Doppelt schröpfen - DER SPIEGEL
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MUSIKINDUSTRIE Doppelt schröpfen

Die Schallplattenindustrie jammert über die Konkurrenz der Tonbandkassetten und fordert eine Abgabe auf unbespielte Bänder.
• aus DER SPIEGEL 42/1980
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die deutsche Schallplattenindustrie wird von bösen Ahnungen geplagt: »Schleichende Auszehrung«, meint Norbert Thurow vom Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft, bedrohe die ganze Branche.

Die Verbraucher sind es, die durch »urheberrechtlichen Mundraub« (Thurow) die Plattenproduzenten um ihre Kräfte bringen: Sie nutzen ihre Kassettenrecorder zu gut.

Gäbe es die Leerkassetten nicht, behauptet die Plattenlobby, dann hätte der Industriezweig im vergangenen Jahr nicht für 2,2 Milliarden Mark Platten und Musikkassetten verkauft, sondern für 3,5 Milliarden. Und weil die Kundschaft den Ausfall verursacht hat, soll sie dafür auch einstehen.

Die Schallplattenfabrikanten stellen sich das ganz einfach vor: Das Urheberrecht wird geändert, so daß künftig der Käufer einer leeren Tonbandkassette auch gleich eine Abgabe für Künstler und Industrie entrichtet.

Damit würden die Verbraucher dann doppelt geschröpft. Denn schon seit 1966 wird für jedes neue Tonbandgerät eine Urheberabgabe (fünf Prozent des Industriepreises) verlangt, Der Benutzer des Gerätes erkauft sich damit das Recht, auch Musik, die nach dem Urhebergesetz geschützt ist, auf seinem Recorder aufzunehmen.

Doch die Vergütung pro Gerät genügt den Firmen nicht mehr. Zwar wurden so im vergangenen Jahr rund 20 Millionen Mark eingenommen. Aber wegen der sinkenden Preise für Tonbandmaschinen schrumpfte die Abgabe pro Gerät von 15 auf vier Mark.

Das wirkt sich angeblich verheerend aus. »Mittelbar« seien, schrieb der Konzernbetriebsrat des Branchenriesen Polygram an Bonns Justizminister Hans-Jochen Vogel, die »20 000 Arbeitsplätze aller Musikunternehmen gefährdet«.

Wieviel die Verbraucher -- über die Kassettenabgabe -- dazu beitragen sollen, die Arbeitsplätze zu retten, ist noch nicht sicher. Allzugern aber würden sich die Plattenfirmen an dem Betrag orientieren, der gewöhnlich in einer industriell bespielten Musikkassette an Urheberlizenzen steckt -- das sind etwa sechs Pfennig pro Minute.

Danach betrüge die Abgabe für eine Leerkassette mit 60 Minuten Laufzeit (C 60) etwa 3,60 Mark. Bei der meistverkauften Version, der C 90, wären es schon mehr als fünf Mark -- der Preis der Kassette würde verdoppelt.

Offenbar schien das den Firmen selbst zu schamlos. Sie wollen sich nun mit 30 bis 50 Prozent der Urheber-Tantiemen, also etwa 1,60 bis 2,70 Mark bei der C 90, begnügen.

Das reicht auch noch. Bei den gegenwärtigen Absatzzahlen würde die Abgabe den Lizenzverwertungsgesellschaften zwischen 115 und 190 Millionen Mark jährlich einbringen.

Diese Gesellschaften, privatwirtschaftlich organisiert, treiben für die einzelnen Interessengruppen das Geld ein und verteilen es. Je 42 Prozent bekommen die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema), die Komponisten, Arrangeure und Texter betreut, sowie die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL), in der sich die Interpreten und Schallplattenfirmen zusammengetan haben. Die restlichen 16 Prozent verteilt die Verwertungsgesellschaft Wort unter Künstler wie Otto Waalkes oder Jürgen von Manger.

Mit der geforderten Urheberrechtsnovelle will die Schallplattenbranche von einer Entwicklung profitieren, die innerhalb von 15 Jahren aus einem anspruchsvollen Hobby für Musikliebhaber einen Zeitvertreib für Millionen auch technisch unbedarfter Bürger machte.

Chemie-Konzerne wie BASF und Agfa sowie ausländische Anbieter wollen 1980 rund 85 Millionen unbespielte Tonbandkassetten in Deutschland verkaufen. Der Absatz hat sich damit in einem Jahrzehnt verzwölffacht.

Die Bänder sind genormt, die Tonqualität guter Kassettenrecorder erreicht inzwischen fast das Niveau der traditionellen Spulengeräte -- und oft sind die daheim bespielten Bänder besser als die vorgefertigten Musikkassetten. Viele Geräte sind zudem mit einem Rundfunkempfänger kombiniert und reduzieren so den Aufwand für das private Kopieren auf einen Knopfdruck.

Das Gejammer der Musikindustrie scheint dennoch völlig unangebracht. Denn obwohl immer mehr Verbraucher ihr eigenes Programm auf Kassetten aufnehmen, haben die Schallplattenfirmen fast jedes Jahr neue Verkaufsrekorde aufgestellt.

Bei durchschnittlichen Zuwachsraten von jährlich 13 Prozent hat sich der Umsatz der Branche seit 1970 etwa verdreifacht. Die Zahl der verkauften Tonträger -- Schallplatten und bespielte Kassetten -- stieg von 80 auf über 200 Millionen.

Dabei profitierte die Branche auch von der wachsenden Beliebtheit der Kassettenrecorder. Denn etwa seit 1970 erscheinen viele Produktionen, von der gleichen Firma angeboten, gleichzeitig als Schallplatte und Tonband.

Ob die Musikindustrie mit ihrer Forderung nach einer Kassettenabgabe durchkommt, ist noch ungewiß. Ministerialdirektor Albrecht Krieger im Bundesjustizministerium hält es für »zweifelhaft«, daß sich die erforderliche S.88 Änderung des Urheberrechts »politisch durchsetzen läßt«.

Denn inzwischen kämpfen nicht nur die Magnetbandhersteller und Verbraucherverbände gegen die Kopier-Taxe. Auch Sozialdemokraten sind dagegen, weil die Abgabe allein »einer kleinen Gesellschaftskaste zusätzliche Millioneneinnahmen verschafft« (SPD-Zeitung »impuls").

In der Tat würde die Kassettenabgabe vor allem den Spitzenstars des Showgeschäfts eine profitable Zusatzeinnahme verschaffen. Denn 80 Prozent der Gema-Ausschüttungen entfallen auf knapp 2000 Künstler, während die übrigen 7000 Mitglieder sich die restlichen 20 Prozent teilen müssen.

Statt bisher durchschnittlich 12 000 Mark monatlich bekämen Spitzenstars wie Udo Jürgens künftig fast 15 000 Mark allein von der Gema. Der Masse der Gema-Mitglieder brächte die Kassettenabgabe dagegen nur durchschnittlich 150 Mark mehr.

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