Die Wüste bebt - DER SPIEGEL
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GLÜCKSSPIEL Die Wüste bebt

Der US-Milliardär Kirk Kerkorian schwingt sich zum größten Casinobetreiber der Welt auf. Mit der Übernahme der Mandalay-Gruppe gehört ihm halb Las Vegas.
• aus DER SPIEGEL 26/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eines der ersten Hotels, die Kirk Kerkorian in Las Vegas kaufte, war das Desert Inn. Es lag ein wenig abseits und hatte seine besten Tagen lange hinter sich, aber das oberste Stockwerk war mal der letzte Wohnsitz des exzentrischen Ölmilliardärs Howard Hughes gewesen. Der Kauf war so etwas wie der Erwerb einer Trophäe, eine Geste der Verehrung.

Es gibt einiges, was Kerkorian und Hughes verbindet: Da ist die Liebe zur Fliegerei, der außergewöhnliche Geschäftssinn, die Scheu vor der Öffentlichkeit. Kerkorian gehört zu der seltenen Sorte amerikanischer Erfolgsmenschen, die sich lieber einen Finger abschneiden würden, als öffentlich über sich Auskunft zu geben.

Er sitzt nicht in Talkshows. Er gibt keine Interviews und hält keine Reden. Es gibt auch keine Autobiografie von ihm oder eine dieser Managementfibeln, wie sie Wirtschaftsgrößen am Ende ihrer Karriere gern auflegen.

Dabei gäbe es ohne Zweifel Stoff genug: Sohn armenischer Einwanderer, wird mit 14 der Schule verwiesen, schlägt sich als Golfjunge, Türsteher und Preisboxer durch, bevor er fliegen lernt und einen Handel mit alten Armeeflugzeugen aufzieht. Aufbau einer kleinen lokalen Fluglinie, Verkauf der Firma, Einstieg ins Film- und Casinogeschäft.

Vor einiger Zeit musste Kerkorian vor einem Gericht in Delaware als Zeuge aussagen. Er hatte den DaimlerChrysler-Konzern, an dem er ebenfalls ein beachtliches Aktienpaket besitzt, wegen Täuschung verklagt. Wie groß er denn sein Vermögen schätze, wurde er gefragt. Kerkorian nuschelte etwas von vier Milliarden. Er ist jetzt 87 Jahre alt; man sah ihm die Qual an, über sich selbst reden zu müssen.

In diesen Tagen steht Kerkorians Name wieder sehr prominent in den Zeitungen. Es ließ sich nicht vermeiden. Gerade hat er knapp acht Milliarden Dollar für die Übernahme der Mandalay-Resort- Gruppe geboten, eines der ganz großen Hotel- und Casinobetreiber in Las Vegas.

Es ist nicht so, dass Kerkorian in Las Vegas noch nicht ausreichend vertreten wäre. Der MGM-Mirage-Gruppe, an der er die Aktienmehrheit besitzt, gehören das Bellagio, das New York-New York, das Treasure Island. Aber einer wie Kerkorian muss laufend die Einsätze erhöhen. Auch deshalb passt er so gut in die Spielerstadt. Wenn der Deal, wie zu erwarten, durchgeht, wird Kerkorian die Hälfte des »Strip« kontrollieren, wie der sechs Kilometer lange Boulevard heißt, an dem alle großen Hotels liegen - 50 000 Betten, 22 000 Spielautomaten, 1000 Spieltische. Er wäre mit einem Schlag der größte Casinobetreiber der Welt.

Für Las Vegas ist das Geschäft so etwas wie die Vertreibung der letzten Gespenster. Die endgültige Emanzipation von der Vergangenheit, in der Mafiabosse und ihre Schläger aus dem Wüstenort einen gigantischen Geldautomaten machten.

Nun passiert das, was in jeder Branche passiert, die ihre Sturm-und-Drang-Phase hinter sich hat: Die Claims sind abgesteckt, wer weiterwachsen will, kann das in der Regel nur durch die Übernahme der Konkurrenz.

Auf dem Papier passen die beiden Casinogruppen gut zusammen. MGM Mirage besitzt die schönsten und teuersten Hotels der Stadt, die auch jene Spieler anziehen, die an einem Abend eine halbe Million Dollar auf den Kopf hauen können. Die Manager von Mandalay dagegen bedienen eher die preisbewussten Touristen. Außerdem haben sie es verstanden, das Kongressgeschäft an sich zu ziehen.

Das gute Wetter, die Billigflieger und der Nachtglitzer sind eine unschlagbare Kombination für Millionen Angestellte, die in einem der Riesensäle des Mandalay Bay ihre Jahresversammlungen für Turnschuhe, Reifen oder Limonade abhalten.

Tatsächlich gilt die Mandalay-Gruppe als eines der am besten geführten Unternehmen am Strip - trotz 2,5 Milliarden Dollar Schulden, die in den Büchern stehen und die Kerkorian mit übernehmen wird.

Für ihn ist der Kauf auch so etwas wie ein Abschluss. Er hat in Las Vegas die erste Million mit seinem Airshuttle verdient. Hier traf er seine zweite Frau - ein ehemaliges Revuegirl -, mit der er knapp 30 Jahre lang verheiratet war und zwei Kinder hat. Es gibt für ihn in Las Vegas jetzt eigentlich nichts mehr zu tun.

»War die Übernahme für alle hier eine Überraschung? Keine Frage. Wird sich für den normalen Besucher etwas ändern, der nach Las Vegas kommt, um Spaß zu haben? Eher unwahrscheinlich«, sagt Anthony Curtis, von Berufs wegen eine Art Preis-Profi. Curtis gibt ein Blatt heraus, in dem steht, wo man die billigsten Zimmer bekommt und die üppigsten Büfetts.

»Die Stadt hat insgesamt 150 000 Hotelbetten«, sagt er, »es wird immer Konkurrenz geben. Und wenn hier das Angebot nicht mehr stimmt, dann gehen die Leute eben nach Atlantic City oder in eines der Indianer-Casinos, die jetzt überall aufmachen.«

Kerkorians Leute sind schon beim nächsten Deal. Sie sprechen von der Expansion nach Asien oder Europa. England will nächstes Jahr die Glücksspielgesetze lockern, und auch Macao sieht vielversprechend aus. Sie sagen, dass ihr Boss bislang noch immer gewonnen hat. JAN FLEISCHHAUER

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