»Diskretes diskret« - DER SPIEGEL
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»Diskretes diskret«

Von Gerhard Mauz
• aus DER SPIEGEL 35/1992
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer sich, einmal vom Blitz getroffen, nur noch vor Blitzen fürchtet, wird von einem Erdbeben hinweggerafft werden.

»Es geht um das Renommee der Gewerkschaften«, sagte Heinz Oskar Vetter, damals DGB-Vorsitzender, als sich 1982 der Zusammenbruch des gewerkschaftseigenen Baukonzerns Neue Heimat abzeichnete. Fortan litt der DGB an einem Neue-Heimat-Trauma. Fortan galt die Parole: keine neue »Pleite nach Art der Neuen Heimat«.

Wer in einer Existenzkrise sein Renommee zu retten sucht, läuft Gefahr, nur um seinen Ruf bemüht zu sein. Er ist versucht, die Ursachen der Krise nicht nur nach außen, sondern auch vor sich selbst zu verdrängen.

Diese Versuchung war nach dem Fiasko der Neuen Heimat groß. In Albert Vietor, dem Mann, unter dem die Neue Heimat in den Abgrund marschiert war, verfügte man über einen Bösewicht, wie er in Verdis Opern auftritt. Ihm konnte man alles, aber auch alles zuschreiben.

Der DGB erlag der Versuchung. Zu einer strengen - geschweige denn brutalen, und die wäre nötig gewesen - Bestandsaufnahme und Analyse kam es nicht. Die co op war schon 1982 ein Schwelbrand. Sie war ein Schwelbrand seit ihrer Gründung 1974.

Um die von der Arbeiterbewegung gegründeten mehr als hundert Genossenschaften mit ihren veralteten Konsum-Läden zu retten, schloß man sie damals zusammen. Alle, die man vereinte, waren krank, wenn nicht schon Leichen. Die beiden gesunden Gruppen blieben draußen. Die co op begann mit mehr als 500 Millionen Mark Altschulden.

Vor dieser Altlast floh die co op in die Expansion. Hätte man nicht vor allem anderen ans Renommee gedacht - man hätte sich nach dem Untergang der Neuen Heimat dieser Tatsache stellen können. Doch zur Rettung des Renommees gehörte auch, daß man sich nicht an das Geflecht der Genossen-Beziehungen heranwagte, an das Einverständnis zwischen den Managern und ihren Mitarbeitern, zwischen Vorstand und Aufsichtsrat, an die allseitige Bildung und Pflege des Privatvermögens.

In der vergangenen Woche hat in Frankfurt im sogenannten co op-Prozeß einer der sieben Angeklagten, Hans Gitter, 47, ehemaliger Leiter des Vorstandssekretariats der co op, ausgesagt. Die »Schweigemauer«, die er damit durchbrochen haben soll, überwand er schon sehr viel früher. Seine Einlassung in den Bänden 33, 34 und 42 der Ermittlungsakten ist den Verfahrensbeteiligten längst bekannt.

Hans Gitter wird Beihilfe zur persönlichen Bereicherung und Untreue zum Nachteil der co op vorgeworfen. Er hatte ein besonderes Vertrauensverhältnis zum Vorstandsvorsitzenden Bernd Otto. Ihm oblag, dafür zu sorgen, daß »Diskretes diskret« blieb. Was er jetzt über schwarze Kassen, Stiftungen, fingierte Rechnungen, die Suche nach »Sprachregelungen« und über eigennützige Fledderei einer Finanzleiche sagte, war nur für die Öffentlichkeit neu.

Doch eine Überraschung war, daß Hans Gitter ein Sittenbild des DGB malte. Noch nie ist so direkt und schonungslos vorgetragen worden, daß die co op und die Beteiligungsgruppe der Gewerkschaft in ständigem Kontakt standen, daß alle von der Konkursreife wußten und daß die Vermögensverschiebungen, durch die man die co op in ein Meer von Firmen und Unterfirmen auflöste und unkenntlich machte, nicht allein einem aus dem Ruder gelaufenen Vorstandsvorsitzenden anzulasten sind. Im Bann des Neue-Heimat-Traumas und ins Geflecht der Beziehungen und des Einverständnisses verstrickt, ließ man ihn gewähren.

Der erste co op-Prozeß, so hat es nach Hans Gitters Aussage den Anschein, könnte nur ein Vorspiel vor dem noch geschlossenen Vorhang sein. Wenn sich der hebt nach dieser Hauptverhandlung, könnte das wahre Drama in einem zweiten Strafprozeß beginnen. Die Ermittlungen gegen erlauchte Namen des DGB, gegen Akteure der Holding BGAG und andere sind offenbar weit gediehen.

Es geht nicht mehr ums Renommee. Es geht um das Vertrauen der im DGB organisierten Arbeitnehmer.

Im co op-Prozeß wird ein Sittenbild des DGB gemalt

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