Die reichsten Deutschen: "Zuckerbrot und Peitsche" - DER SPIEGEL
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Die reichsten Deutschen "Zuckerbrot und Peitsche"

Plaste und Elaste aus Rehau: Seit Jahrzehnten formen die Wagners mit bemerkenswertem Erfolg Polymere zu allerlei Kunststoffteilen. Wer sich aber ihrer eigenwilligen Firmenphilosophie nicht unterordnete, der wurde auch schon mal außer Landes gebracht.
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Hamburg - Rehau, der Stadt im Oberfränkischen, hat die Familie Wagner längst den Rücken gekehrt. Vor vielen Jahren schon zog es sie über die Alpen ins Land der Eidgenossen. Vielleicht, weil das mildere Steuerklima der Schweiz dem 1,8-Milliarden-Mark-Vermögen entschieden besser bekommt? Spekulation. Denn Einblick ins Höchstpersönliche gewährt die Unternehmerfamilie der Öffentlichkeit nicht. Ihr Privatleben führt sie jenseits der Klatschspalten. Umso verdrießlicher, dass die eher scheuen Wagners vor rund zehn Jahren mit ihrem Geschäftsgebaren für fette Schlagzeilen sorgten. Unternehmer der gutsherrlichen Art "Frühkapitalistische Umtriebe" etwa machte "Die Tageszeitung" in der Firma Rehau aus, die ihren Namen ihrem Gründungsstandort verdankt. "Eigenwillige Vorstöße und groteske Ideen zur Betriebsführung" attestierte "Der Spiegel" dem Chef und Firmengründer Helmut Wagner zu Beginn der neunziger Jahre. Was war los bei Rehau und seinen "Rehauern"?Soeben hatte der damals 67-jährige Inhaber Wagner ohne viel Federlesen eine in der IG Chemie organisierte Mitarbeiterin vor die Tür gesetzt. Der Grund: Die wackere Gewerkschafterin hatte sich geweigert, eine Resolution mit dem Titel "Die Gewerkschaft soll uns endlich in Ruhe lassen" zu unterzeichnen. Die ebenso prompte wie juristisch problematische Entlassung war für Wagner nicht mehr als die konsequente Umsetzung seines anachronistisch anmutenden Personalkonzeptes. Das Unternehmen, so ließ der abgebrochene Medizinstudent Wagner verbreiten, sei "wie ein Organismus, angewiesen auf den Geist, die Initiative und den Fleiß seiner Leitenden und seiner Mitarbeiter". "Mach's gleich richtig" - oder lass es ganz Unter dem Motto "Selbstbestimmung leicht gemacht" strebte die Firmenleitung danach, "sachfremde Einflüsse zu unterbinden". Ergo: Gewerkschaften, nein Danke. "Wer zu Rehau kommt, soll sich erwartungsgemäß mit den Unternehmensgrundsätzen identifizieren." Wer aber die "Vorteile des gewerkschaftlichen Systems mit dem Ziel des Gewerkschaftsstaates" vorziehe, dem wurde schlicht der Wechsel des Arbeitsplatzes nahe gelegt. Man zwinge schließlich niemanden, für das Unternehmen zu arbeiten. Und wer nicht hören wollte, der musste fühlen. 1966 etwa entließ die Firmenleitung im Werk Feuchtwangen den kompletten Wahlvorstand zum Betriebsrat. Ein griechischer Rehau-Mitarbeiter verschwand gar spurlos, zwei Tage nachdem er seinen Betritt zur IG Chemie erklärt hatte. Wagners Firma hatte ihn nicht nur gefeuert, sondern gleich in seine Heimat ausgeflogen, wie später bekannt wurde."Zuckerbrot und Peitsche" - auf diese kurze Formel brachten ehemalige Beschäftigte den Stil der Firma Rehau in Sachen Mitarbeiterführung, zu der auch eine jährliche Überprüfung der charakterlichen Eignung zählte. Zuckerbrot - die Zulagen wie verbilligte Einkaufsmöglichkeiten oder Extra-Zahlungen, sofern die "Rehauer" sich als folgsam, eifrig und fleißig erwiesen hatten. Und sie sich an die in den Werkhallen großflächig plakatierten Arbeitsgrundsätze gehalten hatten: "Null-Fehler" und "Mach's gleich richtig". Peitsche - die Kündigung im Falle der gewerkschaftlichen Organisierung oder die Kürzung des Weihnachtsgeldes infolge Krankheit - nach Lesart des Hauses abzustrafendes unbotmäßiges Verhalten. Als Blödmann verschrien Obwohl - verantwortliche "Rehauer" werden finden, gerade weil - das Unternehmen jahrzehntelang sämtliche Errungenschaften der modernen Wirtschaftsdemokratie hartnäckig ignorierte, ist es in seiner Branche zum Konzern von internationalem Rang aufgestiegen. 1948 von Helmut Wagner mit drei Angestellten und einer Maschine ins Leben gerufen, erwirtschafteten im Jahr 1999 rund 7900 Mitarbeiter der deutschen Rehau AG + Co. einen Umsatz von annähernd 900 Millionen Euro. Dabei kamen ihre Produkte aus Thermoplasten, Elastomeren und Duroplasten in nahezu allen Wirtschaftsbereichen zum Einsatz.Von der Automobil- über die Elektro- bis hin zur Möbelindustrie reicht die Reihe der Abnehmer und Anwender, die etwa Stoßdämpferteile bei Rehau ordern, Leitungskanäle für Elektroinstallationen oder Formteile für Bürostühle. Es gibt scheinbar kaum ein Teil, dass die Franken nicht aus ihren Polymeren pressen, schäumen oder gießen können. Das Know-how des Unternehmens - seiner Mitarbeiter zumal - war über Zweifel in der Regel erhaben. Die Bedingungen aber, denen sich die "Rehauer" lange unterwarfen, trugen ihnen bestenfalls Hohn und Spott ein. Wie klagte doch seinerzeit ein vorübergehend zur Bundeswehr abkommandierter Firmenangehöriger der Plasteformer: "Da war ich als Blödmann verschrien, bloß weil ich bei Rehau arbeite." Christian Keun, manager-magazin.de