Dot.com-Sterben E-Stamp gibt auf
San Francisco - Künftig wolle man sich mehr auf den gewinnträchtigeren Bereich der E-Commerce-Logistik konzentrieren, erklärte E-Stamp . Im Zuge der Neuorientierung werden 36 Stellen - das sind 30 Prozent der Belegschaft - gestrichen. Schon im Juli hatte der Web-Marken-Pionier seine Belegschaft um ein Viertel reduziert.
E-Stamp war das erste Unternehmen, das in den USA die Zulassung für den Vertrieb von Online-Briefmarken erhalten hatte. Seit August letzten Jahres konnten sich Verbraucher den Gang zur Post sparen und die Internet-Marken mit Hilfe einer speziellen Software am heimischen Rechner ausdrucken.
Einnahmen allerdings konnte E-Stamp damit kaum erzielen: Bei Umsätzen von fünf Millionen Dollar hatte das Unternehmen nach Informationen der Nachrichtenagentur Associated Press in den ersten neun Monaten diesen Jahres Verluste in Höhe von 81,5 Millionen Dollar hinnehmen müssen.
47 Millionen US-Dollar waren allein für Marketingaktivitäten ausgegeben worden. Insgesamt häufte sich der Verlust seit Start des Online-Services auf 157 Millionen Dollar an. "Unsere größte Herausforderung war der Status quo", erklärte E-Stamp-Chef Robert Ewald. "Es kommt einfach nicht jedem sofort in den Sinn, Briefmarken online zu kaufen."
Im Mai dieses Jahres hatte E-Stamp für knapp zehn Millionen US-Dollar die beiden Logistik-Firmen Infinity Logistics und Automated Logistics übernommen. Angaben von Ewald zufolge werde in den kommenden Wochen auch eine Änderung des Firmennamens in Erwägung gezogen, um die geplante Neuausrichtung der Kerngeschäfts Logistik deutlich zu machen.
Kunden des Briefmarken-Dienstes werden mittlerweile auf den Konkurrenten Neopost Online verwiesen. Weder die E-Stamp-Geschäftsleitung noch ein Sprecher des Unternehmens waren am Dienstag zu weiteren Stellungnahmen bereit.
Auch für den Rivalen Stamps.com aus Santa Monica war der Verkauf elektronischer Briefmarken bisher nicht rentabel. Ende Oktober erst hatte die Online-Firma angekündigt, 240 Mitarbeiter und damit 40 Prozent der Belegschaft zu entlassen. Dennoch hält die Web-Company weiter am Briefmarkenvertrieb via Internet fest.
"Wie bei jeder neuen Technologie erfolgt eine breite Akzeptanz nicht über Nacht", erklärte Seth Oster, Vice-President of Communications bei Stamps.com.
Jochen A. Siegle, San Francisco