WHISKY-ZERTIFIKATE Die Sparflasche
Der Frankfurter Finanz- und Immobilienmakler Helmut Kling harrt ungeduldig einer größeren Sendung jenes goldbraunen, rauchig schmeckenden Gebräus aus den schottischen Hochlanden, das überall in der Welt als Getränk gehobener Gastlichkeit gilt. Makler Kling hat unter seinem Firmennamen Hoffmann & Co. bei den fünf größten schottischen Whisky-Herstellern mehrere Gallonen Malt und Grain bestellt, um seinen Kunden die Vorzüge eines neuen Geschäfts sinnfällig zu demonstrieren: Kapitalkräftige Bundesbürger sollen demnächst bei ihm Gelegenheit erhalten, ihr überzähliges Geld in Alkohol anzulegen und sogenannte Whisky-Zertifikate zu erwerben.
Jedes dieser Papiere verbrieft dem Inhaber das Eigentum an jeweils einigen 100 Litern Whisky, den er freilich selbst nie zu sehen bekommt. Der Whisky liegt nämlich unter Zollverschluß in irgendeinem schottischen oder englischen Lagerhaus.
Makler Kling selbst erfaßte den tieferen Sinn dieses originellen Wertpapiergeschäfts vor nicht allzu langer Zeit, als er durch einen Geschäftsfreund Kontakt zu einer Züricher Treuhandgesellschaft aufnahm, die unter dem Namen »Anglo-Swiss & Scottish Investments« seit fünf Jahren als Zentralstelle für den europäischen Whisky-Handel fungiert und die Ausgabe von Zertifikaten vermittelt. Hinter dem unverfänglichen Firmentitel verbergen sich die maßgeblichen schottischen Whisky-Hersteller, in Schottland Blender (to blend = mischen) genannt Sie haben sich in der Schweiz zu einer Art Verwaltungsgesellschaft zusammengefunden, seit ihnen hohe Steuern im heimatlichen England die Freude an dem Zertifikat-Geschäft verleidet haben. Bei vielen Gläsern harten Whiskys offenbarten die Schotten dem Frankfurter Makler das Geheimnis der Whisky-Sparflasche.
Jeder Whisky muß jahrelang lagern, ehe er zu jener herben Schwere reift, der er seine verbreitete Wertschätzung verdankt. Das Getränk wird nach wohlgehüteten Geheimformeln aus Malz und dem Brennerei-Destillat torfrauchgetrockneter Gerste gemischt, mit destilliertem Wasser verdünnt und in Eichenholzfässern aufbewahrt, bis es zu rauher Männlichkeit gealtert ist. Je geduldiger die Whisky-Blender und -Brenner auf die Reifestunde warten, desto wertvoller wird ihr eingelagerter Schatz. Der frisch aufs Reifefaß gebrachte Rohwhisky verteuert sich bereits nach einem Jahr je Gallone (4,55 Liter) um runde drei Mark. Nach Ablauf von drei Jahren erhöht sich der Wert je Gallone von neun auf rund 20 Mark. Nach sechsjähriger Lagerzeit gar kann der Eigentümer eines Whisky-Fasses bereits 44 Mark je Gallone, nach Ablauf von zwölf bis 14 Jahren 90 bis 95 Mark je Gallone erlösen.
So beruhigt die schottischen Blender und Destillateure der natürlichen Vermehrung ihres Whisky-Schatzes entgegensehen können, so sehr scheuen sie den mit dem Whisky-Geschäft zwangsläufig verbundenen späten Geldeingang sowie die hohen Lagerkosten. Die Whiskymischer sannen daher auf Abhilfe, um die lästigen Wartungsgelder auf andere abzuwälzen. Sie bieten ihren frischgebrannten Whisky zum Verkauf und kassieren von den Zertifikatsinhabern pro Jahr zweieinhalb Prozent des Anlagewerts als Lagerkosten. Am Tag der Reifestunde kaufen sie dann den gealterten Saft, der keine Minute ihre Kellergewölbe verlassen hat, zum jeweiligen Marktpreis von den Zertifikatsinhabern zurück.
Freilich hätten die Schotten gern auf ihre Zertifikatsparer verzichtet und dafür den Wertzuwachs des Rohwhiskys allein für sich eingeheimst. Die Kosten des Produktions- und Reifeprozesses übersteigen jedoch die Kapitalkraft der zumeist kleinen Whiskymischer, so daß sie sich seit langem durch Ausgabe von Zertifikaten zwischenfinanzieren. Der Erwerb solcher Zertifikate war in Schottland lange Jahre so beliebt, daß viele Bürger statt eines Sparbuchs ein Whiskyfaß unterhielten.
Erst die nach dem Krieg kräftig erhöhten Gewinnsteuern vergällten den Schotten das althergebrachte Whisky-Spargeschäft. So zogen die Blender nach dem Festland aus, um zunächst unter den vom Fiskus freundlicher behandelten Schweizern - in der Schweiz sind Kapitalgewinne aus Zertifikaten steuerfrei - neue Geldgeber aufzutreiben. Von der Schweiz streckten die Schotten dann Fühler nach ganz Europa aus. .
Kaum hatte Makler Kling aus Frankfurt, der Whisky vorher nur als Getränk schätzengelernt, hatte, die Arbeitsweise der Züricher Treuhandfirma näher erforscht, als er zielstrebig daranging, den Bundesbürgern die neue Sparmethode näherzubringen. Allein die Tatsache, so betonte Kling, daß eben die an hohen Whiskypreisen stark interessierten Blender hinter der Schweizer Finanzierungsgesellschaft steckten, garantiere den Schutz vor peinlichen Preisrückschlägen.
Nach dem erprobten Wirtschaftsrezept, stets erheblich weniger zu produzieren, als der Konsum begehrt, reglementiert die schottische Whisky-Industrie sorgsam ihre Bestände. Die staatlich lizenzierten und zahlenmäßig begrenzten Brennereien können zwar theoretisch jede gewünschte Menge Rohwhisky produzieren, in der Praxis aber regelt ein straff geführter Kartellverband, die sogenannte Distillers Company Ltd., das Angebot von fertigem Whisky. Sie bestimmt, welche Mengen gebrannt werden dürfen und wieviel Rohware an die Whiskymischer abgegeben werden darf.
Der Frankfurter Whisky-Makler Kling verheißt denjenigen Sparern, die nach dreijähriger Wartezeit nicht den inzwischen
aufgelaufenen Gewinn bar kassieren wollen, einen zusätzlichen finanziellen Vorteil. So machen die englischen Lagerfirmen, in deren Kellern die Sparer-Gallonen der Reife entgegendämmern, ihren Kunden nach Ablauf der dreijährigen Wartezeit das Angebot, für jede Gallone reifen Whisky je nach Marktlage und Preis zwei, zweieinhalb oder gar drei Gallonen jungen Whisky einzutauschen, so daß der Sparer nach Ablauf von weiteren drei Jahren die zwei- bis dreifache Menge reifen Whisky besitzt. Dabei werden den Zertifikatsinhabern großmütig jene nahezu 20 Prozent Schwund vergütet, die der gealterte Whisky durch die Alkoholverdunstung verloren hat..
Kling: »Noch niemals ist es in der schotteschen Whisky-Industrie bislang vorgekommen, daß ein Faßbesitzer für den alten Whisky weniger bekommen hat als die doppelte Menge neuen Whisky. Das ist ein Gewinn von mindestens 100 Prozent in drei Jahren. Wer,das richtig betreibt, kann aus seinem Whisky eine ewige Rente beziehen.«
Damit die in derlei Spargeschäften unerfahrenen Bundesbürger nicht um die Echtheit und Güte ihrer im fernen Schottland lagernden Whiskyfässer bangen müssen, haben die Schotten gleichfalls Vorsorge getroffen. Durch Vermittlung Makler Klings und seiner Züricher Geschäftspartner erhält jeder bundesdeutsche Whisky-Sparer von seiner britischen Lagerfirma einen Schein, der auf seinen Namen lautet und ihm detailliert bekundet, welche Mengen Rohwhisky ihm gehören und welcher Qualität und Herkunft sie sind. Eine englische 'Bank garantiert die Echtheit der Dokumente.
Alle Vierteljahr erfreuen den Sparer zudem eingehende Berichte der englischen Schatzwahrer, die ihm das Schicksal seines reifenden Whiskys künden und ihn über die Marktlage informieren. Da die Fässer in Zollfreilagern ruhen, die von der Regierung streng kontrolliert werden, können die Sparer sicher sein, daß ihr flüssiges Eigentum keinen Schaden nimmt.
Die Schotten haben sich allerdings bei ihrem Deutschland-Vertreter Kling ausbedungen, daß - wie das Whisky-Trinken - auch das Whisky-Sparen nur einem ausgewählten Interessentenkreis vorbehalten bleiben soll. Um sich gegen unruhige Spekulanten abzusichern, hat die Züricher Investment-Gesellschaft bestimmt, daß Makler Kling nur Zertifikate in der Größenordnung von 10 000 Mark an vermitteln darf.
Diese Auflage freilich konnte Klings Geschäftsbetrieb nicht im mindesten hemmen. Schon auf eine erste bescheidene Anzeige in der »Frankfurter Allgemeinen« hin erhielt Makler Kling mehr als 100 ernstgemeinte Anfragen. Konstatiert Kling: »Es ist eben genügend Geld da. Die Angebote bewegen sich alle in der Größenordnung zwischen 20 000 und 40 000 Mark.«
Whisky-Makler Kling: Zinsen vom Faß