Die reichsten Deutschen Mit aller Macht diskret
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Hamburg - "Für jede Sekretärin wäre es eine große Auszeichnung gewesen, persönliche Assistentin eines der erfolgreichsten deutschen Geschäftsmänner der Nachkriegszeit zu werden. Für Johanna Bruhn aber wurde ein Traum Wirklichkeit, als ihr Chef schon bald um ihre Hand anhielt." Mit rührigen Worten spekulierte die "Sunday Times" vor einigen Jahren über die Gefühlslage der eben 30 Jahre alten Johanna, als sie 1960 durch die Ehe mit Herbert Quandt in eine der traditionsreichsten und wohlhabendsten Industriellenfamilien des Landes einheiratete. Aufstieg der märkischen Tuchfabrikanten Die Geschichte dieser einst aus Holland zugewanderten Familie Quandt gleicht einem Abriss der deutschen Wirtschaftsgeschichte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Ihren Auftakt nimmt sie mit Emil Quandt, der von 1883 an im brandenburgischen Pritzwalk als Tuchfabrikant reüssiert - etwa als einer derjenigen Kaufleute, die ab 1890 die kaiserliche Marine exklusiv mit Uniformstoffen beliefern. Sein Sohn Günther, der dem erkrankten Vater schon früh bei der Leitung des Unternehmens zur Seite steht, entpuppt sich als ebenso geschäftstüchtig.In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg baut Günther Quandt die väterliche Manufaktur zur modernen Textilgruppe aus. Sie bildet das Fundament, auf dem er bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein Beteiligungsimperium errichten wird, das vom Geschäft mit Wollwaren über Elektrizitätswerke bis hin zu Akkumulatorenfabriken reicht. Als Quandt 1954 stirbt, hinterlässt er seinem Sohn Herbert und dessen jüngerem Stiefbruder Harald eine an die 200 Firmen umfassende Unternehmensgruppe - darunter der Batterienhersteller Varta, der Petrochemiekonzern Wintershall, der Textilproduzent Stöhr sowie Aktienpakete an Daimler-Benz und BMW. Die Söhne verwalten das Erbe gemeinsam, legen jedoch gewisse Zuständigkeiten fest. Während sich Harald Quandt auf die in der Industriewerke Karlsruhe Augsburg AG gebündelten Maschinenbauaktivitäten konzentriert, kümmert sich Herbert Quandt um Varta, Daimler-Benz und BMW. Letztere, die Bayerischen Motorenwerke in München, sollen sich als eine der größten Herausforderungen im Leben der Quandts erweisen - und zugleich ihr wohl größter unternehmerischer Erfolg werden. Feindliche Übernahme verhindert Es ist der 9. Dezember 1959, als sich auch Herbert Quandt wie viele andere auf den Weg in die Kongresshalle auf der Münchener Theresienhöhe begibt, um der BMW-Hauptversammlung beizuwohnen. Das Unternehmen hatte vor 1945 zu den renommierten Motorradbauern und Triebwerkproduzenten im Lande gehört, konnte aber - im Krieg schwer beschädigt - trotz Einstiegs in die Lizenzproduktion von Automobilen nicht wie andere Industriebetriebe vom Wirtschaftswunder-Aufschwung profitieren. BMW ist dieser Tage so gut wie bankrott, die Übernahme durch Daimler-Benz vermeintlich beschlossene Sache.Den Verkaufsplänen des Managements leisten aber an diesem denkwürdigen Tag Gewerkschafter, Belegschaft und Kleinaktionäre unerwartet heftigen Widerstand, schließlich gelingt es ihnen sogar, Herbert Quandt für ihre Sache zu gewinnen. Gegen den ausdrücklichen Rat seiner Bankiers entschließt dieser sich zu einer Ausweitung seines Engagements und stockt seinen Anteil an BMW auf rund ein Drittel, später auf knapp 50 Prozent der Aktien auf. Die Sanierung des am Boden liegenden Unternehmens gelingt dank seines persönlichen Einsatzes und der von ihm in die Firmenleitung entsandten Manager rasch: Schon 1962 schreiben die bayerischen Autobauer schwarze Zahlen und erwirtschaften fortan Jahr für Jahr Gewinne.Einziger Wermutstropfen dieser Erfolgsgeschichte: Zu Quandts großem Missfallen rückt er - der Retter - schlagartig in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Doch bleibt es bei einer Momentaufnahme. Wie schon sein Vater entzieht auch er sich konsequent den allzu neugierigen Blicken Außenstehender. Publikumsscheu als Familientradition, vor allem aber auch als Tribut an ein schweres Augenleiden, das ihn von Kindesbeinen an plagt und im Alter fast erblinden lässt. Ein normales Leben führen Seine dritte Ehefrau teilt diesen Hang zur Zurückgezogenheit. Privatsphäre und ungestörtes Familienleben sind Johanna Quandt heilig, Bescheidenheit gilt ihr als Tugend. Vor allem aber möchte sie, dass die zwei gemeinsamen Kinder, die 1963 geborene Susanne und der drei Jahre jüngere Stefan, ein normales Leben führen können. Damit ist es jedoch spätestens 1978 vorbei: Die Entführung von Mutter und Tochter wird von der Polizei erst im letzten Augenblick vereitelt. Leibwächter sorgen von nun an für Schutz und Sicherheit.1982 verstirbt Herbert Quandt im Alter von 71 Jahren überraschend. Frau und Kindern hinterlässt er ein wohl bestelltes Haus, in dem er während seiner letzten Lebensjahre gründlich Ordnung geschaffen hatte. 1977 hatte Quandt die Varta-Gruppe entflochten und die Batterieproduktion der neuen Varta zugeschlagen, die Pharmasparte in die Altana überführt, das Elektrizitätsgeschäft in der Ceag zusammengefasst. Die Anteile an der neuen Varta hatte er anschließend seinen drei Kindern aus zweiter Ehe übertragen. Ceag, Altana, BMW und seine übrigen Vermögenswerte vermacht er Johanna, Susanne und Stefan.Mit der Überwachung der Modalitäten seines Testaments wird Herbert Quandts langjähriger Weggefährte und persönlicher Generalbevollmächtigter Hans Graf von der Goltz betraut, der zugleich engster Berater der Witwe Quandt wird. Diese vertritt nun in den verschiedenen Aufsichtsräten mit leiser Stimme, aber entschieden die Interessen ihres verstorbenen Mannes. 1988 endet die Testamentsvollstreckung für Susanne, vier Jahre danach auch die für Stefan Quandt.Nach und nach beginnt Johanna Quandt, sich aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen. Sie verzichtet 1996 zunächst auf ihr Mandat bei Altana, im Jahr darauf auch auf das bei den Bayerischen Motorenwerken, an denen sie heute direkt und indirekt noch mit 16,7 Prozent, die gesamte Familie mit rund 45 Prozent der Aktien beteiligt ist. In Bad Homburg residiert die inzwischen 72 Jahre alte Dame (geschätztes Vermögen: 9,2 Milliarden Mark) in einer schmucklosen Villa - abgeschirmt von hohen Hecken, unspektakulär und diskret, so wie sie es immer schon schätzte. Christian Keun, manager-magazin.de