Die reichsten Deutschen: Computergenie aus Lindau - DER SPIEGEL
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Die reichsten Deutschen Computergenie aus Lindau

In der New Economy baute Andreas von Bechtolsheim ein Imperium nach dem anderen auf. Nun bastelt er für Cisco Systems herum - zum Spaß. Aber sein Spaß wirft in der Regel Millionen ab.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die einen lieben, die anderen hassen ihn. Für manche ist er ein Held, und wiederum andere können ihm nur mit Unverständnis begegnen. Andreas von Bechtolsheim ist das egal. Was um ihn herum über ihn gedacht und geschrieben wird, interessiert ihn nicht.

Wahrscheinlich bekommt es der Gründer von Sun Microsystems - einer der größten Computerhersteller der Welt - nicht einmal mit. Er lebt in seinem eigenen Universum, mitten im Silicon Valley. Dort, am "kapitalistischsten Ort der Welt", hat sich für ihn "so etwas wie ein sozialistischer Traum verwirklicht": "Alle Mitarbeiter bis hin zur Sekretärin sind hier an den Firmenneugründungen beteiligt - sie schuften also alle für ihren eigenen Wohlstand." Bechtolsheim selbst hat es zum Milliardär gebracht. Sein Vermögen: Rund zwei Milliarden Mark.

Der 45-Jährige ist ein Forscher, ein Entwickler, ein Computergenie und unbändiges Arbeitstier, das nach eigenen Angaben nicht in Worten, sondern in Konzepten denkt. Er liebt die 80-Stunden-Woche, und es stört ihn gewaltig, dass der Tag nur 24 Stunden hat. Den Sinn seines Lebens formuliert er folgendermaßen, und es klingt nüchtern wie eine Formel: "Ich liebe es, Dinge aufzubauen, seien es einzelne Produkte oder ganze Unternehmen. Mich fasziniert es, ein Problem aus einem ganz neuen Blickwinkel heraus zu betrachten und bessere Lösungen dafür zu finden." Wie steht es mit Freunden, Luxus, Party Time? Fehlalarm. Die Arbeit ist das Lebensziel. Arbeit ist Freizeit, und für Freizeit im herkömmlichen Sinne hat er nur wenig Zeit.

Vor 26 Jahren zog er von München aus in die USA, um seinen Karriereweg steil nach oben zu klettern. Schon als Sechsjähriger bastelte er Radios und Lautsprecher zusammen, aus dem Kosmos-Baukasten "Der kleine Elektriker". Nach dem Abitur entwarf von Bechtolsheim in seiner Heimatstadt Lindau einen Steuerungscomputer für Blechstanzmaschinen. Ein Unternehmer aus dem Nachbardorf verkaufte Tausende davon. Bald hatte der 18-Jährige mit Lizenzgebühren mehr Geld verdient als sein Vater, ein Volksschullehrer.

Er fing in München an, Informatik zu studieren. Aber als man ihn im dritten Semester auf einem alten Lochstreifen-Computer das Programmieren lehren wollte, hatte er die Nase voll. In Deutschland war für ihn kein Staat zu machen, das war klar. Er zog in die USA und kehrte, von ein paar Wochen abgesehen, nicht mehr zurück.

Im sonnigen Kalifornien besuchte Andy, wie man ihn im Silicon Valley nennt, die Stanford University und hatte die geniale Idee, einen erschwinglichen Hochleistungscomputer zu basteln. Er sollte für jedermann bezahlbar sein und weniger sperrig als die Dinger von IBM. Zusammen mit Scott McNealy, Bill Joy und Vinod Khosla brachte er hervor, worauf die Welt gewartet hatte. Sie gründeten Sun Microsystems und hatten ausgesorgt, als die Firma an die Börse ging.

Bis 1995 blieb von Bechtolsheim bei Sun als Technologiechef. Dann fehlte ihm dort die Herausforderung, das Unternehmen war ein Selbstgänger geworden. Er gründete eine neue Firma für ultraschnelle Internet-Schaltsysteme, die ein Jahr später an Cisco verkauft wurde. Seitdem arbeitet Andy für Cisco, wo man ihm und seinen Erfindungen völlig freie Bahn lässt.

Bewunderer findet der passionierte Birkenstock-Träger vor allem im Kreis seiner Kollegen, die ihm oft nicht folgen können: "Er lebt viele Jahre in der Zukunft", sagt Cisco-Vice-President Howard Charney. "Der Inhalt seiner Redeschwälle machte mir lange zu schaffen, bis mir klar wurde dass Andy von technischen Phantasien redet, als wären sie längst Wirklichkeit."

Katy Hillmann