MANAGER »Die Sache da in Germany«
Der Weg zu einem der mächtigsten Manager Europas führt durch die Toreinfahrt eines China-Restaurants. Im Hof, auf dem es ein wenig nach Schweinefleisch süßsauer und frisch gebackenen Loempias riecht, steht ein kleines, unscheinbares Backsteinhaus. Es gibt keine Parkplätze, keine Pförtner und Überwachungskameras. Nur das Schild »Vodafone Airtouch« verrät, dass hier im Kleinstädtchen Newbury, knapp hundert Kilometer von London entfernt, der weltweit führende Mobilfunkkonzern residiert.
Zwei freundliche Damen sitzen am Empfang, eingerahmt von hunderten Weihnachts- und Neujahrskarten, die mit Tesastreifen und Heftzwecken an die Wand gepinnt sind. »Einen Termin mit Mr. Gent haben Sie?« Das könne, klärt eine der beiden höflich auf, noch ein klein wenig dauern. »Chris telefoniert gerade. Sie wissen schon, wegen der Sache da in Germany.«
Die »Sache in Germany« ist die bisher wohl spektakulärste Übernahmeschlacht der Wirtschaftsgeschichte. Für den Rekordpreis von knapp 270 Milliarden Mark will Vodafone-Chef Chris Gent den deutschen Traditionskonzern Mannesmann schlucken und damit schaffen, was noch
nie zuvor einem Manager gelungen ist: die erste feindliche Firmenübernahme auf dem Boden der Bundesrepublik. Seit Wochen liefert er sich mit Mannesmann-Chef Klaus Esser eine verbissene Übernahmeschlacht. Mehrstellige Millionenbeträge pumpen beide Konzerne in Werbekampagnen und vielköpfige Beraterteams.
Einen Tag vor Weihnachten hat Vodafone sein endgültiges Übernahmeangebot vorgelegt. Genau 53,7 Vodafone-Aktien will er den Mannesmann-Aktionären für jedes ihrer Papiere geben. Das entspricht einem Gesamtpreis von rund 270 Milliarden Mark. Die Mannesmann AG hätte somit einen Anteil von 47,2 Prozent an einem zusammengelegten Konzern.
Bis zum 7. Februar haben die Besitzer von Mannesmann-Papieren nun Zeit, das Angebot anzunehmen. Dabei werden besonders die großen Fonds das noch völlig offene Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Esser und Gent entscheiden.
Festlegen will sich bisher kaum einer der Fonds-Manager. Sie warten ab, wie sich der Kurs entwickelt, und werden erst in den letzten Tagen vor Ablauf der Frist entscheiden.
Auch bei Analysten trifft das Angebot von Gent auf unterschiedliche Reaktionen. Während beispielsweise ABN-Amro-Analyst Maneep Singh in London den Mannesmann-Aktionären empfiehlt, das Angebot anzunehmen, raten einige deutsche Analysten ab, weil sie die Gewinnaussichten bei Mannesmann als gut einstufen.
Für den Vodafone-Chef und seinen Kontrahenten Esser steht viel auf dem Spiel. Gent, den das renommierte US-Wirtschaftsmagazin »Forbes« just zum Geschäftsmann des Jahres kürte, wird, wenn er obsiegt, endgültig als Siegertyp in die Geschichtsbücher eingehen - oder, wenn er verliert, als Abenteurer ohne Fortune.
Von all dem ist nichts zu spüren, als Gent die enge Holztreppe hinter der Anmeldung herunterpoltert. Wie immer hat er das Anzugsakko ausgezogen. Über dem bunten Hemd und der obligatorischen Nadelstreifenhose mit dem kleinen dreieckigen Keil im Bund des Gesäßes spannen breite Hosenträger. »Fein, dass Sie uns gefunden haben«, sagt er grinsend und geht voraus in sein Büro.
Fast im Fünf-Minuten-Takt stürmt irgendjemand unangemeldet in Gents Zimmer: »Wie stehen die Verhandlungen in Spanien?«, »Sollen wir auf Essers Preisvorstellungen reagieren?«, »Bleibt es bei dem angesetzten Termin mit den Bankern?« Selbst George, der langjährige Hausmeister von Vodafone, der auch für die Postverteilung zuständig ist, steckt auf seinen Touren durchs Haus hin und wieder den Kopf durch den Türrahmen: »Hey Chris, alles in Ordnung mit der Firma?«, will er wissen. »Ja, George, alles in Ordnung«, antwortet dann der Vodafone-Chef.
Genau in dieser unkonventionellen Art, glaubt der 51-jährige Manager, liege das Erfolgsgeheimnis von Vodafone. Viele Mitarbeiter seien schon Jahre in der Firma. »Wir sind«, sagt Gent, »wie eine große Familie«, die sich nicht nur zur Arbeit trifft, sondern auch beim Golfen, beim Friseur oder, wie in den vergangenen Wochen häufiger, zu Weihnachtseinkäufen für die Ehefrauen beim einzigen Juwelier der Stadt.
Bestärkt wird die familiäre Atmosphäre durch die engen Räumlichkeiten. In fast jeder Ecke stehen Regale. Auf den Fluren sind Kopiermaschinen aufgestellt. Der Sitzungsraum bietet gerade einmal Platz für 25 Personen. »Weitere Besprechungszimmer«, sagt Gent fast entschuldigend, »befinden sich im Nachbarhaus.« Viel größer sind die aber auch nicht.
Die Marketingabteilung und die Vorstände für den englischen Markt sind einige hundert Meter weiter auf der anderen Straßenseite untergebracht. Das Quartier der internationalen Abteilung liegt in der Haupteinkaufsstraße von Newbury, wenige Fußminuten von der Zentrale entfernt.
Mehrmals in der Woche stapft Gent deshalb in Hemd und Hosenträgern quer über die Straße, vorbei am China-Restaurant, dem Bäcker und der Apotheke, um sich mit seinen Vorstandskollegen auszutauschen oder sich im Marketing über die neuesten Absatzzahlen zu erkundigen. »Das geht schneller«, sagt er, »als alle zusammenzutrommeln.«
Sollte das doch einmal nötig sein, dann kommen die Manager aus insgesamt 58 Klein- und Kleinstbüros in der ganzen Stadt zusammen. Genau so viele hat Vodafone inzwischen gebaut oder angemietet. Grund für die ungewöhnliche Firmenaufteilung, erklärt Vodafone-Manager Mike Caldwell, der ein neues Hauptquartier am Rande des Zentrums plant, sei das schnelle Wachstum: »Immer wenn wir gerade glaubten, genügend Platz zu haben, hat Chris eine neue Firma gekauft, oder es gab einen Wachstumsschub.«
Tatsächlich ist die Erfolgsgeschichte von Gent und seinem Unternehmen selbst für die boomende Mobilfunkbranche außergewöhnlich. Sie begann vor ziemlich genau 15 Jahren. Da wechselte der gelernte Banker vom englischen Computerhersteller ICL in den Vorstand des Vodafone-Vorgängers Racal Electronics.
Das Unternehmen mit seiner kleinen Truppe wild zusammengewürfelter Manager hatte damals gerade eine Mobilfunklizenz auf dem englischen Markt erhalten und wollte mit frischen Ideen und frechen Produkten gegen so übermächtige Gegner wie den Ex-Monopolisten British Telecom antreten.
Damit begann der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg: In nur wenigen Jahren überflügelte Vodafone die Konkurrenz und stieg zur Nummer eins auf dem englischen Mobilfunkmarkt auf. Außerdem beteiligte sich die Firma geschickt an zahlreichen jungen Handy-Firmen in ganz Europa.
Der Durchbruch zum international führenden Mobilfunkkonzern schaffte Vodafone jedoch erst, als Gent 1997 an die Spitze der Firma rückte. Seit seinem Amtsantritt hat er den Vodafone-Wert von rund 20 Milliarden auf über 300 Milliarden Mark mehr als verfünfzehnfacht.
So kaufte Gent im Sommer 1999 in einer Blitzaktion für rund 100 Milliarde Mark den amerikanischen Mobilfunkbetreiber und Mannesmann-Partner Airtouch. Kurze Zeit später schmiedete er in nur zwei Wochen eine weitere Allianz mit dem US-Riesen Bell Atlantic und katapultierte die drei Partner mit einem Schlag zur Nummer eins auf dem US-Markt.
Anders als bisher bei Mannesmann schaffte es Gent jedoch bei beiden Mega-Deals, das Management der Gegenseite von den Vorteilen einer Fusion zu überzeugen. »Er hat«, sagt sein ehemaliger Konkurrent und Bell Atlantic-Chef Ivan Seidenberg anerkennend, »so lange verhandelt, bis alle Parteien als Sieger vom Spielfeld gehen konnten.«
Auch bei seinem Angebot für Mannesmann, sagt Gent, hätte es sicher eine für beide Seiten Gewinn bringende Lösung gegeben. Umso weniger will er begreifen, dass sich Mannesmann-Chef Esser in den vergangenen Wochen jedem Gesprächsangebot verweigert hat und es nun auf eine Kraftprobe ankommen lässt.
Wie die ausgehen wird, daran zumindest haben die erfolgsverwöhnten Vodafone-Manager keinen Zweifel. Schon vor einigen Jahren hat Gent in Vorstandssitzungen ein unkonventionelles Spiel eingeführt. Die Manager setzen dabei eine kleine Geldsumme auf Ereignisse wie Gewinn- oder Umsatzprognosen oder den Ausgang von Verhandlungen.
Auch auf den Ausgang der Mannesmann-Übernahme hat der gesamte Vorstand gewettet. Das Ergebnis ist vielleicht ein wenig optimistisch: Keinen einzigen Penny setzen die Manager darauf, dass Mannesmann bis Februar die notwendige Mehrheit zur Abwehr zusammenkriegt. FRANK DOHMEN
* Michael Reinert und Mike Caldwell in der Vodafone-Zentrale inNewbury.