Die Rache des Ostens - DER SPIEGEL
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SEKTKELLEREIEN Die Rache des Ostens

Das einstige DDR-Kombinat Rotkäppchen schluckte die Traditionsmarken Mumm und MM - und entlässt als Erstes das West-Management.
• aus DER SPIEGEL 8/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Edmund Diesler ahnte nichts Gutes, als er in den Ahnensaal der Sektkellerei MM im hessischen Eltville gerufen wurde. Unter dem Ölbild des Firmengründers Matheus Müller stand Gunter Heise und erklärte den Angestellten ein Wirtschaftswunder.

Heise, Geschäftsführer der Kellerei Rotkäppchen aus dem sachsen-anhaltinischen Freyburg, hatte gerade die hessischen Traditionsmarken Mumm und MM übernommen. Und als ob dieser Coup nicht schon sagenhaft genug wäre, beschrieb der neue Hausherr unter Applaus gleich noch seinen Antrittsplan: Niemand solle entlassen werden - bis auf wenige Ausnahmen. Zwei Stunden später wusste Mumm-Manager Diesler, dass er zu den Ausnahmen gehört.

Für zwei gute Leute sei auf einem Posten leider kein Platz, sagte ihm Heise. Noch am selben Tag stellte sich bei dem West-Manager seine Nachfolgerin aus dem Osten vor. »So schnell«, sagt er, »hab ich mich noch nirgendwo verabschiedet.«

Mit ihm flogen vier weitere Kollegen - fast die komplette Firmenspitze. Diesler, ein gelernter Weinbauingenieur, hatte vorher 15 Jahre für die Mumm-Gruppe gearbeitet. Im vergangenen Jahr, als der britische Getränkemulti Diageo die Marken abstoßen wollte, hatte er gemeinsam mit anderen Führungskräften versucht, Mumm und MM zu übernehmen. Doch das Geschäft scheiterte, weil die Manager den Kaufpreis von umgerechnet rund 130 Millionen Euro nicht aufbringen konnten.

Dass Rotkäppchen am Ende den Zuschlag bekam, lag nicht nur an potenten Partnern wie dem Spirituosen-König Harald Eckes, der 40 Prozent an dem Unternehmen hält. Die Sektproduzenten aus dem Saale-Unstrut-Gebiet waren auch die Einzigen, die die 240 Arbeitsplätze im Westen garantierten.

Anders als der Mitbieter Henkell & Söhnlein braucht Rotkäppchen dringend die hauseigene Vertriebsabteilung in Eltville. Bisher hatten die Freyburger ihren Sekt nur über Handelsagenturen vertrieben, die auch Klopapier und Klebstifte auslieferten. Bei manchen Einzelhändlern im Westen steht Rotkäppchen bis heute nicht in den Regalen.

Nach der Einkaufstour am Rhein wird sich das ändern. Mit einem Marktanteil von rund 25 Prozent ist die Ost-schluckt-West-Fusion Rotkäppchen-Mumm nun vor Henkell & Söhnlein zum Marktführer unter den deutschen Schaumweinproduzenten geworden.

»Kein Märchen ist schöner«, seufzte das einstige SED-Organ »Neues Deutschland«, das seine Leser in den vergangenen Jahren nur äußerst selten mit Ost-Erfolgskarrieren verwöhnen konnte. Nun gilt Heise als Held - als Retter, der nach Westen rübergemacht hat.

Dabei sah es nach der Wende zunächst nicht gut aus für das 145 Jahre alte Unternehmen. Niemand wollte die »Blubberbrause« (Ost-Spott) des VEB Getränkekombinats noch trinken. Die Ostdeutschen griffen zu Mumm oder Henkell - der Absatz sackte auf 1,8 Millionen Flaschen.

»Unsere Angestellten sind damals mit Barkas-Kleintransportern auf den Markt nach Weimar gefahren, um wenigstens einige Flaschen zu verkaufen«, sagt Heise. Die Treuhandanstalt ernannte den ehemaligen technischen Leiter der Kellerei 1991 zum Geschäftsführer. Heise sah sich die großen Kellereien im Rheingau an und fragte sich nach seiner Rückkehr: »Was soll das hier eigentlich noch?« Nach Dienstschluss verkaufte der Diplomingenieur Sekt im Kellereiladen.

Er musste Kaufinteressenten durch den Betrieb führen und sie tief in die Bücher schauen lassen - keine Weinkenner, sondern Glücksritter: Es sähe bei ihm aus wie nach dem Krieg, sagten sie zu Heise.

Dann kam die Zeit, als viele Ostdeutsche sich wieder mit Florena-Hautcreme einrieben, Caro-Zigaretten rauchten und feststellten, dass ihnen die halbtrockene Bonbon-Mischung aus Freyburg doch gar nicht so schlecht schmeckt.

Die Ostalgie machte Heise Mut: Mit drei Kollegen kratzte er alles Geld zusammen, brachte sein Haus als Sicherheit ein und kaufte 1993 mit Hilfe der örtlichen Sparkasse 60 Prozent des Unternehmens.

Langsam begann es wieder zu prickeln: Der Umsatz stieg, Geld blieb übrig, neue Produktionsstraßen wurden gebaut. Bis heute verfünffachte sich der Rotkäppchen-Absatz (siehe Grafik). Während die gesamte Branche nach dem Millenniumsbohei herbe Verluste hinnehmen musste, legten die Freyburger weiter zu. Mit knapp hundert Beschäftigten ist Rotkäppchen heute der größte Arbeitgeber der Region. Heise, inzwischen Träger des Bundesverdienstkreuzes, wird sogar von der englischen Zeitung »Guardian« als ostdeutscher Vorzeigesanierer gefeiert.

Sein einziges Problem: Über 80 Prozent seines Geschäfts macht das Unternehmen zwischen Zittau und Rügen. Dagegen klebt der Marktanteil im Westen bislang bei drei Prozent. Damit Rotkäppchen wieder eine gesamtdeutsche Marke wird und Mumm und MM Chancen im Osten haben, will Heise nun wieder ganz von vorn beginnen - bei den Mitarbeitern.

In der vergangenen Woche kredenzten sich die neuen Brüder und Schwestern aus Ost und West deshalb in Eltville gegenseitig ihr Sortiment. Heise hatte für das fachlich fundierte Gelage bereits die adäquate Vokabel parat: »Integrationsmanagement«. NILS KLAWITTER

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