Die Mauern fallen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 37 / 125

Japanische Banken Die Mauern fallen

Mit einem »Big Bang« will die Regierung die verkrustete Finanzwirtschaft liberalisieren. Dem skandalgeschüttelten Geldgewerbe steht eine Radikalkur bevor, am Ende könnten Japans Banken stärker sein denn je.
• aus DER SPIEGEL 30/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Matsui Securities ist ein Zwerg unter Japans 232 Wertpapierhäusern - aber ein angriffslustiger. Wenn Firmenboß Michio Matsui in einem engen Bürogebäude nahe der Tokioter Börse seine Händler anfeuert, klingt er, als befehlige er ein Kamikaze-Kommando.

»Sollen wir mit der Konkurrenz gemeinsam ins Grab wandern?« fragt er und gibt die Antwort gleich selbst: »Nein, wir starten einen brutalen Preiskrieg.«

Vor kurzem noch wäre einer wie Matsui am Börsenplatz Tokio als Störenfried verteufelt worden: Das Finanzministerium hätte ihn streng gerügt. Jetzt darf Michio Matsui, 44, seine Wettbewerber nicht nur ungestraft als »übles Preiskartell« beschimpfen, das seine Kunden »für dumm verkaufe«, die Finanzbürokraten loben solch ungewohnte Worte sogar öffentlich.

Matsui hat als einer der ersten japanischen Finanzdealer die neuen Vorgaben der Obrigkeit verinnerlicht: Mit einem »Big Bang«, einem kräftigen Liberalisierungsknall, will Tokio die verkrustete heimische Finanzindustrie bis zum Jahr 2001 völlig umkrempeln und für den globalen Wettbewerb rüsten.

Die Zeit drängt. Japan muß seine Kapitalmärkte dringend modernisieren, um die rapide Vergreisung der Gesellschaft zu finanzieren. In zehn Jahren werden 21 von 100 Japanern über 65 Jahre alt sein.

Zwar haben die fleißigen Japaner mit einem privaten Sparvermögen von 1200 Billionen Yen (umgerechnet 8000 Milliarden Mark) ein Drittel der gesamten Sparguthaben der Welt angehäuft - eine Summe, mehr als doppelt so groß wie das deutsche Bruttosozialprodukt. Doch ein Großteil davon schlummert in Sparanlagen mit den niedrigsten Zinsen oder Aktien mit den niedrigsten Dividenden der Welt.

Der Big Bang soll japanische Vermögen für riskantere, aber zugleich rentablere Anlagen freisetzen. Nicht nur in Japan, sondern weltweit zeichnet sich schon jetzt ein Wettbewerb um die japanischen Riesenvermögen ab.

»In Japan werden Finanzmärkte entstehen, von denen keiner zu träumen wagte«, sagt Kenneth Courtis, Chefökonom der Deutschen Bank in Tokio. Am Ende der Reform werde sich auch das »globale Spiel« dramatisch ändern.

Mit der Radikalkur will die Regierung den Finanzplatz Tokio in letzter Minute vor der Aushöhlung retten. Eine Serie von Bankenkrisen und Finanzskandalen hat Tokio international in Verruf gebracht.

Während in New York, Frankfurt und Hongkong die Aktienkurse fast täglich neue Höhen erklimmen, hat sich der Tokioter Börsenindex Nikkei seit der vor sieben Jahren geplatzen »Bubble« - Japans spekulativ aufgeblähten Aktienkursen und Immobilienpreisen - auf rund 20 000 Yen halbiert. Entnervt durch bürokratische Gängelei und hohe Marktgebühren verlegten viele ausländische Finanzhäuser ihre Asienzentrale nach Hongkong oder Singapur.

Das schlechte Ansehen der japanischen Kapitalmärkte spiegelt sich auch in der erstaunlich geringen Bedeutung des Yen gegenüber Dollar und Mark wider. Obwohl Japan die größte Gläubigernation der Welt ist, wird nur ein relativ kleiner Teil internationaler Währungstransaktionen in Yen abgewickelt. Die geplante Einführung des Euro droht den Yen noch weiter an den Rand zu drücken.

Mit der Finanzreform will Tokio zum »Gegenangriff« übergehen, sagt Eisuke Sakakikbara vom Finanzministerium. Bisher schirmt ein Dickicht strenger Verordnungen Japans Banken, Wertpapierhäuser und Versicherungen gegeneinander ab. Anders als deutsche Universalbanken dürfen Banken beispielsweise keine Aktien verkaufen und Wertpapierhäuser keine Bankgeschäfte anbieten. Künftig sollen diese Trennmauern verschwinden.

Die Planer wollen den Erfolg des Londoner Big Bang wiederholen, den die Regierung Thatcher 1986 inszenierte. Seitdem stieg der Londoner Anteil am globalen Finanzmarkt von 5 auf über 23 Prozent. Die Kehrseite: Fast alle britischen Broker wurden von ausländischen Konkurrenten geschluckt. Nun müssen sich auch die Japaner auf harte Konkurrenz gefaßt machen.

Japans Finanzwelt ist für das umkämpfte Geschäft mit spekulativen Anlagen - sogenannten Derivaten, wie sie in London oder New York längst üblich sind - schlecht gerüstet. Im Börsenviertel Kabutocho und der Bankenmeile Otemachi in Tokio hat das große Zittern begonnen.

Äußerlich beginnt der Arbeitstag am größten Finanzplatz Asiens noch wie gewohnt. Diszipliniert quillt morgens das abertausendköpfige Heer der Tokioter Finanzhändler in ihren grauen Anzügen aus den U-Bahnschächten. Keiner schubst, keiner schimpft, denn alle wissen: Nur im Einheitstrott kommt die Masse voran, jeder Drängler würde ein Chaos auslösen.

So harmonisch gingen sie am Finanzplatz Tokio bisher auch ihren Geschäften nach: Dicht an dicht leuchten die Neonzeichen der Banken und Wertpapierhäuser von den Bürotürmen. Die Fassaden täuschen einen Wettbewerb vor, den es in Wirklichkeit nie gab.

In der Vergangenheit wies das Finanzministerium den Instituten ihren festen Platz im System zu. Einträchtig klatschten Japans Finanzbosse einmal im Jahr vor dem shintoistischen Kabuto-Schrein der Tokioter-Börse in die Hände: Jeder bekam seinen Segen.

Doch jetzt beginnt am Finanzplatz Tokio ein verzweifelter Überlebenskampf. Daraus dürften große Institute zwar gestärkt hervorgehen, doch viele kleinere und mittlere Finanzhäuser drohen in einer Konkurs- und Fusionswelle unterzugehen: Auf Japans Brokerhäuser warte »die Hölle«, titelte das Wirtschaftsmagazin DIAMOND. In fünf Jahren werde die Hälfte der Institute verschwinden.

Finanzboß Matsui, der seine 150 Händler schon jetzt darauf vorbereitet, nach der Reform als Billigbroker zu überleben, sieht bis zum Jahr 2001 nur noch 20 bis 30 Prozent der heimischen Broker am Markt. Einer davon, so hämmert der Chef seinen Leuten ein, müsse Matsui heißen.

Banken und Versicherungen dürfte der Big Bang ähnlich zusetzen. Zwar hat Japans Regierung den größten 20 Geschäftsbanken des Landes das Überleben bis zum Jahr 2001 garantiert. Doch langfristig würden höchstens zehn bis zwölf der Banken als eigenständige Institute überleben, warnt Mikio Wakatsuki, Ex-Vizegouverneur der Bank von Japan und Chef des Japan Research Institute in Tokio.

Japans Banken müssen Konkurrenz erst noch lernen. Als Hausbanken riesiger Industriegruppierungen wie Sumitomo, Mitsui und Mitsubishi erfüllten sie nach dem Zweiten Weltkrieg für den Staat vor allem eine industriepolitische Aufgabe: Die Spargroschen der Japaner leiteten sie niedrig verzinst als billiges Kapital an die Industrie weiter.

Die Banken häuften auf diese Weise in ihren Bilanzen riesige Vermögen mit minimalen Erträgen an. Kredite überprüften sie nur der Form halber auf Risiken. Schließlich hatten sie nichts zu befürchten: Das Finanzministerium schirmte die Bankmanager gegen Marktrisiken ab.

Wie bei einem Schiffskonvoi sorgt Japans Bürokratie immer noch dafür, daß gesunde Banken gescheiterte Institute durch Kredite oder Fusionen ins Schlepptau nehmen. Über Einzelheiten einigt man sich häufig unbürokratisch bei Sake und Sushi in Luxusrestaurants. Häufig sind Bürokraten und Banker aus gemeinsamen Zeiten im Ministerium bestens miteinander vertraut: Als sogenannte Himmelsboten (Amakudari) übernehmen viele Beamte nach der Pensionierung einen zweiten Job in der Wirtschaft.

Solange Japans Wirtschaft stetig wuchs, funktionierte das System prächtig: Die Banken interessierte vor allem, ob ihre Kapitalbasis stets expandierte. Echten Wettbewerb gab es weder bei Firmenkrediten noch im Privatkundengeschäft. Statt dessen bedankten sich die Banken bei ihren Sparern artig mit Papiertaschentüchern; Filialleiter hielten Rentner auf Busreisen als fähnchenschwenkende Touristenführer bei Laune.

Während der Seifenblasen-Wirtschaft Ende der achtziger Jahre flossen viele der Spargelder als Kredite in den Immobilienmarkt. Nachdem die Blase geplatzt war und Aktienkurse und Bodenpreise fielen, hatten allein Japans 20 große Banken faule Kredite von schätzungsweise über 50 Billionen Yen. Davon floß viel Geld an Gangsterbosse, mit denen Japans Manager beste Beziehungen pflegten.

Seit April wurde bei Japans größtem Wertpapierhaus Nomura sowie bei der Dai-Ichi Kangyo Bank eine ganze Riege von Vorstandsmitgliedern verhaftet, außerdem die Expräsidenten beider Institute. Jahrelang sollen sie einem Sokaiya, einem Firmenerpresser, illegale Kredite und Schmiergelder von mehreren Milliarden Yen gezahlt haben.

Kungeleien zwischen Finanzindustrie und Unterwelt sind für Japaner nicht neu. Doch selbst Profis überrascht der Eifer, mit dem nun über 60 Staatsanwälte fast täglich neue Details der Schmutzaffäre ausgraben.

Mit Hilfe eines strengen Exempels bei Nomura und Dai-Ichi will Japans Regierung die Finanzhäuser rechtzeitig vor dem Big Bang zu mehr Transparenz zwingen. »Wenn wir nicht den ganzen Eiter ausdrücken, der ausgedrückt werden muß, werden wir das Vertrauen der Märkte nicht zurückgewinnen«, warnt Ministerpräsident Ryutaro Hashimoto.

Mit Verhaftungen allein allerdings lassen sich Japans Banken nicht für den Big Bang fit machen. Mit Hilfe von Steuergeldern und historischen Niedrigzinsen der Bank von Japan scheint die Gefahr eines großen Bankenkrachs zwar gebannt. Aber das Vertrauen in die Banken ist gestört. Zeitungen drucken schwarze Listen mit besonders gefährdeten Instituten.

Immer mehr Japan-Banken suchen bei ausländischen Konkurrenten Hilfe. So vereinbarte die britische Barclays Bank mit der maroden Hokkaido Takushoku Bank eine Zusammenarbeit; Nippon Credit Bank kam mit dem amerikanischen Bankers Trust ins Geschäft. Mit ausländischer Unterstützung wollen Japans Banken einen Großteil ihrer unrentablen Bilanzwerte in Wertpapiere umwandeln.

Im Gegenzug hoffen die westlichen Kreditinstitute auf Zugang zu den verwickelten japanischen Vertriebskanälen. Selbst gegen den Kauf einer heimischen Bank durch Ausländer würde sich das Finanzministerium jetzt wohl nicht mehr sperren, vermutet der Ex-Vize der Zentralbank, Mikio Wakatsuki.

Auch vielen Wertpapierhäusern droht das Aus: Die festen Broker-Provisionen sollen ab 1999 weitgehend freigegeben werden. Bisher treiben die Finanzhäuser ihre Händler an, möglichst viele Kaufaufträge - und damit hohe Provisionen - hereinzuholen. Wie man an internationalen Finanzmärkten auf eigene Verantwortung mit Riesensummen jongliert, haben die wenigsten gelernt.

Wozu auch? Während der Bubble-Wirtschaft verdiente die Branche schließlich wie geschmiert: Der Verkauf der Aktie des Telekom-Riesen NTT löste damals ein Börsenfieber aus. Hausfrauen und Rentner verspielten Milliardensummen; kleinere Broker führten sich wie Weltkonzerne auf.

Das Brokerhaus Sanyo errichtete nahe der Tokioter Bucht für etwa 5,5 Milliarden Yen eine pompöse vierstöckige Halle für den Aktienhandel. Auf der glasüberdachten Fläche von der Größe eines Sportstadions sollten einmal 700 Händler arbeiten. Jetzt sind die meisten Arbeitsplätze leer. Die wenigen verbliebenen Händler hocken verloren da - wie die letzten Gäste eines vorzeitig abgebrochenen Parteitags.

Klar, daß dem Personal bei Sanyo vor dem Big Bang graut. Um sich wie Matsui als Billigbroker durchzuschlagen, ist Sanyo zu groß, aber um es mit Branchenriesen wie Nomura Securities aufzunehmen - dafür ist Sanyo zu klein. Von einst 6000 Mitarbeitern sind noch die Hälfte bei Sanyo beschäftigt. »Viele der Alten, die nur stur Aktien verkaufen können, brauchen wir nicht mehr«, sagt ein junger Broker.

Ähnlich wie Japans Industriefirmen, die überflüssiges Personal zu Tochterfirmen oder in den Vorruhestand abschieben, können allerdings auch die Broker ihre Leute nicht einfach entlassen. Vielen Firmen bleibt wohl nur der Untergang. Um die Folgen von Konkursen abzumildern, plant das Finanzministerium einen Sicherungsfonds für Wertpapierhäuser.

Vorbei sind die Zeiten, als sich die Japan AG - scheinbar immun gegenüber ökonomischen Gesetzmäßigkeiten - auf der Überholspur an die Weltspitze drängeln konnte. Der Umbau des Finanzsektors dürfte auch das für Japan so typische enge Geflecht zwischen Finanzhäusern und Industriegruppierungen (Keiretsu) weiter aufbrechen.

Doch am Ende wird die Japan AG wohl gestärkt aus dem Big Bang hervorgehen. Wenn Japans Banken den Großteil ihrer Bilanzen in rentablere Anlageformen umwandeln, meint Deutsch-Banker Courtis, werde Japan zum dritten Pfeiler auf dem Weltfinanzmarkt.

Bei solchen Aussichten könnten sich Nippons jüngste Affären für die beteiligten Firmen langfristig als Segen erweisen. Öffentlich müssen die Skandalhäuser Nomura und Dai-Ichi Kangyo zwar als Sündenböcke herhalten. Doch bei der Konkurrenz mag Schadenfreude nicht recht aufkommen.

»Nomura und Dai-Ichi könnten den Big Bang am ehesten meistern«, fürchtet ein junger Broker bei Wettbewerber Nikko Securities. »Deren alte Chefs sitzen wenigstens hinter Gittern und können die Reformen nicht länger aufhalten.«

[Grafiktext]

Nikkei-Aktienindex im Vergleich

Börsenumsatz im Vergleich

Anzahl der Wertpapierhändler

Sparquote 1997 im Vergleich

Die 20 größten Banken der Welt

[GrafiktextEnde]

[Grafiktext]

Nikkei-Aktienindex im Vergleich

Börsenumsatz im Vergleich

Anzahl der Wertpapierhändler

Sparquote 1997 im Vergleich

Die 20 größten Banken der Welt

[GrafiktextEnde]

Zur Ausgabe
Artikel 37 / 125

Mehr lesen über