Die Katastrophen-Wächter - DER SPIEGEL
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Versicherungen Die Katastrophen-Wächter

Erdbeben, Sturmfluten und Taifune richten immer gewaltigere Schäden an, die von Versicherungen ersetzt werden müssen. Die Münchner Rück versucht, das Risiko zu begrenzen.
Von Wolfgang Reuter
• aus DER SPIEGEL 53/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Konzentriert betrachtet Andreas Siebert die Deutschlandkarte auf seinem Computerschirm. Mit dem Zeigefinger hält er die Maustaste gedrückt. Behutsam zeichnet er einen Bogen von der ostfriesischen Küste über Berlin bis Frankfurt (Oder). »Breite des Sturmbandes?« will der Computer wissen. Der Geograph klickt 20 Kilometer an. Sofort verwandelt sich der dünne Strich in einen grellgelben Streifen. »Windgeschwindigkeit?« Siebert wählt 120 Stundenkilometer, dann drückt er die Enter-Taste.

Sekunden später spuckt der Rechner das Ergebnis aus: »Gesamtschaden: 268 Millionen Mark«. Siebert will es genauer wissen. Per Knopfdruck erscheint eine Tabelle. Neben jedem von dem Orkan betroffenen Postleitzahlen-Bezirk steht dort die Zahl der abgeschlossenen Policen, die Gesamthöhe der versicherten Werte - und der für den jeweiligen Bezirk zu erwartende Schaden, den die Versicherung in diesem Fall ersetzen müßte.

Siebert ist Mitarbeiter der »Forschungsgruppe Geowissenschaften« bei der Münchner Rückversicherung. Die Wissenschaftler lassen die Erde erzittern, Flüsse über die Ufer treten, sie schicken Hagel und Feuerstürme über ihre Bildschirme, lassen ganze Landstriche austrocknen oder Vulkane ausbrechen. Mit den Simulationen berechnen sie sogenannte Worstcase-Szenarios, die schlimmsten denkbaren Schäden, die einer Versicherung entstehen können.

Für die Münchner Rück sind diese Analysen besonders wichtig, schließlich versichert das Unternehmen Versicherungen. Und die operieren in einem immer engeren und gefährlicheren Markt. Niemand weiß das besser als die Wissenschaftler in der Forschungsgruppe. Seit 25 Jahren analysieren sie Naturkatastrophen - und haben dabei einen bedrohlichen Trend erkannt.

Die Zahl der Naturkatastrophen erreicht immer neue Rekorde. Allein in diesem Jahr zählte die Münchner Rückversicherung 710 Desaster, bei denen Millionenschäden entstanden - das sind mehr als je zuvor. 7 Naturkatastrophen waren so gewaltig, daß die betroffenen Regionen die Situation ohne fremde Hilfe nicht bewältigen konnten.

»Der Anstieg ist auch eine Folge des Treibhaus-Effektes«, erklärt Gerhard Berz, der Leiter der Forschungsgruppe, und der wiederum, da ist sich der Meteorologe und Klimatologe sicher, »ist von Menschen gemacht«.

Mit dieser klaren Position wird Berz, der enge Kontakte zu Greenpeace pflegt, von Umweltschützern gern zitiert. Sie schätzen ihn als Kronzeugen, schließlich stammt er aus den Reihen der Industrie und gehört somit eigentlich zum gegnerischen Lager.

Doch so einfach ist die Sache nicht. »Die Erwärmung der Erdatmosphäre ist nur die eine Seite der Medaille«, sagt Berz. »Auf der anderen steht die stetig zunehmende Verstädterung.« Über 320 Millionenstädte gibt es mittlerweile, viermal mehr als 1950.

In den Molochen aus Asphalt und Beton kommt die Gewalt der Erde erst so richtig zur Geltung. Hier prasseln von Stürmen abgedeckte Dachziegel auf Autos, Nachbarhäuser oder Menschen. Erdbeben lassen Gasleitungen bersten und lösen so Flächenbrände aus.

Heftige Niederschläge stauen sich über den versiegelten Böden zu Flutmassen, die Kellerräume ausspülen oder zu Stromausfällen führen und damit ganze Industriegebiete lahmlegen oder riesige Datensätze zerstören. Selbst eine ganz normale Hitzewelle kostet in einer Millionenmetropole, verglichen mit einer ländlichen Region, ein Vielfaches an Menschenleben.

Jedes Jahr sterben Zehntausende bei Erdbeben, Stürmen und Überschwemmungen, die meisten davon in Städten. In diesem Jahr forderte die Natur mehr als 50 000 Tote. Die volkswirtschaftlichen Schäden durch Naturkatastrophen haben sich seit den sechziger Jahren verneunfacht, 1998 sind es über 90 Milliarden Dollar.

Allein die Überschwemmungen des Jangtse kosten die chinesische Wirtschaft 30 Milliarden Dollar. Hurrikan »Georges« vernichtete in der Karibik und in den USA Werte in Höhe von 10 Milliarden Dollar. Fast schon bescheiden wirkt dagegen Hurrikan »Mitch«, der in Honduras und Nicaragua Schäden in Höhe von 5 Milliarden Dollar verursachte.

Die Versicherungen sehen den Trend mit Sorge. Die Schäden, die sie ersetzen müssen, sind seit 1950 um das 15fache gestiegen, die entsprechenden Versicherungsbeiträge haben sich dagegen nur etwa vervierfacht.

Die Konzerne setzen deshalb auf Risikostreuung. »Keine Gesellschaft kann es sich mehr leisten, wahllos Policen in einer gefährdeten Region anzuhäufen«, erklärt Berz, der Klimatologe im Dienste der Münchner Rück. Tut sie es doch, droht ihr das Aus. So hat allein Hurrikan »Andrew« 1992 in den USA zehn regionale Versicherungsgesellschaften in die Pleite getrieben.

Die Münchner Rück geht auf Nummer Sicher. Dabei kommt ihr die riesige Datenbank zugute, die Berz und seine Forschertruppe in mühevoller Recherche zusammengestellt haben.

Die Katastrophen-Wächter können mit einem Tastendruck die Verteilung der Erdbebenhäufigkeit in Deutschland abrufen. Sogar historische Überlieferungen wurden ausgewertet. »Wir haben Beben berücksichtigt, die im achten Jahrhundert die Erde erschütterten«, sagt Siebert.

Die Beschreibungen von Hunderten namentlich meist unbekannter Chronisten landeten so Jahrhunderte später »wissenschaftlich kalibriert« (Berz) im Computer der Münchner Rück. Gekoppelt mit der Verteilung der Policen, wird daraus berechnet, welcher Erdbebenschaden bei einer Versicherung mit welcher Wahrscheinlichkeit eintritt.

Macht solch ein Aufwand Sinn, wo doch Erdbeben in Deutschland vergleichsweise selten und harmlos sind? »Gerade die unscheinbaren Risiken werden von Versicherungen manchmal ganz einfach übersehen«, sagt Berz.

Im von Erdbeben heimgesuchten Japan hatten die Versicherungen ihre Kunden bis 1991 auch gegen Sturmschäden versichert - jedoch vergessen, dafür die entsprechenden Beiträge zu verlangen. Dann fegte der Taifun »Mireille« über Kyushu und Hokkaido und richtete sechs Milliarden Dollar Schaden an. Über fünf Milliarden mußten die Gesellschaften zahlen.

Die Analysen helfen der Münchner Rück, aber auch deren Kunden, die Risiken in ihrem Versicherungsbestand zu erkennen. »Wir wollen schließlich wissen, auf was wir uns einlassen«, sagt Siebert.

Die Kaufleute der Rückversicherung, sogenannte Underwriter, sollen die von der Forschungsgruppe eigens entwickelte Software zur Risiko-Analyse schon in einigen Monaten selbst anwenden können. Ihr Hauptelement ist eine feinrasterige Version der von den Wissenschaftlern entwickelten »Weltkarte der Naturkatastrophen«.

Künftig können die Underwriter auf ihrem Computer jeden Ausschnitt der Erdkugel beliebig vergrößern - und beispielsweise den geplanten Standort einer petrochemischen Anlage in Indonesien anklicken. Sekunden später zeigt der Bildschirm die Gefährdung der Region durch Erdbeben, Tornados und Überschwemmungen an. Mit den Daten können sie die Rückversicherungsprämie errechnen.

Schon heute rufen bei jedem der 15 Forscher in der Gruppe täglich zwei bis drei Versicherungskaufleute an. »Wie hoch ist die Ausfallwahrscheinlichkeit für ein Skirennen in Garmisch?« fragen sie beispielsweise, oder »Wie groß ist die Erdbebengefahr in Johannesburg?«

Berz und sein Expertenteam helfen den Kollegen weiter. »Aber wehe, wir nennen unseren Verkäufern eine Prämie, die dem Risiko gerecht wird - dann ist das Wehklagen groß«, sagt Berz. »Seid ihr wahnsinnig, da treiben wir den Kunden schnurstracks in die Arme der Konkurrenz«, heißt es dann am anderen Ende der Leitung.

Die Wissenschaftler versuchen, einen Kompromiß mit den Underwritern zu finden. So kann zum Beispiel eine höhere Selbstbeteiligung der Kunden vereinbart werden. Aber oft können sie sich, Risikoanalyse hin oder her, nicht durchsetzen. »Letztendlich bestimmt der Wettbewerb die Preise«, sagt Berz.

Die Frage ist nur: wie lange noch? Steigen die Schadenssummen weiter so stark wie in den letzten Jahrzehnten, stößt die Versicherungswirtschaft an ihre Grenzen. Entweder die Beiträge ziehen an - oder die Prämien sinken.

In Japan ist dieser Trend schon heute erkennbar. Keine japanische Firma könne sich noch eine 100prozentige Versicherung gegen das enorme Erdbebenrisiko leisten, so Berz. »Wenn es dort kracht, ist sowieso alles verloren - und das weiß auch jeder.«

In Tokio haben die Firmen deswegen meist nur um die 15 Prozent ihres Wertes gedeckt - als Starthilfe für einen Neuanfang. WOLFGANG REUTER

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Durch Naturkatastrophen weltweit verursachte Schäden in

Millionen Dollar

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Durch Naturkatastrophen weltweit verursachte Schäden in

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