Die reichsten Deutschen: Versand-Weltmeister - DER SPIEGEL
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Die reichsten Deutschen Versand-Weltmeister

Als Fabrikant erlitt Werner Otto eine Schlappe, als Versender aber ließ er alle anderen schnell hinter sich. Sohn Michael hat den Erfolgskurs gehalten: Heute ist Otto Welt-Spitze.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Stolz ist Werner Otto auf seine fünf Kinder, mächtig stolz. Auf die beiden Töchter genauso wie auf die drei Söhne. Mit besonderer Freude allerdings erfüllt es den vitalen Patriarchen, dass der Älteste und der Jüngste in seine Fußstapfen getreten sind: Michael Otto führt seit nunmehr 20 Jahren und mit stetig wachsendem Erfolg den Otto-Versand, Alexander Otto hat vor gut einem Jahr das Management der Einkaufszentren übernommen, die Otto senior seit den sechziger Jahren unabhängig vom Versandhandel aufgebaut hat. "Diese tüchtigen Söhne sind meine größte Lebensleistung", meinte der stets bescheiden auftretende Gründer gelegentlich. Und stellte damit sein eigenes Licht wieder einmal unter den Scheffel.

Der verhinderte Romancier verschickt Schuhe

Schriftsteller wäre er gern geworden, der 1909 im brandenburgischen Seelow geborene Spross einer Kaufmannssippe, der sich schon als Gymnasiast an zeitkritischen Romanen versuchte. Die Pleite des elterlichen Geschäfts aber machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Vorzeitig musste er die Schule verlassen und schlug daraufhin - nolens volens - die Händlerlaufbahn ein, in Stettin zunächst, dann in Berlin, wo er sich mit einem kleinen Laden als Zigarrenhöker verdingte.

Nach dem Krieg siedelte Otto mit seiner Familie nach Hamburg über und wagte einen ersten Gehversuch als Unternehmer. Mit dem letzten Geld stieg er in die Schuhfabrikation ein, beschäftigte bald 150 Leute - und ging 1948 geradewegs in Konkurs. Gegen die Großen der Branche, die nach dem Fall der Zonengrenzen auf den Markt drängten, konnte der Newcomer nicht bestehen. Die Niederlage schmerzte. Letztlich aber brachte sie Otto auf die Idee seines Lebens. Warum nicht mit den Schuhen der anderen handeln? Und zwar per Versand.

Mit vier Mitarbeitern und 6000 Mark Startkapital gründete er 1949 ein Versandhaus. In Heim- und Handarbeit bastelte er die ersten 300 Kataloge - 16 Seiten dünn, von einer Kordel zusammengehalten - und diente seinen Landsleuten die "Herbst- und Winterkollektion" 1950/51 an: 28 Paar Schuhe, ergänzt durch zwei Trenchcoats, vier Aktentaschen und Marine-Klapphosen. Erfolg war dem neuen Versender vor allem deshalb beschieden, weil er weniger auf niedrige Preise als auf gute Qualität setzte und sich seine Ware nicht per Nachnahme, sondern per Rechnung bezahlen ließ. Ein absolutes Novum, ebenso wie das System der Sammelbestellung.

Nur vier Jahre nach Firmengründung setzte das Unternehmen, dessen Angebot sukzessive erweitert wurde, fünf Millionen Mark um, bis 1955 konnte Otto den Umsatz annähernd versechsfachen. Und seit den sechziger Jahren wuchs der Otto-Versand fast immer schneller als seine Konkurrenz. Lohn harter Arbeit und rastlosen Einsatzes. Fast zu rastlos, wie Otto erkennen musste, als er schließlich einen Herzinfarkt erlitt. Er zog die Konsequenzen, trat kürzer. Die Verantwortung für seinen Versandhandel übertrug er familienfremden Managern, begnügte sich mit dem Vorsitz im Aufsichtsrat und erschloss sich mit dem Aufbau einer Gesellschaft für die Entwicklung und den Betrieb von Einkaufszentren ein neues - vermeintlich ruhigeres - Betätigungsfeld.

"Wer viel hat, soll viel geben"

Beide Otto-Firmen haben sich - so gehört es sich nun einmal für veritable Erfolgsgeschichten - inzwischen zu Milliardenunternehmen entwickelt. Das Versandhaus, in das Michael Otto zur Freude des Vaters nach Banklehre und Wirtschaftsstudium 1971 doch noch eingetreten und an dessen Spitze er schließlich vorgerückt war, ist heute das größte der Welt. Die mit 90 Handelsunternehmen in 23 Ländern Europas, Asiens und Amerikas tätige Gruppe setzte im abgelaufenen Geschäftsjahr rund 46 Milliarden Mark um - ein Plus von knapp 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr - und machte sogar mit E-Commerce stolze Gewinne. Eine Leistung, für die der Junior soeben zum gekürt wurde.

Nicht minder eindrucksvoll fällt die Bilanz der ECE, Werner Ottos Einkaufs-Center-Entwicklungsgesellschaft, aus. An ihrer Spitze managt Filius Alexander derzeit 67, über die halbe Welt verteilte Shopping-Malls, zehn weitere befinden sich im Bau oder in der Planung. Mit 1,6 Millionen Quadratmetern Verkaufsfläche, vermietet an 5500 Parteien, erlöste das Unternehmen zuletzt 15 Milliarden Mark Umsatz.

Seinen unternehmerischen Erfolg hat Otto - auch darin ganz Wirtschaftskapitän alter Fasson - stets als soziale Verpflichtung gegenüber seinen Mitarbeitern wie auch der Gesellschaft interpretiert. Aus dem heute auf rund 13 Milliarden Mark taxierten Familienvermögen hat er schon früh - und tut es noch immer - großzügig gespendet, für die medizinische Forschung vor allem, aber auch die Kunst und den Erhalt historischer Bauwerke.

Vorzeige-Entrepreneur, Groß-Mäzen und stolzes Familienoberhaupt - im Leben Werner Ottos scheint sich nur sein Jugendtraum nicht erfüllt zu haben: ein berühmter Roman-Schreiber zu werden.

Christian Keun, manager-magazin.de