Dienst an der Erntefront - DER SPIEGEL
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ARBEITSLOSE Dienst an der Erntefront

In Nienburg (Weser) werden Erwerbslose auf die Erntearbeit vorbereitet. Sie sollen, zwangsverpflichtet, Spargel stechen und die Arbeitslosenquote senken.
• aus DER SPIEGEL 18/1998
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Die sieben, die da in Reih und Glied auf dem Übungsacker stehen, erinnern ein wenig an die Sträflingsbrigade in einer zweitklassigen Fernsehkomödie. Lustlos fuchteln die Arbeitskräfte mit Spargelmesser und Glättekelle in der Gegend herum und fühlen sich sichtlich unwohl in ihren zu großen blauen Arbeitsjacken. So einen Job haben sie in ihrem Leben noch nicht gemacht, und sie wollen ihn auch nicht lange behalten. Das ist nicht zu übersehen.

Gute Laune hat nur Bernd Antelmann, 37, der das Training in Spargelkunde leitet und eine hölzerne Gemüse-Attrappe mit Wucht in die sandige niedersächsische Erde rammt. »Vorsicht«, mahnt der Mann von der Deutschen Lehranstalt für Agrartechnik (Deula), »ist bei der Ernte oberstes Gebot.« Auf Kommando wühlt die ganze Truppe behutsam im Boden.

Spargel ist empfindlich - das Häuflein Arbeitsloser, das vom Arbeitsamt Nienburg (Weser) zu der Veranstaltung zitiert wurde, ist es auch: die Arzthelferin, der Heizungsbauer, die Rechtsanwalts- und Notargehilfin, die gelernte Eisenwarenverkäuferin. Sie alle gehören zu den »arbeitslosen Inländern«, die der Präsident der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, in diesem Jahr zu »Erntearbeiten« zwangsverpflichten will. Bei Verweigerung droht den Erwerbslosen vorübergehende Streichung ihres Arbeitslosengeldes. Darum sind sie hier, nicht freiwillig.

Um die Zahl überwiegend osteuropäischer Saisonarbeiter auf deutschen Feldern zu reduzieren, sollen bundesweit erstmals in größerer Zahl auch unwillige einheimische Arbeitslose beim Einbringen von Feldfrüchten eingesetzt werden. »Mit dem Verfahren« wollen die Nürnberger erreichen, daß in diesem Jahr nicht mehr als »180 000 Saisonkräfte aus Osteuropa« ins Land kommen. Spargel ist nur der Anfang.

Im Nienburger Arbeitsamt hält man Jagodas Pläne für »vernünftig«. Michael Tanzer, Leiter der Arbeitsvermittlung, rechnet es vor: »11 000 Arbeitslose haben wir in der Region, und der Bedarf an Saisonarbeitern liegt dieses Jahr bei 4700.«

Tanzer rechnet mit 800 »inländischen Arbeitslosen«, die auf diese Art und Weise wenigstens für ein paar Monate jobben können. Für 10,60 Mark Stundenlohn und 25 Mark Zuschuß pro Tag vom Arbeitsamt für Empfänger von Arbeitslosenhilfe. Was, ganz nebenbei, keine schlechte Bezahlung sei.

Juristisch ist der Jagoda-Ukas nicht zu beanstanden. »Einem Arbeitslosen sind alle seiner Arbeitsfähigkeit entsprechenden Beschäftigungen zumutbar«, steht im Sozialgesetzbuch. Bei Verweigerung droht ein »Ruhen des Anspruchs« auf Stütze. Lediglich in besonders drastischen Fällen müsse die Zumutbarkeit gesondert geprüft werden.

Das Problem scheint nur, daß weder Landwirte noch Arbeitslose so recht wollen. Die Arzthelferin Stefanie, 21, findet es empörend, »daß man einfach zu etwas gezwungen werden soll, was man gar nicht machen möchte«. Das Ganze rieche nach Arbeitsdienst. »Wenn die einwöchigen Kurse montags beginnen«, hat Antelmann beobachtet, »wird oft geschimpft, das seien ja die reinsten Nazi-Methoden.«

Spargelbauer Fritz Bormann, 47, macht keinen Hehl daraus, daß auch er und seine Kollegen ihre Äcker lieber »den fleißigen polnischen Arbeitern als der deutschen Wohlstandsjugend« anvertrauen. Nach einem komplizierten Schlüssel muß Bormann jetzt Deutsche einstellen. Ob er will oder nicht. »Seit 600 Jahren betreibt« seine Familie den Hof, der mittlerweile über sechs Hektar Spargelanbaufläche umfaßt. Jetzt sieht er seine Existenz gefährdet.

Am Montag vergangener Woche hatte der Spargelzüchter eine Verabredung mit einem Arbeitslosen zum Vorstellungsgespräch - »doch der erschien gar nicht«. Seine Befürchtung: Die meisten, die ihm das Arbeitsamt zuweist, feiern krank. Und andere, die zur Arbeit auf seinem Acker genötigt würden, könnten womöglich auf die Idee kommen, »Suppenspargel« aus der kostbaren Delikatesse zu machen, indem sie die Stengel mit dem Spargelmesser vorsätzlich kleinschnitten. Nur, um so schnell wie möglich gefeuert zu werden.

Der Landwirtschaft ginge es ohnehin nicht besonders gut. »Da darf man keine Experimente machen«, fleht Bauer Bormann, »obwohl man Verständnis dafür hat, daß deutsche Arbeitslose in Lohn und Brot kommen.« Mit den Polen sei alles viel unkomplizierter, die seien tüchtig und »Handarbeit gewohnt«. Seit sie vor ungefähr zehn Jahren, als der Spargelanbau boomte, verstärkt als Saisonarbeiter eingesetzt wurden, sei es »ständig bergauf gegangen«.

Sogar die Chemiker und Lehrer, die zur Arbeit aus dem östlichen Nachbarland anreisten, bräuchten nur wenige Tage, um das Handwerk zu erlernen.

Etwas schwerer tut sich da offenbar der deutsche Spargelstecher: Als im letzten Jahr schon einmal Arbeitslose zur Probe auf die Äcker geschickt wurden, dräute laut Bormann sofort eine »Katastrophe«. Kaum davon in Kenntnis gesetzt, daß die Arbeitswoche sieben Tage dauere und auch bei Wind und Regen nicht gerastet werde, »ließen die alles stehen und liegen« und wurden nicht mehr gesehen. »Die bekommen einfach zuviel Geld«, hieß es hinter vorgehaltener Hand, und hätten es »wohl nicht nötig, auf den Acker zu gehen«.

Um die neuen Kräfte etwas behutsamer an die mühevolle Arbeit heranzuführen und ihnen »auch sozial etwas zu bieten«, wurden deshalb die Trainingskurse an der Deula eingerichtet. Manchmal steht »Sortieren und Verkaufen« auf dem Programm, manchmal die unbeliebtere Unterrichtseinheit »Stechen«. Von den bisher 800 Absolventen, schätzt Antelmann, hätten sich rund 20 Prozent als brauchbar erwiesen. Sie dürften demnächst ihre Einberufung zum Felddienst erhalten.

Vermittler Tanzer vom Arbeitsamt jedenfalls kann sich bereits freuen, bevor das Programm so richtig angelaufen ist: »In letzter Zeit sinkt die Arbeitslosenquote in Nienburg merklich. Seit wir mit dem Spargeleinsatz drohen, finden urplötzlich immer mehr Leute Jobs in anderen Berufen.«

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