Doppelte Moral - DER SPIEGEL
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AUTOINDUSTRIE Doppelte Moral

Im Schmiergeldskandal bei Volkswagen muß der erste Vorstand gehen. Räumt Konzernchef Ferdinand Piëch jetzt auf?
• aus DER SPIEGEL 11/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der VW-Vorsitzende fackelte nicht lange. Als die Konzernrevision Ferdinand Piëch die ersten Ermittlungsergebnisse in einem mutmaßlichen Korruptionsfall präsentierte, stand für ihn fest: Der Mann muß weg.

Am Freitag vergangener Woche erfuhr der Betroffene von seinem Schicksal. Bei Skoda wird nicht nur der bei einem Unfall ums Leben gekommene Chef Ludvík Kalma ersetzt. Volkhard Köhler, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der VW-Tochter Skoda, muß seinen Platz räumen. Ihm wird vorgeworfen, er habe sich bei Immobiliengeschäften nicht korrekt verhalten. Zudem soll er die Aufklärung des Schmiergeldfalls beim Bau der Skoda-Lackiererei behindert haben.

Köhler ist das bislang prominenteste Opfer im VW-Schmiergeldskandal. Piëch hatte zu Beginn der Affäre die lückenlose Aufklärung angekündigt, selbst wenn er »ganze Flure entvölkern muß«. Mit der Ablösung von Köhler will Piëch zeigen, wie hart er durchgreift.

Doch mit der sogenannten Affäre Netzwerk hat der Manager aus Prag nach Ansicht der Staatsanwälte nichts zu tun. Es gibt keine Hinweise darauf, daß Köhler zu dem Schmiergeldring zählt, der beim Anlagenbauer ABB abkassiert hat.

Im Zentrum der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in Zürich und Braunschweig stehen dagegen enge Vertraute und Mitarbeiter des ehemaligen Vorstands José Ignacio López. Belastet wird vor allem der ehemalige VW-Chefeinkäufer José Manuel Gutiérrez. Mit ihm stehen auch andere VW- und ABB-Manager in dem Verdacht »der versuchten Erpressung, der Bildung einer kriminellen Vereinigung, der Geldwäsche sowie der passiven Bestechung«.

Aufgeflogen ist der Skandal, als ein sogenanntes Netzwerk die restlichen 1,2 Millionen von insgesamt 20 Millionen Mark Schmiergeld einforderte. ABB soll das Geld für die Aufträge zum Bau mehrerer Lackieranlagen gezahlt haben.

Die Staatsanwälte gehen jetzt auch dem Verdacht nach, daß ein VW-Manager des Werks Emden zu den Mitarbeitern des Schmiergeldrings gehört. Sie ermitteln gegen den Leiter der Lackieranlage in Emden. Dort hatte ABB für rund 60 Millionen Mark eine Vorbehandlungsanlage für die Lackiererei installiert.

Der VW-Manager aus Emden soll sogar als Geldeintreiber für das Netzwerk aktiv gewesen sein, schreiben die ABB-Juristen in ihrer Anzeige. Am 10. September vergangenen Jahres habe er sich telefonisch bei Jochen Lehmann, dem damaligen Geschäftsführer der ABB Flexible Automation, gemeldet. Der VW-Manager soll angemahnt haben, daß es »Außenstände im Sinne von Altlasten« gebe. Er »stellte die weitere Frage: 'Sie wollen die Außenstände nicht begleichen?'« Der Leiter der VW-Lackieranlage habe Lehmann auch angeboten, ABB dafür bei anderen Aufträgen finanziell entgegenzukommen.

Piëch jedoch behauptet trotz der detaillierten Vorwürfe von ABB, »ein Netzwerk ist von unserer Seite bislang nicht feststellbar«. Intern verbreitet der VW-Chef, es habe allenfalls ein Netzwerk zur Zeit des längst pensionierten Einkaufsvorstands Horst Münzner gegeben.

Piëch hegt den Verdacht, daß sein einstiger Widersacher Münzner Korruptionsfälle in Wolfsburg nicht verfolgt hat, während er dagegen bei Audi schon Ende der Achtziger Schmiergeldaffären aufgedeckt hatte. Mit Köhler hat Piëch jetzt den langjährigen Assistenten Münzners geschaßt.

VW-Aufsichtsräte irritiert, daß Piëch gegen Köhler unerbittlich vorging, gegenüber der López-Truppe aber höchst rücksichtsvoll ist. Als Paradebeispiel für doppelte Moral gilt in Wolfsburg der Fall Garcia Sanz.

Der einstige Opel-Manager Francisco Garcia Sanz hatte sich in Rüsselsheim vom Lieferanten Hochtief sein Haus kostenlos umbauen lassen. Die Kripo wies nach, daß gewöhnliche Hausbesitzer dafür 383 000 Mark hätten zahlen müssen. Dennoch wird Garcia Sanz bei VW weiterhin als Einkaufsvorstand beschäftigt.

Sehr vorsichtig ging VW auch mit dem López-Mitarbeiter Jorge Alvarez um. Als sich Mitte vergangenen Jahres Korruptionsvorwürfe gegen den Seat-Vorstand Alvarez erhärteten, wurde er nicht entlassen, sondern nur zu einer Beratungsgesellschaft von Volkswagen versetzt.

Einen ehrenvollen Abschied gönnte VW auch dem umstrittenen López-Mitarbeiter André Versteeg. López hatte ihn im Jahr 1994 als Einkaufsmanager für Audi empfohlen. Führungskräfte bei Audi verhinderten seine Ernennung, weil Versteeg unter Korruptionsverdacht stand. Auf Empfehlung von López arbeitete Versteeg dann als Einkaufsmanager bei VW do Brasil. Bei der brasilianischen VW-Tochter soll es in den vergangenen Jahren viele Fälle von Schmiergeldzahlungen gegeben haben. Ende Januar dieses Jahres verließ Versteeg das Unternehmen.

Eine weitere Personalie dagegen kommt dem VW-Vorsitzenden sehr gelegen. Auf der nächsten Sitzung des Aufsichtsrats am 17. März soll der Piëch-Vorgänger Carl Hahn seinen Posten räumen. Piëch verdächtigt Hahn schon seit langem, im Aufsichtsrat Stimmung gegen ihn zu machen.

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