BANKEN Diskrete Wege
Anspruchsvolle Privatkunden« sind der Bank für Handel und Effekten (BHE) in Zürich die liebsten, besonders wenn sie »eine dauerhafte Beziehung suchen und großen Wert auf persönlichen Service, Diskretion und Sicherheit« legen.
Persönlicher Service, Diskretion und Sicherheit Marke BHE wirken nicht nur auf geübte Kapitalisten attraktiv, auch die DDR und ihr oberster Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski fühlten sich seinerzeit zu der Finanzboutique am Talacker 50 in Zürich hingezogen.
Über mehrere Jahrzehnte, bis zum Zusammenbruch im Herbst 1989, ließen die Einheitssozialisten Hunderte Millionen Franken gewinnbringend und steuersparend in weitverzweigten Geldkanälen zwischen Berlin, Zürich und dem Fürstentum Liechtenstein zirkulieren.
Der Mann, der den Geldfluß in Gang hielt, heißt Max Moser. Inzwischen 80 Jahre alt, aber immer noch aktiv im diskreten Geschäft, trug der Bankier entscheidend dazu bei, die DDR am Leben zu erhalten. Interviews gewährt der schlanke, weißhaarige Mann kaum.
Max Mosers herausragende Bedeutung beim Anlegen und Mehren von Valuten aus dem Zwangsumtausch der Touristen, aus Hilfszahlungen der Westkirchen und Krediten der Bundesrepublik erschließt sich aus vertraulichen Protokollen mehrerer deutscher Untersuchungsausschüsse zum Verbleib des DDR-Vermögens. In einem Buch über »die geheime Welt der Privatbankiers« beschreibt der Journalist Fred David nun erstmals ausführlich die merkwürdige Swiss-Connection der DDR-Oberen*.
Um 1968 hatte der West-Berliner Bankier Otto Scheurmann seinen Schweizer Freund Moser mit dem aufstrebenden DDR-Ökonomen Schalck-Golodkowski bekannt ge-
* Fred David: »Im Club der Milliardäre. Die geheime Welt der Privatbankiers«. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 394 Seiten; 49,80 Mark.
macht. Der brütete damals mit einem Freund, dem Stasi-Offizier Heinz Volpert, über den Recherchen einer gemeinsamen Dissertation. Die Jungakademiker wollten darin Rezepte bereitstellen, wie »dem Feind mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten durch Anwendung seiner eigenen Methoden und Moralbegriffe Schaden zuzufügen« wäre. Zudem wollten sie »die sich bietenden Möglichkeiten des feindlichen Wirtschaftspotentials zur allseitigen Stärkung der DDR« nutzen.
Die beiden Doktoranden der juristischen Hochschu- le des Ministeriums für Staatssicherheit in Potsdam hatten schon begriffen, »daß in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung eine Vielzahl von Personen käuflich sind und bei entsprechenden Gewinnaussichten zu jeder Art von Geschäften legaler und illegaler Art ... bereit sind«.
Von Moser und Scheurmann, beide ausgewiesene Experten für allerlei Winkelzüge im Finanzgewerbe, erfuhren Schalck-Golodkowski und Volpert so viel über die diskreten Wege der Vermögensverwaltung in der Schweiz und in Liechtenstein, daß sie den Plan, in den Niederlanden einzusteigen, aufgaben. Statt dessen eröffneten die ostdeutschen Realsozialisten Konten in Zürich und gründeten Briefkastenfirmen in Vaduz.
Moser machte mit Wertschriften »sehr große Umsätze«. Zwischen Schalck und seinem verschwiegenen Eidgenossen entstand im Lauf der Jahre eine solide Männerfreundschaft. Moser, der Bourgeois und Rotweinfan, pflegte seinen Großkunden und kommunistischen Genußmenschen Schalck zu Neujahr mit ein paar Kisten Wein aus der Heimat zu erfreuen.
Nach eigenem Bekunden fragte der Bankier nie, woher das viele Geld kam, das er verwaltete. Er wollte auch nicht wissen, wozu es verwendet wurde.
Hingegen erkundigte er sich 1975 beiläufig, was der ganze Geldsegen eigentlich mit der Schweiz zu tun habe. Schalcks Antwort verblüffte ihn: Die DDR habe ihm ihre »eiserne Devisenreserve« anvertraut. Buchstäblich. Um ihn in Sicherheit zu wissen, hatte die DDR ihren finanziellen Notvorrat in Mosers Ein-Mann-Bank privatisiert. Auch das Liechtensteiner Firmengeflecht war auf Mosers Initiative hin entstanden. »Das wußte nur er allein und wahrscheinlich drei DDR-Funktionäre«, ist Buchautor David überzeugt.
Das BHE-Management fand »nichts Anrüchiges« dabei. Moser selbst strich mehrfach seine »hundertprozentige Diskretion« heraus, als er deutschen Behörden Rede und Antwort stand, die gegen ihn und den Gesellschafter der Otto Scheurmann Bank-KG, Hans-Jürgen Laborn, ermittelten.
Bei diesem Geldinstitut, heute eine Tochter der Dresdner Bank, führte Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski unter dem Namen »Keller« das Stammkonto 18474300. Über das Unterkonto 18474301 verfügte Max Moser. Die konspirativen Vorkehrungen, mit denen Laborn und Moser im letzten Jahr der DDR rund 15 Millionen Mark an den Kontrollbehörden vorbeimanövrierten, trugen den beiden Bankiers 1998 Geldstrafen von 75 000 und 45 000 Mark ein.
Max Moser läßt die peinliche Sanktion unkommentiert. Einzige Folge der Affäre: Der unermüdliche Schaffer zog aus der BHE im gleichen Gebäude in eigene Räume um.
Gegen Gesetze, schweizerische wohlgemerkt, hat Moser nicht verstoßen. Im Gegenteil: Nach allem, was bisher bekannt ist, hat er für seinen Stand Ehre eingelegt - verschwiegen, zuverlässig, unpolitisch selbstverständlich, wie es unter Schweizer Bankern schon vor 50 Jahren der Brauch war.
Von Politik, gab Moser zu Protokoll, sei in den Gesprächen mit Schalck-Golodkowski »nie die Rede« gewesen.
* Fred David: »Im Club der Milliardäre. Die geheimeWelt der Privatbankiers«. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 394Seiten; 49,80 Mark.