Die reichsten Deutschen: Messingtöpfe und Löschpapier - DER SPIEGEL
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Die reichsten Deutschen Messingtöpfe und Löschpapier

Mit einem brillanten Einfall und 73 Reichspfennigen legte Frau Bentz den Grundstein für ein Unternehmen, das heute unter ihrem Vornamen "Melitta" weithin bekannt ist.
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Hamburg - Dresden, Marshallstraße, das Haus Nummer 31. In der Wohnung der Familie Bentz wird seit einiger Zeit eifrig gehämmert. Frau Bentz, ihr Gatte Hugo und die zwei Söhne der Familie haben die Abstellkammer zur Werkstatt gemacht. Mit Nägeln schlagen sie Löcher in kleine Messingtöpfe. Sind es der Löcher genug, werden die Töpfe gesäubert, ordentlich verpackt und zum nächsten Postamt getragen.

Wir schreiben das Jahr 1908 und erleben Melitta Bentz, 35, am Anfang ihrer Karriere als Unternehmerin. Unlängst hat sich die ebenso einfallsreiche wie geschäftstüchtige Hausfrau vom kaiserlichen Patentamt den Gebrauchsmusterschutz für eine Erfindung bewilligen lassen, deren Serienproduktion sie nun aufnimmt.

Melitta Bentz produziert Kaffeefilter, laut Patentblatt vom 8. Juli 1908 "mit auf der Unterseite gewölbtem und mit Vertiefung versehenem Boden sowie schräg gerichteten Durchflusslöchern" - nebst "Filterpapier". Sie ist des bitteren Kaffeesatzes überdrüssig gewesen, der sich beim Brühen bisher nicht vermeiden ließ. Also hat sie zu Hammer, Nagel, dem Löschpapier aus den Schulheften der Söhne gegriffen und das Problem auf geniale Weise gelöst.

Aus dem beim Handelsregister Dresden angemeldeten "Kaufmännischen Agentur- und Kommissionsgeschäft" - Startkapital: 73 Reichspfennige! - ist die Melitta Unternehmensgruppe Bentz KG mit Sitz im westfälischen Minden geworden. Im Jahr 1999 erwirtschafteten die rund 4100 Beschäftigten des weltweit agierenden Konzerns einen Bruttoumsatz von über 2,8 Milliarden Mark.

Das Familienunternehmen, zu dem heute rund 50 Firmen gehören, leiten die Enkel der Gründerin, die Brüder Thomas, Jörg und Stephan Bentz. Neben Kaffeefiltern und Papierfiltertüten zählen inzwischen vor allem Röstkaffee und Haushaltsartikel wie Frischhaltefolien oder Staubsaugerbeutel zu ihren Produkten. Gleichzeitig haben sie "Melitta" zur international bekannten Marke geformt. Erwünschter Nebeneffekt: Die Familie ist heute rund zwei Milliarden Mark schwer und rangiert im Ranking der reichsten Deutschen auf Platz 69.

Ende der dreißiger Jahre, als das Vorzeigeprodukt des Hauses noch nicht in jedem besser sortierten Küchenschrank zu finden war, variierte der damals sehr populäre Illustrator Erich Ohser eine seiner Zeichnungen von "Vater und Sohn" zum Reklame-Bildchen. "Da sprach der Vater: Weißt Du schon, der Filter heißt 'Melitta', Sohn." Dieser Tage weiß das die halbe Welt.

Christian Keun, manager-magazin.de