Die Lach-Nummer - DER SPIEGEL
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AUFSTEIGER Die Lach-Nummer

Kein anderer deutscher Unternehmer hat sich so raffiniert selbst vermarktet wie der Mobilcom-Chef Gerhard Schmid. Dieses Jahr wird das nicht mehr reichen.
• aus DER SPIEGEL 6/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Vorstandsvorsitzende liebt es lustig. Scharen putziger Porzellan-Clowns bevölkern das Büro von Mobilcom-Chef Gerhard Schmid, 46. Der eine spielt Karten, der nächste Trompete, der dritte - klar - mit einem Handy. Schmid spielt dazu den Philosophen.

Clowns seien für ihn der Inbegriff von Freudenspendern: stets unterhaltsam, nie auf Kosten anderer. Natürlich sieht er sich genauso. Aber wenn Schmid an diesem verregneten Abend lacht, dann hart und hämisch mit unangenehm-kämpferischer Hab'-ich's-euch-nicht-gesagt-Attitüde. Sein Tag war voll von kleinen Katastrophen. Und nebenher hat sich Schmid wieder kräftig zum Kasper machen müssen.

Schon morgens um 9 Uhr testete er fürs »Manager Magazin« den Audi TT. Auch ein PR-Genie wie er muß für eine große Story sonst mehr tun, als 20 Minuten über die Autobahn zu kacheln. Mittags fragte ihn ein junger Radio-Reporter nach der Telekom-Reklame, die Schmids Firma als »Mogelcom« beschimpft hatte. Unter seinem schütteren Blondschopf lief der Chef dunkelrot an und schnaufte, daß er auf so eine Frage gar nicht eingehe. Er antwortete trotzdem, klang aber gar nicht mehr lustig.

Danach wurde er eine Stunde vom »Wall Street Journal« ausgequetscht. Und schließlich wollte ein Kameramann vom NDR, daß er zur Bebilderung einer Geschichte über den Telefonpreiskrieg »die Treppe runterrennt«. Ob er auch hinauflaufen dürfe, fragte Schmid, dem Kommentare schwanten von der Sorte: Jetzt geht's abwärts.

Es geht übrigens tatsächlich abwärts: Beamte der Regulierungsbehörde torpedieren seine Expansionspläne, Verbraucherverbände seine Werbekapriolen und die Konkurrenten seinen einstigen Dumpingtarif von 19 Pfennig pro Minute. Die 01019-Vorwahl droht zur Lach-Nummer zu werden, weil längst etliche billiger sind. Die Telekom lähmt den Konkurrenten mit allerlei Unterlassungserklärungen. Und Mobilcom? Lähmt sich selbst.

Unangenehm ist es, wenn »Handy-Kunde Heinz« sich in »Bild« beschwert, daß er seit fast einem Jahr auf eine Telefonrechnung warte. »Ihr braucht doch auch das Geld!« schimpft Heinz, was das Boulevardblatt mit der Spitze garniert: »Schmid ist bereits Milliardär.« Das klingt wie: Der hat eure paar Kröten nicht mehr nötig. »Neid verkauft sich gut«, sagt Schmid bemüht teilnahmslos. »Fast so gut wie Sex.«

Furchtbarer trifft es den Neu-Milliardär, wenn Hacker ihm vorwerfen, daß sie im Mobilcom-Rechner die Daten seiner Internet-Kunden aufspürten. Soviel Transparenz verträgt nicht einmal der neue Großraum-Glaspalast seiner Firma im schleswigschen Nest Büdelsdorf.

Und ganz schrecklich wird es, wenn zwei Service-Leute ihn beim Kantinenessen damit zu trösten versuchen, daß sich ohnehin nur wenige in seinem Netz verfangen. Die Leitungen seien hoffnungslos überlastet. Es hagle Kundenproteste. So was zieht Schmid noch tiefer runter als die schwere Soße auf dem Zigeunerbraten.

Der eilends kontaktierte Techniker schwadroniert über »Cisco-Router« und »Traffic Shaping«. Am Ende des Gesprächs ist klar, daß eine Woche Zeit bleibt, das Problem zu lösen. Genauer gesagt: »Siebenmal 24 Stunden«. Bis dahin darf der Kundendienst die Beschwerden in »Schlimm« und »Besonders schlimm« einteilen. »Scheiße«, schnarrt Schmid. Genauer gesagt: »Alles Scheiße!«

Telekommunikation ist ein kompliziertes Geschäft. Und es war bisher die Stärke des Maurersohns aus dem fränkischen Selb, es so simpel wie möglich zu verkaufen, seit er anfing, damit reich zu werden.

Als Assistent im Hutschenreuther-Management hatte er gelernt, wie große Werke und ihre Mitarbeiterheere funktionieren. Als Kurdirektor des Ostseebades Damp war ihm klargeworden, wie man Kunden bei Laune hält. Und als Sixt-Vorstand hatte er verstanden, daß es nicht genügt, einen Markt zu entdecken. »Man muß ihn sich nehmen.« Schmid nahm sich das Telefongeschäft. Wenn der Alt-Monopolist Telekom mit seinem riesigen Netz ein Straßenbauer war, dann wollte er der schnellste und billigste Spediteur sein. 1997 versorgte die Börse seine Mobilcom AG mit dem nötigen Geld. Postminister Wolfgang Bötsch steuerte eine strahlende Zukunft bei.

Nur 2,7 Pfennig, entschied er, müßten die Leitungsuntermieter im Schnitt pro Gesprächsminute zahlen. Doch während sich Otelo, Talkline oder Arcor zunächst im Dickicht des selbstkultivierten Preisdschungels verloren, schlug Schmid mit dem Immer-und-überall-Traumtarif von 19 Pfennig pro Minute und lustiger Werbung eine Bresche in Herzen und Hirne der verwirrten Kundschaft.

Telefonieren mit Mobilcom »kann sich jeder Praktikant leisten«, titelte er zu einem Foto von Bill Clinton und Monica Lewinsky. Schmid konnte sich solche Späße leisten, weil er keinen schwerfällig-ängstlichen Mutterkonzern im Nacken hatte, der ihm den Mund verbot. Da stand er nun, der Rächer der Entnervten, der Robin Hood von Festnetz-Forest. Sein Name war fortan Nachricht, auch wenn die Nachricht nicht immer namhaft war.

Mal posaunte er heraus, Teile von Hagenuk Telecom zu übernehmen. Wenige Tage später zog er das Angebot zurück. Mal avisierte er, daß Ex-Postminister Bötsch bald den Mobilcom-Aufsichtsrat garnieren werde. Bis zur Hauptversammlung hatte Bötsch es sich anders überlegt. Im Oktober bot Schmid dem Daimler-Chrysler-Konzern sogar an, dessen Tochter Debitel für über zwei Milliarden Mark zu übernehmen.

Absichten eines Clowns? Vielleicht hätte er sich damit auch selbst übernommen, doch die Debitel-Manager lachten nur herzlich. Noch lauter lachten Schmids Aktionäre, die sich über immer neue Rekordmarken freuen konnten (siehe Grafik Seite 95). Dank Aktienoptionen sollen allein 125 Mobilcom-Mitarbeiter zu Millionären in spe geworden sein.

Schmid trat derweil an der Seite abgehalfterter Schauspielerinnen in Talkshows auf und parlierte ohne Scheu mit »Gala« oder »Neue Revue«. Einmal traf er sich sogar mit Ron Sommer von der Telekom. Die beiden Vorstandschefs sind die einzigen Popstars in der Goldgrube der von grauen Ingenieuren dominierten Telekommunikation. Aber im Vergleich zum alerten Sommer ist Schmid eher der Peter Maffay der Branche.

Ein bulliger Ex-Eishockey-Halbprofi. Ein Malocher ohne Milliardärsallüren, der seine Briefe immer noch selbst schreibt und statt Rolex lieber eine Mobilcom-Plastikuhr zur Schau trägt. Ein Underdog, sagt Schmid über Schmid. Ein Parasit, giftete die Telekom nach dem Gipfeltreffen.

Berauscht von der eigenen Medienmacht, schrieb sich Schmid eine neue Hauptrolle: die des rotzfrechen David im Kampf gegen den bösen Goliath Telekom. »Kein Sehfehler«, titelte er in pinkfarbenen Anzeigen, die denen des Konkurrenten täuschend ähnlich sahen: »Die günstige Vorwahl für Telekom-Kunden.«

Prompt mußte Telekom-Werbeträger Manfred Krug seine »Tatort«-Dreharbeiten verschieben, um sich im hastig produzierten Gegen-Spot(t) mit der Anzeige eine Zigarre anzuzünden und zu murmeln: »Das ist gar nicht von der Telekom, sondern von der Mogelcom.«

Erst verehrten Schmid die Anleger, dann die Kunden und schließlich die Journalisten, die dankbar jedes neue Werbescharmützel aufgriffen. Business ist Show. Und die Show ist Schmid.

»Wir müssen polarisieren«, sagt er. Mobilcom werde geliebt oder gehaßt. Die Grauzone dazwischen überläßt er anderen. Seit Ende vorigen Jahres lieben ihn vor allem Anwälte. Rund 30 Verfahren seien mittlerweile anhängig. Zwischen all den Strafanzeigen, Unterlassungserklärungen und Betrugsvorwürfen konnte man glatt aus den Augen verlieren, daß alle Konkurrenten irgendwann billiger waren als der Ex-Telefon-Aldi.

So entdeckte Schmid die Steigerung von günstig: umsonst. An Weihnachten lockte er erstmals mit Gratis-Telefonaten. Natürlich brachen die Leitungen zusammen. Dann koberte er mit einer Freiminute bei Ferngesprächen. Der Haken: Nur fest registrierte Mobilcom-Kunden konnten anfangs gratis telefonieren. Auch die nur zwischen 19 und 24 Uhr. Und wer länger als 60 Sekunden an der Strippe hing, mußte das Gespräch komplett bezahlen. Mittlerweile ist auch das wieder Makulatur. Aber das Geschrei ebbt nur langsam ab.

»Anrüchig« nennt Wilhelm Hübner vom Deutschen Verband für Post und Telekommunikation solche Köder. »Irreführend«, schimpft Reiner Münker von der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs und klagte beim Landgericht Kiel. Schmid habe »hier und da die Bodenhaftung verloren«, lästert Telekom-Sprecher Jürgen Kindervater. Der Kampf gegen Goliath hat David groß gemacht. Nun droht er zum Meister des Kleingedruckten zu werden.

Von diesem Jahr an entscheide nicht mehr Preis, sondern Service, ahnt Schmid. Von seinem Service kann er nur Stammkunden überzeugen. Und um die zu ködern, dreht er wieder am Preis. Künftig will er auch Autos oder Flugreisen verlosen, um Leute zu locken. Aber solche Aktionen drücken nicht nur die Profite, sondern auch das Image, denn sie klingen eher nach Drückerkolonne als nach Dumping-Charme.

Und weil Image überhaupt das wichtigste ist, engagierte Schmid nun das Kreischigste, was die Werbeszene zu bieten hat: die Hamburger Agentur »Zum Goldenen Hirschen«, die ihre Bürofenster an der Alster mit roten Lämpchen schmückt wie einen Reeperbahnpuff. Normalerweise würden sie von ihren Kunden eher zurückgepfiffen, sagt Agentur-Mann Bernd Heusinger. Schmid könne es dagegen gar nicht wild genug sein. Beide eint ein Hang zum Groben.

Kürzlich verteilten die goldenen Hirschen weiße Kleckse, die man sich ans Revers heften kann. Als »Bill-Clinton-Solidaritäts-Fleck«. Da ist der Grat schon ziemlich schmal zwischen Lacher und Lächerlichkeit. THOMAS TUMA

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