Die Papierhändler - DER SPIEGEL
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Die Papierhändler

• aus DER SPIEGEL 14/1958
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Unfähigkeit, mit einem plötzlichen Umschwung der Markt- und Konjunkturlage fertig zu werden, ist nicht der einzige Grund, dessentwegen die Schrottzentrale der Montan-Union in Brüssel den großen europäischen Hüttengesellschaften suspekt geworden ist (siehe »Die Stahl-Bürokraten«, Seite 22): Betrugsaffären von Millionen-Ausmaß haben dem Ansehen des Büros mindestens ebensosehr geschadet.

Schon als das Brüsseler Schrottbüro 1953 gegründet wurde, war allen halbwegs geschäftstüchtigen Schrotthändlern klar gewesen, daß die Möglichkeit lukrativer Betrugsmanöver in die Konstruktion dieser Gemeinsamen Behörde sozusagen eingearbeitet war: Wer es fertigbrachte, billigen Schrott aus dem Unionsgebiet falsch deklariert als Importschrott an die Brüsseler Schrottzentrale zu verkaufen, der konnte dabei zusätzlich rund 50 Mark je Tonne einstreichen, die Preisdifferenz zwischen Schrott aus Montan-Union-Ländern (Inland-Schrott) und Schrott aus anderen Ländern.

Daß dieses Verfahren alsbald praktiziert wurde, ist weniger erstaunlich als der Umstand, daß derartige Betrugsmanöver jahrelang von den Behörden der Montan-Union in Brüssel und Luxemburg nicht entdeckt wurden und wohl auch kaum aufgedeckt worden wären, hätte nicht der holländische Staatsbürger Louis Worms unlängst der niederländischen Staatsanwaltschaft zu Den Haag Einblick in die Praktiken gewährt, mit denen Schrotthändler in den letzten Jahren die Brüsseler Schrottzentrale um respektable Summen geprellt haben.

Der 38jährige Louis Worms beschuldigte die holländische Firma Zeeuwse Metaalmaatschappij in Middelburg, mit Unterstützung eines hohen Beamten des holländischen Wirtschaftsministeriums die Brüsseler Schrottgemeinschaft um mehr als eine Million Mark betrogen zu haben. Zugleich behauptete Worms, daß auch eine prominente westdeutsche Firma, nämlich die Düsseldorfer Hansa Rohstoffverwertung GmbH, die sich im Besitz der Firma Friedrich Krupp in Essen und der Hüttenwerk Oberhausen AG befindet, unrühmlich in diesen Skandal verwickelt sei.

Louis Worms, der für die Düsseldorfer Hansa Rohstoffverwertung GmbH in den drei Benelux-Ländern als Generalvertreter tätig war, hatte sich mit seinem Arbeitgeber so überworfen, daß die Hansa ihn fristlos entließ. Worms hielt es deshalb für angebracht, die Hansa und ihren holländischen Geschäftspartner, die Firma Zeeuwse Metaalmaatschappij, bei den Justizbehörden anzuschwärzen.

Aus, den Aussagen des Worms ergab sich, daß die drei Direktoren der Firma Zeeuwse, Bronic Majtlis, 33, Sam Cracau, 46, und H. Overman, 38, die Möglichkeit, bei der Brüsseler Schrottzentrale für billigen Inlandschrott den hohen Preis für Importschrott zu kassieren, sehr schnell erkannt hatten: Sie brauchten sich zu diesem Zweck nur amtliche Dokumente zu beschaffen, die ihren Inlandschrott als Importschrott deklarierten.

Der Firma Zeeuwse fiel es nicht sonderlich schwer, die für diese Transaktion notwendigen Dokumente zu besorgen: Direktor Majtlis bestach einen Beamten im holländischen Wirtschaftsministerium, den Ministerialrat van der Grift. Der Beamte produzierte abends in seiner Wohnung die Bescheinigungen und erhielt für seine Mühen von der Firma Zeeuwse im Laufe der Zeit etwa 25 000 Gulden (rund 27 500 Mark).

Das Geschäft konnte dank der Konstruktion der Brüsseler Schrottzentrale so abgewickelt werden, daß die Firma Zeeuwse überhaupt nicht sichtbar auftrat. Da alle Geschäfte mit der Brüsseler Schrottzentrale über, Maklerfirmen laufen müssen und die Zeeuwse Metaalmaatschappij - selbst der Schrottzentrale keine Schrottangebote unterbreiten konnte, hängten sich die drei Zeeuwse-Direktoren an die Hansa Rohstoffverwertung in Düsseldorf, die mit dem Brüsseler Büro seit Jahren zusammenarbeitet.

Die Direktoren der Firma Zeeuwse offerierten der Hansa laufend Schrott und wiesen durch die Bescheinigungen des bestochenen Regierungsrats nach, daß es sich um teuren Importschrott handele. Die Hansa bot diesen Schrott dem Brüsseler Büro an und erhielt dafür den

hohen Preis des Importschrotts, den sie, um ihre Maklergebühr gemindert, an die Firma Zeeuwse überwies. Die drei Direktoren Majtlis, Cracau und Overman strichen insgesamt einen Mehrpreis von 1,2 Millionen Mark ein.

Als Louis Worms vom Schrotthandel zur Justiz überlief, entlud sich - wie es die Direktoren der Zeeuwse geplant hatten - das Gewitter über der Hansa, die den Schrott dem Brüsseler Büro offeriert und dafür den hohen Importpreis erhalten hatte. Monatelang hatten die beiden Hansa-Direktoren Hans Febrans und Rudolf Kröger zu tun, um nachzuweisen, daß die Hansa von der Zeeuwse Metaalmaatschappij nichtsahnend als Werkzeug benutzt worden war,

Im Brüsseler Schrottbüro brüten jetzt die Schrottbeamten darüber nach, wie sie künftig solche Niederlagen der supranationalen Wirtschaftsbürokratie und des Unionsgedankens verhüten und noch ungeklärte Fälle ähnlicher Art aufdecken können. Sollte das Brüsseler Schrottbüro sich dieser Aufgabe wirklich unterziehen wollen, so dürfte es nach Ansicht seriöser Schrottfirmen monatelang reichlich zu tun haben So wird beispielsweise seit geraumer Zeit von süddeutschen Schrotthändlern eine Spezialform des Schrottgeschäfts praktiziert, die unzweifelhaft anrüchig ist: der Handel mit amerikanischem Heeresschrott, der angeblich aus Hinterlassenschaften amerikanischer Truppen in Europa stammt und offiziell als Auslands-Schrott gilt.

Der US-Heeresschrott, um den es bei diesen Geschäften geht, ist in Wirklichkeit oft durchaus kein Heeresschrott, sondern ganz normal zusammengesammelter Inlandsschrott, der auf eine frappierend simple Weise zu teurem Importschrott gemacht wird: Die Schrotthändler wenden sich an die Zollbehörden, melden ihren Inlandsschrott als US-Heeresschrott an und bitten, ihn verzollen zu dürfen. Die Zollbehörden, froh über die Zolleinnahmen und die ungewohnte Ehrlichkeit, kassieren und stellen entsprechende Bescheinigungen aus. Ergebnis: Vermittels dieser Bescheinigungen können die Händler ihren Inlandschrott dem Brüsseler Schrottbüro als US-Heeresschrott, der als Importschrott gilt, zum entsprechenden Preis offerieren.

Das Brüsseler Schrottbüro wurde bereits vor Jahren von den westdeutschen Schrotthandelsverbänden auf die Manipulationen mit sogenanntem US-Heeresschrott hingewiesen, ohne daß diese Hinweise irgendwelche Folgen zeitigten. Auch auf die Praktiken der Firma Zeeuwse Metaalmaatschappij wurden die Montan-Union-Instanzen schon vor geraumer Zeit aufmerksam gemacht. Ohne die Aussagen des Schrottmaklers Worms wäre allerdings wohl kaum etwas unternommen worden.

Doch auch in diesem Fall ist bisher relativ wenig geschehen: Der Beamte des holländischen Wirtschaftsministeriums, der die falschen Deklarationen ausgestellt hatte, und Direktor Majtlis von der Zeeuwse Metaalmaatschappij wurden wegen passiver beziehungsweise aktiver Bestechung vor Gericht gestellt. Von dem Betrug zu Lasten des Brüsseler Schrottbüros war jedoch nicht die Rede.

Louis Worms, der durch seine Bekenntnisse den Skandal gerichtsreif gemacht hat, fühlt sich unterdes bedroht und läuft ständig mit einer geladenen Pistole herum: »Ich weiß, daß man mich so schnell wie möglich liquidieren will.«

Hansa-Direktor Febrans

Nach fristloser Entlassung

... Hinweise für den Staatsanwalt: Hansa-Vertreter Worms

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