen, dass Europa eher ein Spielfeld als ein Spieler wird. Wenn die amerikanischen Regulierer die Fusion AOL-Time Warner passieren lassen, stehen die europäischen Regulierer unter Zugzwang.