Disneyland: Rezessionsangst in Entenhausen - DER SPIEGEL
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Disneyland Rezessionsangst in Entenhausen

Die Rezession erreicht nun auch den Inbegriff der Konsumfreude: Disneyland in Anaheim. Die Mutter aller Vergnügungsparks kämpft mit Besucherschwund und Verschleiß. Eine Milliarden-Renovierung soll Abhilfe schaffen - doch nicht alle sind davon angetan.
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Anaheim - Mary Poppins ist aus dem Takt geraten. Trotzdem macht sie unbeirrt weiter, steppt in ihren Stiefeletten lächelnd übers Trottoir, flankiert von einer Schrammel-Kapelle. An ihrem Chiffon-Kleid platzen erste Nähte, ein Zeichen von Verschleiß. "Chim-chim-che-ree", flötet sie, den alten Schlager aus dem nach ihr benannten Disney-Film von 1964. Ein paar Kinder beäugen sie skeptisch. An ihren zweifelnden Mienen kann man es förmlich ablesen: Und wer soll die da sein?

Neulich, im "Happiest Place on Earth", dem glücklichsten Ort der Erde: Die Zauberwelt zeigt Patina. Vor Dornröschens Märchenschloss im Herzen Disneylands finden zwar stündlich Shows statt, wie gerade die mit Mary Poppins - sprich: einem verkleideten "cast member", wie alle Angestellten des Disney-Konzerns heißen. Doch irgendwie will der Funke nicht überspringen.

Vielleicht haben sie ja auch nur einen schlechten Tag. Die Tanznummer ist lau, die "cast members" scheinen lustlos, die Musik aus den versteckten Lautsprechern scheppert. Auch das Publikum wirkt angeödet. Die Kids wissen sowieso wenig anzufangen mit Mary Poppins. Mary who? Sie machen die obligatorischen Fotos und drängen dann weiter zur nächsten Attraktion. "Wo ist Nemo?", lautet eine der am häufigsten gestellten Fragen.

"Wie es den Parks geht, so geht es Disney"

Disneyland im Anaheim bei Los Angeles ist die Mutter aller Vergnügungsparks. 1955 von Walt Disney persönlich eröffnet, war es der erste Themenpark seiner Art weltweit und ein Prototyp für vier weitere in der Disney-Familie (Florida, Tokio, Paris, Hongkong). Zwar ist Disney längst ein Mega-Medienkonzern mit zuletzt 35,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Doch die Parks und Resorts bestreiten davon bis heute 30 Prozent, mit weltweit 116,5 Millionen Besuchern im letzten Jahr - und Disneyland bleibt ihr Aushängeschild. "Wie es den Parks geht", weiß die "New York Times", "so geht es Disney."

Deshalb blicken Börsen-Analysten wie Disney-Manager jetzt auch mit Sorge nach Anaheim. Denn die US-Konjunkturflaute bedroht langsam auch die Vergnügungsparks, eine der bisher krisensichersten Branchen. Und nirgends zeigt sich das besser als hier in Disneyland.

Die Gesamtbesucherzahlen der Anlage - die aus Disneyland und dem benachbarten, 2001 eröffneten California Adventure besteht - schrumpften 2007 um ein Prozent, erstmals seit dem Terrorjahr 2001. In Disneyland selbst lagen sie mit 14,9 Millionen zwar noch knapp ein Prozent über dem Vorjahr (14,7 Millionen). Im California Adventure brachen sie aber um 4,5 Prozent auf 5,7 Millionen ein.

Traumjahr für die Disney-Chefs

Bereits Anfang des Jahres stufte Citigroup die Disney-Aktie von "Hold" auf "Sell" herunter: Die Kreditkrise, steigende Benzinpreise und verringerte Verbraucherausgaben würden sich auf die Resorts niederschlagen und damit Disneys Gesamtbilanz stören. "Wir halten es nur für natürlich", schrieb Citigroup-Analyst Jason Bazinet, "dass die Konsumenten ihre Ausgaben drosseln werden."

Disney selbst dementiert natürlich jede Schieflage. "Wir sind mit dem aktuellen Geschäft in unseren Parks zufrieden", sagte Finanzchef Thomas Staggs. Der letzte Bilanzbericht prahlt: "Alles in allem war 2007 ein Traumjahr für Disneys Parks und Resorts."

Doch es mehren sich die Anzeichen, dass dem Traumjahr eine längere Durststrecke folgen könnte. Da ist zum einen die Rezessionsangst: Ein teurer Urlaub ist in solchen Zeiten das erste, was auf der Streichliste steht. Die Auswirkungen waren an einem Samstag im März schon einmal eindrucksvoll zu besichtigen: Statt der sonst üblichen Massenansammlung verloren sich nur wenige Besucher auf dem großen Platz vor dem Eingang. Von den Dutzenden Kassenhäuschen sind nur zwei geöffnet. "Thank you, my love", zwitschert die Kassiererin. "Genieße deinen Tag."

Aufgesetzte Fröhlichkeit

Doch die Fröhlichkeit wirkt aufgesetzt in dem ein wenig morbid wirkenden Umfeld. Und das dürfte ein mindestens genauso entscheidender Grund für den nachlassenden Besucherandrang sein: Disney hat sein alterndes Aushängeschild lange vernachlässigt. Denn der Zauber funktioniert nur, wenn es funkelt und blitzt.

Das haben inzwischen auch die Disney-Verantwortlichen erkannt: Sie unterziehen den Doppelpark aus Disneyland und California Adventure jetzt einer sündteuren Verjüngungskur - für 1,1 Milliarden Dollar. Schon kurz hinter dem Eingang stehen die Besucher vor einem Bauzaun und einer verhängten Fassade: Teile der "Main Street U.S.A.", der Hauptachse des Parks, werden bereits renoviert. Auch im "Fantasyland" versperren Bretterzäune den Weg: "It's a Small World", eine der traditionsreichsten Attraktionen von Disneyland, ist ebenfalls wegen Umbau geschlossen, seit Januar schon. "Aber eine Welt voller Spaß erwartet euch woanders in 'Fantasyland'", tröstet ein Schild.

Trister Alltag dominiert die Traumwelten von Disney

Wie viele Disneyland-Attraktionen ist das 1966 eröffnete "It's a Small World" längst überholt und uninteressant für die Xbox-Generation. Trotzdem haben die Hinterbliebenen der "World"-Designerin Mary Blair gegen eine Modernisierung scharfen Protest eingelegt: In einem Brief ans Disney-Management kritisieren sie das Projekt als "Schändung".

Ein Disney-Fan kommentierte den Streit um "It's a Small World" auf einem Blog mit Worten, die für viele angestaubte Ecken Disneylands gelten könnten: "Es ist alt, traurig und langweilig. Reißt das Ding ab!"

Überall zeigt der Park Ermüdungserscheinungen. Farben sind verblichen und blättern, Bodenplatten sind abgewetzt. Viele Restaurants sind leer. In der Fast-Food-Halle "Pizza Port" schmoren ein paar Scheiben Käsepizza unter der Wärmelampe in ihrem Fett. Der Fußboden klebt. Alles sicher nur Kleinigkeiten - doch bisher unerhört in Disneys perfektionistischer Scheinwelt.

Noch trister geht es nebenan im California Adventure zu, wo kalifornische Wahrzeichen nachgebaut sind: die Golden Gate Bridge, Hollywood, eine Wildwest-Szenerie. Der 22-Hektar-Park ist seit seiner Eröffnung ein Flop, er ist leer und wirkt älter, abgetakelter als Disneyland. Selbst Disney-Chef Robert Iger nannte ihn "ein Problem".

Toy-Story als 3D-Fahrt

Fünf Jahre soll die Renovierung dauern. Unpopuläre Attraktionen sollen abgerissen und durch neue, elektronisch gesteuerte Technik-Wunderwerke ersetzt werden. Darunter "Toy Story Mania", eine 80 Millionen Dollar teure 3-D-Fahrt, die die Kinder-Fans des Pixar-Animationsfilms "Toy Story" anlocken soll.

Jede Renovierung stößt jedoch früher oder später unweigerlich an Grenzen - die Grenzen des Geländes selbst. Als Disneyland eröffnet wurde, lag es inmitten von Orangenhainen. Heute ist es von einer dicht besiedelten Stadtwüste eingezwängt. "Anaheim ist wie Peking", sagte der New Yorker Architekt Jaque Robertson dem Wirtschaftsmagazin "Portfolio". "Mit einer Verbotenen Stadt in der Mitte."

Lange verstanden sich Disneyland und Anaheim bestens: Es herrschte gemeinsames Interesse am Wohlergehen des Resorts. Inzwischen jedoch haben sich die Wege getrennt. Anaheim - mit einer der am schnellsten wachsenden Latino-Gemeinden der USA - braucht dringend mehr Land. Disney auch.

Der Streit konzentriert sich derzeit auf eine sechs Quadratkilometer große Zone rings um Disneyland, die seit 1994 für reine Tourismuszwecke reserviert und Disneys Reserve-Hinterland ist, etwa für einen dritten Park. 2005 begann der Immobilienkonzern SunCal jedoch, einen Teil des Areals für fast 2000 Eigentumswohnungen zu verplanen.

Kampf um das Brachland

Disney protestierte. Es steckte zwei Millionen Dollar in eine Lobby-Kampagne. Es zog vor Gericht. Das SunCal-Projekt zerschlug sich, doch der Zoff mit der Stadt ging weiter. Es war ein völlig neuer Ton in der langjährigen Zweckgemeinschaft.

Anfang März gab der Stadtrat schließlich nach und beschloss, jede Bebauung der Tourismus-Zone müsse erst per Volksbefragung genehmigt werden. Disney siegte - auf Kosten seines friedliebenden Images: "Disney", sagte der Stadtplanungsprofessor Scott Bollens der "Los Angeles Times", "hat die Demokratie nach seinen Wünschen verbogen."

Alles im Dienste der Expansion: "Nie gab es eine vielversprechendere Zeit für die Parks und Resorts von Disney", schreibt der Konzern in seinem aktuellen Jahresbericht. Experten sind freilich skeptischer: "Wie viel Wachstum ist bei Disney noch drin?", fragt der Medienanalyst Michael Nathanson.

Auch Disney selbst scheut das "R-Wort" nicht mehr. Auf einer seiner Kunden-Websites stellte es vorsichtshalber schon jetzt mal die Gretchenfrage: "Würde eine Rezession ihre Disney-Gewohnheiten ändern?" Elf Prozent antworteten, sie würden ihre Urlaubspläne stornieren. 52 Prozent wollten "trotzdem gehen, denn wir haben schon dafür gespart". Und jeder Fünfte antwortete: "Rezession? Was für eine Rezession?" Was zumindest eines beweist: Disneyland ist und bleibt ein Traumland.