Die reichsten Deutschen: Könige im Reich der Kekse - DER SPIEGEL
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Die reichsten Deutschen Könige im Reich der Kekse

Die "Teatime" zu zelebrieren, versteht niemand so gut wie die Engländer. Aber einen Keks zum Tee mögen auch die Deutschen ganz gerne. Das erkannte Hermann Bahlsen, und diese Erkenntnis machte ihn reich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Es gibt in Deutschland wohl kaum eine ägyptische Hieroglyphe, die bekannter ist als das TET, gesprochen "dschet". Das TET setzt sich zusammen aus einem Oval, einer Schlange, einem Halbkreis und drei Punkten und bedeutet so viel wie "ewig dauernd". Und wer sich mit seinem Einkaufswagen durch ein Kaufhaus schiebt und in der Süßwarenabteilung nach den berühmten Leibniz-Butterkeksen greift, der hat das TET ganz nah vor Augen. Die Wahl kann auch auf eine Packung "Ohne Gleichen", ABC-Kekse, Bahlsen Petit oder, oder, oder fallen; die Schlange ist überall, weiß auf rotem Grund, neben dem nicht minder bekannten Schriftzug von Hermann Bahlsen, weiß auf blauem Grund.

Leibniz und der Keks

Hermann Bahlsen, Exportkaufmann und Erfinder leckerer Dinge, machte sich in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts auf den Weg nach England und kehrte mit der Idee zurück, die Deutsche Bevölkerung auf den Geschmack englischer Cakes zu bringen. Er fing an, Cakes, die er bald Kekse nannte, im großen Stil zu produzieren, verpackte sie mit Luft- und Feuchtigkeits-undurchlässigem Material, machte sie damit "dschet", ewig dauernd haltbar, und schuf die Marke Bahlsen, mit ebenfalls langem Haltbarkeitsdatum.

Was er anfasste, wurde zu Gold. Gleich seine erste goldgelbe Backwaren-Kreation gelang zu internationalem Ruhm und damit posthum auch ihr Namensgeber, der landesweit bereits viel geschätzte Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716): Vier Jahre nach der Gründung der "Cakesfabrik H. Bahlsen" in Hannover (1889) erhielt Hermann Bahlsen für die Leibniz-Cakes auf der Weltausstellung in Chicago eine Goldmedaille.

Sein Unternehmen wuchs. Bei der Gründung beschäftigte Hermann Bahlsen zehn Mitarbeiter, zehn Jahre später waren es 300. 1905 führte er das erste Fließband in Europa für die Verpackung von Leibniz-Keksen ein, vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs backten und packten 1700 Mitarbeiter in der Bahlsen-Fabrik. Hermann Bahlsen war auf dem Höhepunkt seines Schaffens.

Danach ging es steil bergab. Dringend benötigte Rohstoffe konnten in den Wirren des Krieges nicht geliefert werden, das Geschäft brach zusammen und kam nach wenigen Jahren vollständig zum Erliegen. Hermann Bahlsen stand vor den Trümmern seines Lebenswerks. 1919 starb er als gebrochener Mann. Vor lauter Gram übersah er ganz das Unternehmergeschick seiner noch jungen Söhne.

Die zweite Generation

Hans (1901-1959), Werner (1904-1985) und Klaus (1908-1991) Bahlsen ließen das nach den zwei Weltkriegen stark angeschlagene Unternehmen jedes Mal wie Phoenix aus der Asche auferstehen. Sie belebten nicht nur die Keksproduktion, sie weiteten auch die Produktpalette um Salzletten, Kartoffelchips, Erdnüsse, Tortenböden, Schokolade und Fertigkuchen aus und perfektionierten die Vertriebswege. Allen voran lenkte Werner Bahlsen die Geschicke des Unternehmens und baute es zu einem weltumspannenden Konzern aus. Es entstanden neue Produktionsstätten in Berlin, Lindau, Varel und Oldenburg, daneben Produktions- und Vertriebsgesellschaften in den USA, der Schweiz, Frankreich, Spanien und Österreich.

Fast 60 Jahre stand Werner Bahlsen an der Spitze des Familienunternehmens. Er konnte sich von dem väterlichen Betrieb nicht trennen, vielleicht weil er ahnte, dass mit seinem Ausscheiden das Unternehmen auseinander bröckeln würde wie ein missratener Kuchen. Klaus Bahlsen blieb ohne Kinder, das Verhältnis zwischen Hans' Sohn Hermann und den Kindern Werners - Lorenz, Werner Michael und Andrea -, die alle im Unternehmen mitmischten, war durch Missgunst und Streit getrübt. 1996 ließ sich Hermann mit der Tochtergesellschaft Austin Quality Foods in den USA abfinden und schied bei der Bahlsen KG als Gesellschafter aus. Die Querelen zwischen Lorenz, Werner Michael und Andrea blieben.

Familien-Fehde

Werner Michael Bahlsen, dem ein Hang zu autoritärem Gehabe nachgesagt wird, berief der Beirat zum Sprecher des Unternehmens, vorbei an seinem älteren Bruder Lorenz, was dieser wiederum nur schwer ertragen konnte. Es krachte, und um nicht in einem Strudel von Streitigkeiten unterzugehen, wurden die Unternehmensgruppen schließlich aufgeteilt. Ein weiteres Beispiel für die traurige Tatsache, dass florierende Familienfirmen durch Streit und Gier der Erben runtergewirtschaftet werden.

Gisbert von Nordeck, der Ehemann von Andrea, übernahm die Firmen Kelly in Österreich und Wernli in der Schweiz, daneben Immobilien und Finanzdienstleistungsgesellschaften. Das Kerngeschäft Süßgebäck steht weiterhin unter der Leitung von Werner Michael Bahlsen. Lorenz Bahlsen hat das gesamte Snack-Geschäft übernommen und versucht, eine neue Marke zu etablieren. Den Schriftzug seines Großvaters ersetzen nun die Worte "Lorenz Snack-World". Aber das TET fehlt, "ewig dauernd", ein schlechtes Omen.

Katy Hillmann