Die Peter-Glotz-Kolumne: Wann demaskieren sich die Online-Frösche? - DER SPIEGEL
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Die Peter-Glotz-Kolumne Wann demaskieren sich die Online-Frösche?

Das Silicon Valley, Trendsetter für die gesamte Internet-Branche, liegt an der Westküste der USA. Doch inzwischen laufen Hightech-Schmieden in Deutschland und Italien der Wiege des Web-Booms den Rang ab.
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Dass die USA den Europäern bei den marktbeherrschenden Technologien (Computer, Internet, Biotechnologien) und auch ihren wirtschaftlichen Auswertungen voraus sind, ist eine Binsenweisheit. Bewertungen und Stimmungen schwappen mit einem Zeitverzug aus dem Silicon Valley, aus Boston oder der Wall Street in die europäischen Zentren. Derzeit muss der USA-Reisende registrieren, dass sich im Heimatland des Optimismus eine gewisse Ernüchterung breit macht. Die Internet-Manie ist in diesem Frühling 2000 in Deutschland und Italien größer als in Kalifornien.

Schon im Herbst 1999 hatten die Gründer und Protagonisten der führenden Technologie-Wirtschaftszeitschrift "Red Herring", die Brüder Antony und Michael Perkins, in einem aufsehenerregenden Buch das baldige Platzen der "Internetblase" prophezeit. Sie rieten den - in der Mehrzahl privaten, individuellen - Anlegern schlicht: zu verkaufen.

Ihre Argumente setzen sich in den ersten Monaten des Jahres 2000 bei immer mehr Analysten, Bankern und Ökonomen in den USA durch. Amerikas einflussreichste Internet-Analystin, Mary Meeker von Morgan Stanley Dean Witter, erklärt kühl, sie würde eine "große Korrektur" in der Bewertung von Internetunternehmen begrüßen. Die Europäer, sonst die Skeptisch-Vorsichtigen, sind gerade euphorischer als viele amerikanische Experten.

Diese wachsende Ernüchterung in den USA beruht natürlich nicht auf fundamentalistischen Zweifeln an der Internetwirtschaft. Man macht sich nur klar, dass auch von den vielen Autounternehmen, die Anfang des Jahrhunderts gegründet wurden, nur ganz wenige übrig geblieben sind. Das gleiche gilt für die Firmen, die mit Personalcomputern aufstiegen. 86 Prozent der entsprechenden Erträge wurden von nur fünf Firmen gemacht. An der umwälzenden Wirkung von E-Business und E-Commerce in den nächsten Jahren zweifelt niemand. Online-Handel und Online-Werbung wachsen in exponentiellen Raten. Die digitale Ökonomie wird einen Neuaufstellung der Industrie und eine tiefgehende Veränderung des Wirtschaftens erzwingen. Trotzdem wird eine Marktbereinigung bei den knapp 150 börsennotierten Internetunternehmen immer wahrscheinlicher. Allerdings weiß niemand, wann sie sich ereignen wird. Die Zahlen von Perkins & Perkins sprechen eine deutliche Sprache. Das Gebäude der Internetaktien mit einem gemeinsamen Wert von 410 Milliarden Dollar ist auf Umsätzen von etwas mehr als 15 Milliarden Dollar errichtet. Nur rund 20 Prozent der Internetfirmen machen Gewinn; die Bewertungen sind in vielen Fällen reine Spekulation auf die Zukunft. Wenn die Internetunternehmungen ihre Bewertungen rechtfertigen sollen, müssen sie in den nächsten fünf Jahren um 80 Prozent Jahr für Jahr wachsen. Microsoft wuchs aber die ersten fünf Jahren nach seinem Börsengang "nur" um jährlich 53 Prozent, Dell um 66 Prozent. Hätten alle Internetunternehmen die sensationellen Wachstumsraten von Dell, wäre das Portfolio immer noch um 33 Prozent oder satte 130 Milliarden Dollar überbewertet. Wer sich diese Fakten vergegenwärtigt, wird nicht daran zweifeln, dass eine Korrektur der Bewertungen höchstwahrscheinlich ist.

Das ist keine Bestätigung für mäkelnde Traditionalisten. Ein Internetunternehmen kann durchaus langfristig Erfolg haben, auch wenn es lange keinen Gewinn macht. Die meisten Analysten trauen das zum Beispiel Jeff Bezos und seinem E-Commerce-Imperium Amazon.com zu, obwohl auch dieser neue Riese noch keinen Profit macht. Es ist nur so, dass es nicht leicht ist, herauszufinden, welcher Frosch ein verzauberter Prinz ist und welcher ein ganz ordinärer Frosch. Der Glaube jedenfalls, dass eine völlig neue Phase der Wirtschaftsgeschichte ohne zyklische Abschwünge und mit märchenhaften, technologiegetriebenen Wachstumsraten angebrochen sei, steht auf tönernen Füßen.