Die reichsten Deutschen Tausend Flaschen und ein Name
Hamburg - In Westdeutschland wird soeben die Währung reformiert, als auch Karl-Heinz Kipp, Jahrgang 1924, beschließt, dass die Zeit reif sei für einen Neubeginn. Der gelernte Speditionskaufmann, der "als Kind gern Fleischer geworden" wäre, will sich künftig auf den Handel mit Textilien verlegen - am liebsten gleich en gros. Und so begibt er sich auf die Suche nach einem Firmenmantel, denn zur Gewerbefreiheit ist man in jenen Tagen in der französisch besetzten Zone noch nicht zurückgekehrt.
Unterwäsche für die Winzerin
Kipp wird bald fündig. 1948 erwirbt der Sohn eines Pfälzer Landwarenhändlers die Trierer Trachten- und Bänderhandlung Alfred Massa. Die Rechte an dem einprägsamen Namen erkauft er sich von dessen Witwe mit einigen tausend Flaschen Wein, so die Legende. Nach bescheidenen Anfängen am neuen Firmensitz Alzey - der Chef fährt noch selbst über Land, um den Winzerinnen der Region Unterwäsche anzudienen - steigt er ein paar Jahre später in die Textilproduktion ein.
1965 erwächst daraus schließlich der erste Massa-Verbrauchermarkt, dessen Hauptattraktion neben der Bekleidung die Frischfleischtheke ist. Zügig gelingt nun der Aufstieg unter die führenden SB-Warenhäuser. Mit seinem Faible für Kampfpreise schockt "Mister Massa" die Konkurrenz in den siebziger Jahren ein ums andere Mal und lockt die Kundschaft scharenweise in seine Riesenläden auf der grünen Wiese.
An die Börse und aus dem Schneider
Zu Beginn der achtziger Jahre aber zeichnen sich erste Schwierigkeiten ab. Mit dem bei den Verbrauchern beliebten, betriebswirtschaftlich aber kaum durchdachten zinslosen Finanzkauf kann Massa-Kipp zwar noch die Umsätze erhöhen. Die Erträge der Unternehmensgruppe schwinden jedoch zusehends. Der finanziellen Sorgen weiß sich der Gründer aber geschickt zu entledigen.
1986 wandelt er den Familienbetrieb in eine Aktiengesellschaft um, deren Papiere er in zwei Tranchen an die Börse bringt. Stolze 225 Mark sind im Frühjahr, 515 Mark gar im Herbst des Jahres für eine Massa-Aktie fällig. Eigene Anteile verkauft Kipp sukzessive, das letzte Paket - rund 30 Prozent - 1987 an die Asko AG, die später im Metro-Konzern aufgeht. Welch günstigen Zeitpunkt Kipp für seinen Rückzug gewählt hat, erweist sich Jahre später. Als Metro den noch verbliebenen Massa-Aktionären 1997 ein Kaufangebot macht, werden 150 Mark pro Stück für großzügig gehalten.
Graubündener Hobby-Hotelier
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Zu diesem Zeitpunkt ist die Kipp-Sippe, zu der neben dem Senior und Gattin Hannelore noch Tochter und Sohn gehören, längst im Schweizer Graubünden sesshaft geworden. Hier frönt Karl-Heinz Kipp mit der Milliarde, die der Massa-Verkauf einst eingebracht haben soll, einer alten Leidenschaft: Dem Erwerb von Immobilien, bevorzugt Schweizer Fünf-Sterne-Hotels und Bürotürmen in Manhattan.
Dass ihm dieses ausgefallene Hobby einmal zu kostspielig werden könnte, steht nicht zu befürchten. Noch immer ist Kipp Eigentümer der ehemaligen Massa-Immobilien, deren Vermietung an die Metro ihm bis 2015 garantiert 100 Millionen Mark pro Jahr in die Kasse spült und so das auf 5,1 Milliarden Mark taxierte Vermögen weiter wachsen lässt.
Christian Keun, manager-magazin.de