FAMILIEN-FIRMEN Domecq oblige
Der Mann im grauen Flanell taucht die Venencia,ein phalusförmiges Schöpfgerät an langer Stange,in das alte Eichenfaß.Mit lässigem Schwung schüttet er,auf Armeslänge,eine dickliche ,fast schwarze Suppe in ddas schlanke Glas,das er in der Linken hält. das Zeug schmeckt ein wenig bitter und ein wenig sauer.Aber kostbar: Napoleon hat schon davon getrunken,als die Sherry Fürsten Domecq ihm 1809 das Faß alten Weines widmeten.José Ignacio de Domecq y Gonzales, 63, Oberhaupt des reichsten Wein und Brandy produzierenden Clans Spaniens, gießt den Rest des Glases zurück ins Faß: Die Antiquität ist unersetzlich.
Seit fast einem Vierteljahrtausent wissen die Domecqs guten Wein zu schätzen -- und den Boden, auf dem er gedeiht. Nachdem die Armeen des späteren Herzogs von Wellington und Kaiser Napoleons im spanischen Unabhängigkeitskrieg (1808-1814) die Fässer in Andalusien geleert und die Weinberge verwüstet hatten, begann die Firma Pedro Domecq die Acker ruinierter Bauern zu kaufen. Heute ist die Familiengesellschaft mit 588 Hektar der größte Grundeigentümer in Andalusien.
Das Familienoberhaupt selbst ähnelt eher einem kultivierten Landedelmann -obgleich sein Clan einen der wenigen spanischen Multis kontrolliert.
Und wenn es ums Geschäft geht, sind auch für Don Ignacio die Familienbande nicht mehr entscheidend. Der General Manager seines Unternehmens, José Luis Perona, gehört nicht zur Familie.
Anfang des Jahres zog Peronas neue Mannschaft vom andalusischen Jerez, dem Stammsitz der Domecqs, nach Madrid um. Perona mochte die expansiven Pläne des Hauses nicht von der Provinz aus verwirklichen.
Doch wann immer es wichtig wird, steigen die Manager ins Flugzeug und reisen nach Jerez. Im Palast eines früheren Marqués de Domecq ist ein Saal für die Sitzungen des Board reserviert, dem unter anderen auch der ehemalige Franco-Minister Gregorio López Bravo angehört.
In rund 120 Ländern setzen die Domecqs mit rund 15 000 Beschäftigten inzwischen ihren Alkohol ab. In zehn Staaten stehen ihre Bodegas und Destillerien; sie produzieren Brandy in Argentinien und Brasilien, Weine in Portugal und Venezuela, Tequila in Mexico. Jahresumsatz: fast 200 Millionen Dollar.
Die Vermehrung von Umsatz, Reichtum und Landbesitz erleichterte offenbar auch das Wachstum der Familie. Selbst Don José Ignacio -- zwölf eigene Kinder -- kennt die Fässer in seinen Bodegas (Lagerhäusern) besser als die Schar der Verwandten.
»Manolo«, fragt er seinen Neffen Manuel de Domecq-Zurita, »wie viele sind wir eigentlich?« Manolo ist sich auch nicht sicher: »Vierhundertzwanzig vielleicht?«
Wie viele auch immer: Die Sippe hat sechs Prinzen vorzuweisen, 18 Herzöge, 60 Marquis, 45 Grafen und 13 Barone.
Domecqs bewohnen einige der prachtvollsten Häuser in Jerez, und auf dem Lande besitzen sie eine Reihe kleinerer Paläste, züchten Pferde und Stiere; sie stellen zwei vollständige Polo-Teams unter Führung des Familien-Oberhauptes, das sich selbst als »ältesten Polo-Spieler der Welt« bezeichnet.
Amerikas Autozar Henry Ford II. war bei einem Besuch in Jerez vom lockeren Leben der Domecqs so beeindruckt, daß er sich zu einem anerkennenden Vergleich hinreißen ließ. »Ich habe zwar mehr Geld als ihr«, belehrte der Milliardär nach einigen Gläschen Sherry seine Gastgeber, »aber ihr versteht besser zu leben.«
Das Kompliment kam nicht bei allen gut an. »In der Tat: Wir leben besser«, bemerkte ein jüngerer Domecq kühl. »In dem Punkt hat er recht.«
Das Understatement beherrschen die meisten Domecqs so meisterhaft wie die große Geste. Adel verpflichtet im Familienwappen heißt das so: »Domecq oblige.«
Stolz und Noblesse scheinen auch kaum einen Domecq von der Arbeit abzuhalten. Einige der Männer schaffen in führenden Positionen der Pedro Domecq SA, so José Ignacio junior (Produktion) oder Beltran Domecq, ein Neffe des Seniors (Forschung). Andere züchten Stiere oder Pferde auf einer der neun großen Ranches, haben in Übersee investiert, sind im Bank- oder im Baugeschäft. Alvaro Domecq veranstaltet Touristen-Reittouren durch Andalusien und hat eine Dressurschule nach Art der Spanischen Reitschule in Wien aufgebaut, sein Sohn Alvarito pflegt den Stierkampf zu Pferd. Ein anderer Domecq-Mann arbeitet bei Ford in Valencia.
Der Clan-Chef selbst führt die Geschäfte von einem kleinen schmucklosen Büro aus, am Eingang zu den alten Bodegas »Los Molinos« in Jerez. Der Chairman ist zumeist in Gesellschaft eines alten Sekretärs und eines anhänglichen Straßenköters namens Quito.
Er ist die letzte und absolute Instanz, wann immer es um Wein geht. Er steckt seine wohlausgebildete Nase in ein Glas jungen Sherrys und bestimmt, was daraus werden wird -- ein trockener Fino, ein fruchtiger Amontillado oder ein voller Oloroso. Den Spitznamen »Die Nase« hat er sich nicht nur durch die Größe seines Riechorgans erworben.
In der Rioja, Spaniens berühmtestem Weinbaugebiet neben der Sherry-Region, haben die Domecqs Stück für Stuck die winzigen Weingärten kleinerer Eigentümer zusammengekauft. Mit 1573 Hektar sind sie jetzt auch hier der größte Weinbergbesitzer.
Die Sherry-Fürsten wollen eigene Tafelweine, rote und weiße, aus der Rioja in aller Welt vermarkten. Das Geschäft läuft gerade erst an, mit ersten Lieferungen in die USA und verschiedene europäische Länder, darunter auch die Bundesrepublik. Den Amerikanern, auf Eiswasser, Coca und Bier fixiert. möchten die Domecqs überdies beweisen, daß Trinkkultur nicht unbedingt von teuren Importen abhängen muß. Die Spanier wollen kalifornische Weine unter dem Domecq-Siegel verkaufen.
Seine Nase und seinen untrüglichen Geschmackssinn hat José Ignacio senior auf José Ignacio junior, einen seiner sieben Söhne, vererbt. Und auch sonst braucht sich der Chef des Hauses kaum um den Fortbestand des Unternehmens zu sorgen.
Zwei Vertreter der Belegschaft nehmen regelmäßig an den Sitzungen des Vorstandes teil. »Mit jedem Problem«, sagt Pablo Reina, gewählter Arbeiterrat, »können wir außerdem jederzeit zu José Ignacio gehen.« Gewerkschaften, die sich auch in Andalusien gerade zu organisieren beginnen, erscheinen freilich auch Pablo überfällig: »Damit klar ist, wer unsere Interessen vertritt.«
Bislang allerdings gab es kaum Streit. Das Familienunternehmen stimmte seine Mitarbeiter nicht nur mit monatlichen Sherry-Deputaten, sondern auch mit Sozialleistungen freundlich. Die Firma, mehrfach als Modell-Unternehmen ausgezeichnet, zahlt Ausbildungskosten und Stipendien für die Kinder. Rentner oder Witwen beziehen fast 100 Prozent des früheren Einkommens.
Die Aktiengesellschaft Pedro Domecq SA ist noch immer zu 86 Prozent im Besitz der Familie, elf Prozent liegen bei der Banco Espanol de Crédito, der Rest verteilt sich auf eine weitere Bank und einige Belegschaftsangehörige aus den oberen Rängen.
Ihren Einfluß auf die Firma werden die Domecqs auch behalten, wenn neue Miteigentümer hinzukommen. Das Familienunternehmen will -- sobald die spanische Wirtschaft aus Flaute und Inflation heraus ist -- mit seinen Aktien an die Börse gehen.
»Ich bin optimistisch, solange im Lande und in uns noch Engagement und Begeisterung sind«, meint José Ignacio. »Selbst wenn es manchmal verrückter Enthusiasmus ist.« So sieht das Oberhaupt der fruchtbaren Familie auch in der parlamentarischen Monarchie zuerst eine Chance zu weiterer Expansion.
König Juan Carlos hat die Domecq-Spitze bereits in Madrid empfangen: Domecq oblige.