Doppelte Moral - DER SPIEGEL
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RUSSEN-GAS Doppelte Moral

Franzosen und Italiener beklagen den deutschen Geschäftssinn im Umgang mit den Russen. Sie selbst aber profitieren am meisten vom Gaspipeline-Geschäft mit Moskau.
• aus DER SPIEGEL 5/1982
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Berthold Beitz kennt seine Kollegen genau: »Wirtschaftssanktionen«, prophezeit der seit Jahrzehnten im Ostgeschäft erprobte Krupp-Verwalter, »platzen früher oder später wie Seifenblasen.«

Wie recht Beitz hat, muß inzwischen auch Ronald Reagan erkennen. Der Versuch des US-Präsidenten, das Milliarden-Gasgeschäft zwischen Moskau und den Europäern durch einen Boykott-Aufruf zu stoppen, droht kläglich zu scheitern: Was die Amerikaner nicht mehr tun, erledigen flinke Händler anderer Industriestaaten - ungeachtet aller tönenden Worte ihrer Regierungen.

Kaum hatten US-Firmen Ende Dezember ihre Zulieferung zum Bau der 5000 Kilometer langen Gaspipeline von Sibirien nach Westeuropa storniert, sprangen sofort italienische, französische und japanische Konzerne mit Ersatzangeboten in die Bresche. Die Staatsfirma Gaz de France schloß gut einen Monat nach Verhängung des Kriegsrechts in Polen und nur wenige Tage nach dem Sanktionsbeschluß der Nato mit Moskau in aller Stille ihren Gas-Pakt ab.

Die Franzosen verpflichteten sich, wie im November schon die Essener Ruhrgas AG, bis zum Jahre 2009 Erdgas aus Sibirien abzunehmen. Gaz de France bezieht ab 1984 rund 8,5 Milliarden Kubikmeter jährlich, der Ruhrkonzern 10,5 Milliarden. Beide Länder sind dann beim Gasverbrauch zu rund 30 Prozent von den Sowjets abhängig.

Obwohl die Deutschen schon vor Verhängung des Kriegsrechts in Polen unterzeichnet hatten, mußten sie für ihren Pakt mit Moskau im Westen schärfste Kritik einstecken. Allen voran beschimpften die Franzosen, Linke wie Rechte, ihren Nachbarn.

Den Völkermord in Afghanistan und den Warschauer Putsch, empörte sich der Pariser Linkssoziologe Andre Gorz dem SPIEGEL gegenüber, würden die Deutschen noch »mit sibirischem Gas krönen«.

Die Amerikaner setzten sogar den deutschen Kanzler kräftig unter moralischen Druck. Als Helmut Schmidt Anfang Januar nach Washington flog, empfingen ihn vor dem Weißen Haus Demonstranten mit Pfiffen und Transparenten. Drinnen wurde der Kanzler von Reagan hart angenommen.

Gerade die Amerikaner aber belegen die doppelte Moral der Deutschen-Kritiker besonders deutlich: Mit Rücksicht auf die heimatlichen Farmer wurde ein Boykott der US-Getreidelieferungen bisher nicht verhängt.

Ein besonders schönes Beispiel für die verlogene Trennung von politischen Appellen und stillem Handel lieferte Italiens Ministerpräsident Giovanni Spadolini. Auch ihm schien der deutsche Gasvertrag mit den Russen sehr anrüchig. Italien jedenfalls, verkündete Spadolini, werde seine Gas- und Lieferverhandlungen mit »dem Drahtzieher der Krise in Polen« nicht weiterführen.

Starke Worte, mehr aber auch nicht. Nur wenige Tage später schon dienten sich die Manager italienischer Staatskonzerne den Sowjets für weitere Gasgeschäfte an. Mitte vergangener Woche wurden die Partner handelseinig: 25 Jahre wird Italien jährlich acht Milliarden Kubikmeter Gas aus Rußland beziehen.

Die Maschinenbaufirma Nuovo Pignone, Tochter des staatlichen Energiekonzerns Eni, ging die Sowjets um einen Zusatzauftrag zur Lieferung von Pumpstationen an. Um günstiger als andere Konkurrenten im Westen zu sein, wurde dafür ein zinsverbilligter Staatskredit von 1,4 Milliarden Mark beantragt.

Nuovo Pignone ist ohnehin schon der größte Auftragnehmer im Erdgas-Röhrengeschäft. Vor wenigen Wochen erst hatten sie den größten Einzelauftrag der Sowjets für Anlagenlieferungen in Höhe von 1,1 Milliarden Mark ergattert.

Italienische und französische Konzerne sind es auch, die insgesamt den weitaus größten Teil der Aufträge aus dem Sibirien-Projekt hereinholten. Als in Frankreich Ende vorletzter Woche mitten in die Entrüstung über die Deutschen noch die formelle Unterzeichnung des Gas-Einkaufs bekannt wurde, flüchtete sich Frankreichs Premier Pierre Mauroy in gedrechselte Sprüche, um den Gasdeal zu rechtfertigen. »Sollte dem Drama der Polen«, so fragte der Premier, »noch ein Drama der Franzosen hinzugefügt werden, die ihrer Gasversorgung beraubt würden?«

Ohne übermäßige Hemmungen offenbar möchten die Franzosen auch dort aushelfen, wo Reagans Boykott den Gashandel verzögern könnte. Die Pariser Firma Alsthom-Atlantique will mit Genehmigung der Mauroy-Regierung als Lückenbüßer für den US-Multi General Electric (GE) einspringen. Der amerikanische Konzern sollte die Rotoren für 125 Gasturbinen liefern, die entlang der Pipeline quer durch die Sowjet-Republiken das Gas in Fluß halten sollen.

Überaus hilfsbereit bemühen sich auch die Japaner, die durch den US-Boykott entstandene Lücke zu schließen.

Kaum hatte der US-Kranbauer Caterpillar seine vertraglich zugesagte Lieferung von 200 Rohrverlegungskränen storniert, da bot sich Komatsu an. Der nach Caterpillar zweitgrößte Bagger-Fabrikant der Welt witterte ein lukratives Zusatzgeschäft. Komatsu produziert bereits laut Vertrag für die Pipeline-Baustellen in Sibirien Bulldozer und Rohrverlegungsmaschinen.

Auch in Amerika selbst beginnt die Boykott-Front zu bröckeln. »Es ist unsere Aufgabe«, sagt Exxon-Chef Clifton Garvin zum Gasgeschäft, »die kommerziellen Risiken zu bewerten und nicht die politischen Aspekte.«

Für die Deutschen bedeutet der Garvin-Spruch ein wichtiges Signal. Wenn am 15. Februar die Aufsichtsräte der Essener Ruhrgas den Bezugsvertrag mit den Russen genehmigen sollen, hat der Exxon-Chef ein Wort mitzureden. Die Ruhrgas AG gehört zu mehr als einem Viertel den drei amerikanischen Öl-Multis Exxon, Texaco und Mobil-Oil.

Schon jetzt aber ist klar, daß die Amerikaner kein Veto gegen den Geschäftsabschluß einlegen. Ruhrgas-Aufsichtsrat Wolfgang Oehme, der Deutschland-Statthalter von Exxon, ist sicher: »Reagan hat überhaupt keine Handhabe, das Geschäft zu verbieten.«

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