Diebstahl der Kulturen - DER SPIEGEL
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GLOBALISIERUNG Diebstahl der Kulturen

Darf ein US-Konzern indischen Basmati-Reis patentieren? Niemals, sagt die Inderin Vandana Shiva - und hat damit eine globale Debatte über »Bio-Piraterie« ausgelöst.
Von Ulrich Schäfer
• aus DER SPIEGEL 47/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seattle? Was war schon Seattle? 50 000 Menschen protestierten dort vor zwei Jahren gegen die Globalisierung. Doch als Vandana Shiva, 49, vor wenigen Tagen in Indien rief, marschierten 100 000 Demonstranten durch Neu Delhi.

Vor acht Jahren, so erzählt sie, folgten sogar eine halbe Million Menschen ihrem Aufruf zur wohl größten Anti-Globalisierungs-Demonstration aller Zeiten. »Das waren zehn Seattles«, sagt die Trägerin des Alternativen Nobelpreises nicht ohne Stolz.

Nur zu dumm, dass dies in Katar, beim Gipfel der Welthandelsorganisation WTO, kaum jemand weiß. Drinnen im Sheraton-Hotel beraten fast 2000 Delegierte über die Zukunft der freien Weltmärkte, ringen um Kommata, Halbsätze und Einschübe, damit am Ende doch noch ein für jedermann akzeptables Kommuniqué herauskommt. Und draußen vor der Tür erzählt Shiva jedem, der es wissen will, ihre Geschichte.

Hätten die Delegierten ihr zugehört, dann hätten sie viel früher verstanden, warum ausgerechnet Indien in den sechs Tagen von Doha so hartnäckig verhandelt wie kein anderes Land - und warum der Gipfel deswegen beinahe gescheitert wäre.

Shivas Geschichte handelt von den Reisbauern in ihrer Heimat, von Männern und Frauen, deren Felder kaum Erträge abwerfen, weil die Dürre Teile der Ernte und der Weltmarkt die Preise verdorben hat.

Sie handelt zugleich von amerikanischen Saatgutunternehmen wie RiceTec, einer Firma in Texas, die sich 1997 ein weit reichendes Patent auf Basmati-Reis gesichert hat, der in Indien seit Ewigkeiten angebaut wird. »Solche Bio-Piraten versuchen, unsere Kultur zu stehlen«, schimpft Shiva, während die Delegierten an ihr vorbeihasten, auf dem Weg zur nächsten Sitzung.

Wenn solche Beispiele Schule machen, dann, so fürchtet sie, werde die traditionelle Landwirtschaft noch schneller zurückgedrängt. Dann würden die Saatgutpreise weiter steigen und noch mehr Kleinbauern in den Ruin getrieben. »Die Globalisierung«, seufzt sie, »hat uns wenig Gutes und viel Schlechtes gebracht.«

Das Schlechte, gegen das Shiva derzeit kämpft, lässt sich dabei in fünf Buchstaben fassen: Trips. Es ist die englische Abkürzung für ein globales Patentabkommen, das 1995 verabschiedet wurde.

Dieses Abkommen regelt so genannte Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights und damit, was Unternehmen alles patentieren dürfen. Es garantiert den Firmen für einen gewissen Zeitraum exklusive Nutzungsrechte. Und es verlangt, dass alle Mitgliedstaaten der WTO Patentschutz gewährleisten und die Verletzer dieser Patentrechte bestrafen.

Müsste Indien also gegen die eigenen Bauern vorgehen, weil diese Basmati anbauen? Nein, niemals. Das ist undenkbar, schimpft Shiva: »Wir werden diese neue Form des Kolonialismus nicht zulassen.«

In ihrer Heimat ist die promovierte Physikerin der führende Kopf der Anti-Globalisierungs-Bewegung. Sie ist ähnlich populär wie in Frankreich der Bauer José Bové, der mit seinem Traktor ein halbfertiges McDonald's-Restaurant verwüstete.

Schon vor Jahren hat die streitbare Frau ein eigenes Forschungsinstitut gegründet. Sie kämpft gegen das Vordringen westlicher Multis - und für den naturverbundenen Ackerbau. Und so mobilisierte sie auch gegen RiceTec wieder die Massen.

Bauern gingen auf die Straße, Umweltgruppen aus aller Welt, vom ActionAid bis zum World Wide Fund for Nature, schlossen sich der Kampagne an. Und inzwischen hat Shiva einen ersten Erfolg errungen: In den USA musste RiceTec kürzlich den Großteil seiner einst 20 Patente aufgeben, nachdem Indiens Regierung geklagt hatte.

Mittlerweile hat ihr Institut über 20 Patente ausgemacht, die nach Ansicht der Wissenschaftler keineswegs so neu sind wie behauptet. So ließen auch Novartis und Monsanto bestimmte Reissorten schützen. Andere Firmen beantragten Exklusivrechte für spezielle Pfeffer- und Ingwer-Arten. Und selbst für Heilpflanzen wie die Jambolanapflaume, die die Inder seit jeher gegen Diabetes einsetzen, soll es künftig exklusive Nutzungsrechte geben.

Doch gegen jedes einzelne dieser Patente vorzugehen können sich viele Dritte-Welt-Länder kaum leisten. In der Regel streiten dann amerikanische Anwälte mit amerikanischen Anwälten - und das kostet mehrere hunderttausend Dollar.

Vehement fordert Shiva deswegen: »Patente auf Pflanzen, Gene und Lebewesen darf es nicht mehr geben.« Ähnlich sehen das viele Entwicklungsländer, schon in Katar forderten sie, das Trips-Abkommen neu zu verhandeln - doch ohne Erfolg.

Stattdessen ließen sich die Industrieländer nur zu einer Lockerung bei Medizinpatenten bewegen. Sie versprachen zudem, die eigene Landwirtschaft weniger stark zu subventionieren - und damit die Chancen für Dritte-Welt-Produkte zu verbessern.

Auch Indien stimmte diesem Kompromiss schließlich zu. Doch Vandana Shiva glaubt: »Diese Zusagen des Westens - das sind doch alles nur Lippenbekenntnisse.« ULRICH SCHÄFER

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