GLOBALISIERUNG Drache contra Tiger
Die Vorhut des chinesischen Elektronik-Riesen Haier hockt noch ein bisschen verloren in der Hochhausetage in Bangkok. Nur die Hälfte der Büros ist bislang bezogen, von Euphorie keine Spur. Aber der erste Eindruck täuscht. Aus den tristen Räumen visieren die Chinesen ein ehrgeiziges Ziel an: »In Südostasien«, sagt der thailändische Manager Thaweesak Kriengkraikiat, »will Haier die Nummer eins werden.«
Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Allenthalben flimmert in Bangkok und anderen südostasiatischen Metropolen Neonwerbung japanischer oder südkoreanischer Konkurrenten von den Dächern: Marken wie Sony oder Panasonic, Samsung oder LG Electronics teilen sich die Märkte. Und da sprechen die Chinesen schon von Sieg?
Thaweesak lächelt zuversichtlich. Das ehemalige Staatsunternehmen hat sich zu einem Elektro-Multi gewandelt, mit 13 Fabriken weltweit und einem Umsatz von fast neun Milliarden Dollar im Jahr 2002. Haier ist inzwischen einer der größten Kühlschrankhersteller der Welt: Die Billiggeräte arbeiten mit deutscher Technik - dank einer Lizenz, die die Chinesen 1995 von Liebherr erwarben.
Im thailändischen Pattaya lässt Thaweesak bereits Fernseher montieren. Aber schrittweise, so haben es ihm seine Chefs aus China aufgetragen, soll er das Land mit allen Haier-Produkten erobern, die er zu bieten hat: Waschmaschinen, Kühlschränke, Klimageräte.
Ähnlich wie Haier dringen in ganz Südostasien Konkurrenten aus dem Reich der Mitte in die bisherige Festung der Japaner und Koreaner vor. Die Angreifer heißen Konka, Changhong, TCL oder eben Haier. Und ähnlich wie einst die Japaner fangen die Chinesen klein an: mit Kampfpreisen, besonders langen Garantiefristen und eifrigem Kundendienst - Hauptsache, sie kriegen einen Fuß in den Markt.
Der aggressive Vormarsch der aufziehenden Großmacht droht Südostasien in ökonomische und in politische Abhängigkeit von China zu treiben. Und er ist Teil einer wohl geplanten Expansionsstrategie der Kommunistischen Partei Chinas.
»Um sich aus der wirtschaftlichen Umklammerung der USA zu befreien«, sagt Lin Chong-pin, Berater des taiwanischen Präsidenten, »wollen die Pekinger Machthaber Südostasien ökonomisch und politisch unter ihre Kontrolle bringen.«
Beim jährlichen Gipfel der Gemeinschaft südostasiatischer Staaten (Asean) in Phnom Penh beschloss die Gemeinschaft der zehn Länder im vergangenen November, sich mit der aufziehenden Großmacht China zur nach Einwohnern größten Freihandelszone der Erde zusammenzuschließen. Bis 2004 sollen zwischen Harbin im Nordosten Chinas und dem indonesischen Papua vor der Küste Australiens 6000 Zölle fallen. Ab 2012, so die bisherige Planung, werkeln und kaufen dann 1,7 Milliarden Asiaten in einem gemeinsamen Wirtschaftsraum.
Noch reicht das vereinte Bruttoinlandsprodukt dieser Staaten nicht an das von Japan heran, doch schon jetzt sehen Politiker in dem Gebilde einen Vorläufer zu einer asiatischen Variante der Europäischen Union.
Eine Prophezeiung, die vor allem Japan schreckt, das Südostasien jahrzehntelang als natürlichen Hinterhof betrachtete. Die japanischen Konzerne sahen in diesen Ländern eine Erweiterung des Heimatmarktes und, vor allem ab Mitte der achtziger Jahre, als Exporte direkt aus dem Mutterland zu teuer wurden, eine billige Produktionsstätte.
Selbst in der Asienkrise 1997, als viele westliche Firmen aus der Region flohen, hielten Honda und Toyota, Sony und Matsushita vor Ort zu ihren Produktionsbasen mit deren lokalen Zulieferernetzen. Doch nun zwingt Chinas rasanter industrieller Aufstieg sowohl Japan als auch die so genannten Tigerstaaten zur radikalen Neuorientierung.
Denn jetzt wetteifern japanische Firmen - wie auch ihre westlichen Konkurrenten - darum, Werke ins noch billigere China auszulagern. Geradezu magnetisch zog das Reich der Mitte im vergangenen Jahr 53 Milliarden Dollar ausländische Direktinvestitionen an. Sieht man mal von Japan ab, war das über die Hälfte jenes Anteils, der auf ganz Asien entfiel.
Noch unlängst verkündeten die Tigerstaaten große Visionen. Malaysia etwa will bis 2020 in die Liga der Industrieländer aufrücken. Doch derzeit droht das Land eher in die Rolle zurückzufallen, die es unbedingt überwinden wollte: die eines Rohstofflieferanten. Im vergangenen Jahr wuchsen Malaysias Exporte vor allem bei Palmöl, Kautschuk und Zinn. Einen Großteil davon schluckte der rohstoffhungrige Drache China.
Eines der Schlachtfelder in diesem Krieg der ungleichen Kontrahenten ist Penang. Mit der dicht besiedelten Insel an der palmenreichen Westküste von Malaysia hegte Premier Mahathir Mohamad einst hochtrabende Pläne.
Mitte der neunziger Jahre wollte der visionäre Politiker hier dem kalifornischen Silicon Valley Konkurrenz machen. Zu günstigen Steuersätzen ließen Siemens und IBM billige, aber gut ausgebildete Malaysier ihre Elektronikprodukte montieren. Microsoft-Gründer Bill Gates lobte das Projekt, und sogar Intel ließ Speicherchips herstellen. Doch dann brach 1997 die asiatische Finanzkrise aus, bald platzte die Hightech-Blase, dann kam der Terror des 11. September 2001, und am 12. Oktober 2002 explodierten die Bali-Bomben.
Da China ohnehin Mikrochips billiger als jeder andere Produzent der Welt herstellen kann, hat in Mahathirs Hightech-Schmiede der Ausverkauf begonnen. »Der malaysische Mittelstand befindet sich in Panik«, höhnt Singapurs englischsprachige Tageszeitung »Straits Times«.
Allein im vergangenen Jahr sind in Penang über 20 000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Im Jahr davor schon 16 000. »Die Mitarbeiter werden von ihren Firmen gebeten, nach China zu gehen und dort eine neue Anlage zu montieren«, klagt Gewerkschaftsführer Kenneth Perkins. »Und wenn sie zurückkommen, erfahren sie, dass sie damit auch ihren Job hier abgeschafft haben.«
Seit die Volksrepublik China im Dezember 2001 der Welthandelsorganisation WTO beigetreten ist, regiert die Angst in Asien. Zwar beruhigt man sich mit der Formel, der Markt der 1,3 Milliarden Konsumenten im Norden biete ja auch »riesige Chancen«. Schon ersetzen chinesische Pauschaltouristen, wohlhabend und lebhaft, die vom Terror verschreckten Europäer von Phuket bis Bali. Sogar Australien erwartet bald mehr chinesische als japanische Gäste, über eine Million jährlich bis 2010. Doch unterm Strich regiert die Furcht: »Chinas wirtschaftlicher Aufstieg bedeutet erst einmal Verlust von Arbeitsplätzen für uns«, sagt Khaw Boon Wan, Singapurs Seniorminister für Transport und Kommunikation.
Als kapitalistischer Musterschüler, der sich ständig selbst reformiert und neu erfindet, schien sein Stadtstaat von den Beben, die das ökonomische Muskelspiel der Chinesen auslöste, lange verschont zu bleiben. Aber mit einer Arbeitslosenrate von erstmals mehr als fünf Prozent taumelt die Banken- und Hightech-Stadt jetzt durch die schwerste Wirtschaftskrise seit der Staatsgründung vor 37 Jahren.
»Unseren Arbeitern wird 13-mal so viel bezahlt wie Arbeitern in China«, warnt Singapurs Premier Goh Chok Tong. Besonders bitter für die moderne Wohlstandsinsel: Im Hightech-Sektor gingen die meisten Jobs verloren.
»China lehrt uns vor allem eines«, vermerkte Singapurs langjähriger Premier Lee Kuan Yew unlängst, »dass wir jetzt ziemlich schnell rennen müssen, um noch an unser Geld zu kommen.«
Den Wettlauf um Direktinvestitionen hat die lange von ausländischen Anlegern verwöhnte Region längst verloren. Milliarden US-Dollar fließen zum Bau von Automontagen, Chemieanlagen und Speicherchipfabriken nach China. Nur ein Viertel des Geldes erreicht noch die Tigerländer. Eine Dekade zuvor lagen die beiden Wirtschaftsblöcke noch etwa gleichauf.
Dass sich der Trend kaum noch wird umkehren lassen, zeigen Investitionspläne des deutsch-amerikanischen Autokonzerns DaimlerChrysler. Bis zum Jahr 2010 wolle man zwar die Hälfte aller Nutzfahrzeuge auf dem asiatischen Kontinent produzieren lassen, hieß es in einem Strategiepapier, vorwiegend aber in China.
Im Asean-Raum bestehe wegen der »politisch unstabilen Lage« jedoch nur noch wenig Handlungsbedarf. Die Studie wurde noch vor den verheerenden Bombenanschlägen auf Bali verfasst, aber das spielt ohnehin keine Rolle mehr. Der Niedergang der Tiger hat andere Ursachen.
»Seit Chinas Eintritt in die Weltproduktion«, sagt Vincent Chan, Volkswirt bei der Bank UBS Warburg in Hongkong, »bleibt den kleineren asiatischen Ökonomien nur noch die Möglichkeit, sich Pekings Führung unterzuordnen.« Ob alle dazu in der Lage sind, ist fraglich.
Die Lohnkosten zwischen Peking und Kanton belaufen sich im Durchschnitt auf ein Zwanzigstel derer in Singapur, ein Fünftel der malaysischen und ein Viertel der Ausgaben im Großraum Manila. »Das Einzige, was wir vom ausländischen Kapital noch hören«, schimpfte Malaysias Premier Mahathir kürzlich, »ist das Geräusch, wenn es nach China abrauscht.«
Das japanische Foto-Unternehmen Minolta etwa will seine Kameras, die es bislang teilweise in Malaysia fertigte, künftig in Shanghai herstellen. In Indonesien schließt Sony seine dortige Fabrik für Audiogeräte - die Bosse in Tokio haben genug von Streiks und politischer Unruhe.
Dabei bleiben die relativ wohlhabenden Ökonomien wie Malaysia und Singapur von größeren sozialen Verwerfungen noch verschont. Schlimmer trifft es Indonesien, die Philippinen und Länder wie Kambodscha. Von häufigen Streiks genervt, mit aufmüpfigen Gewerkschaften und einer korrupten Bürokratie konfrontiert, zieht es Investoren in Scharen nach Shenzhen und Shanghai.
Im Dezember kündigte Sony an, man werde das Werk in Indonesien bis März 2003 schließen und die 900 Arbeiter entlassen. Der US-Sportartikelproduzent Nike hatte im September gar 7000 Arbeiter in einem Vertragsunternehmen auf die Straße gesetzt. Ganze Branchen wie die indonesische Schuh- und Textilindustrie kämpfen zurzeit ums Überleben. Experten geben ihnen kaum eine Chance.
Auf den industriellen Exodus reagieren die Tigerländer mit einem verzweifelten Kurswechsel: Statt als Billiglohnarbeiter für Japan suchen sie ihr Heil nun in einer neuen Arbeitsteilung - als Lieferant von Hightech-Zubehör für China. Auch der größte japanische Arbeitgeber in Singapur, Matsushita, will als Hightech-Schmiede überleben.
Der Elektronikkonzern, der seine Fernseher, Videorecorder, Camcorder und Waschmaschinen weltweit unter der Marke Panasonic verkauft, beschäftigt in Südostasien und Ozeanien rund 80 000 Mitarbeiter, davon rund ein Zehntel in Singapur. Vergangenes Jahr strich Panasonic allerdings allein hier fast 2000 Niedriglohn-Jobs.
Um gegen die firmeneigene Konkurrenz der Panasonic-Chipfabriken in China zu bestehen, setzt die Singapur-Tochter jetzt auf hochwertige Halbleiterprodukte. Bei mancher Spitzentechnologie, die in CD-Playern und DVD-Geräten verwendet wird, genieße Singapur vor China noch einen Vorsprung von fünf Jahren, hofft Werkleiter Jeremy Ng Khin Khiew.
Der Singapurer arbeitet seit 23 Jahren bei Panasonic, doch er sieht sich nicht als Befehlsempfänger der Japaner. »Wir sind längst eine lokale Firma«, sagt er, »wir bleiben in Singapur.«
Unermüdlich tüftelt Ng mit seinen Ingenieuren daran, die Produktionsabläufe zu verfeinern, um Kosten zu drücken. Selbstbewusst führt er die Fertigungsräume der Fabrik vor, die klinischen Labors gleichen. Nur wenige Techniker beaufsichtigen das Ganze. Derart hoch qualifizierte Experten, sagt Ng, könne man in China lange suchen.
Die Angst, dass der chinesische Drache die asiatischen Tiger gleichsam schlucken könnte, sorgt dafür, dass viele ausländische Konzerne neuerdings auf eine regionale Arbeitsteilung setzen: Um sich gegen politische und ökonomische Risiken des China-Booms abzusichern, bauen sie Südostasien in einigen Hightech-Sparten sogar bewusst zum zweiten Standbein aus.
Doch härter als früher müssen die Tiger jetzt nicht nur untereinander, sondern auch gegenüber China um ausländische Investoren buhlen. Am erfolgreichsten profiliert sich dabei Thailand derzeit als Automobilstandort. Im so genannten »Detroit Asiens« bauen Profis von Toyota und Honda, Mercedes, BMW und des US-Konzerns General Motors ihre Produktionen aus. Mit Blick auf China werben die Thailänder dabei mit strengem Urheberschutz und einem ausgereiften Zulieferernetz.
Zu den ältesten japanischen Stützpunkten in Thailand zählt Hondas Motorradfabrik bei Bangkok. Rund 5000 Mitarbeiter bauen hier rund 1,4 Millionen Mopeds pro Jahr. Honda beherrscht über 70 Prozent des Marktes. Doch den japanischen Fabrikmanager Kiyoji Takekabu bewegt vor allem eine Sorge: wie er die Kosten drücken kann.
Am Fließband zeigt er auf einen Kettenzug. Alle paar Sekunden schiebt die Vorrichtung die Motorräder ein Stück weiter. Allein mit dieser Erfindung, sagt er, »sparen wir acht Arbeitskräfte«. In Kürze wird Honda überdies erstmals ein Motorteil nicht von einem seiner rund 150 Zulieferer in Thailand kaufen, sondern aus China einführen - ein Dammbruch.
Denn auf keinen Fall will der Konzern in Thailand das gleiche Desaster erleben wie in Vietnam: Dort beherrschte Honda lange rund 90 Prozent des Motorradmarkts. Doch seit dem Jahr 2000 überschwemmten chinesische Konkurrenten Vietnam auf einen Schlag mit Billig-Mopeds.
Dabei handelt es sich um Kopien, die mit bloßem Auge von Hondas Fabrikaten kaum zu unterscheiden sind, aber weniger als die Hälfte kosten. Besonders praktisch: Die Angreifer kommen ohne große eigene Kundendienstnetze aus. Weil ihre Fahrzeuge fast deckungsgleich mit Honda-Modellen sind, lassen sie sich mit Honda-Ersatzteilen bequem reparieren.
Zwar schlug Honda zurück: In Shanghai schloss der Konzern mit seinem gefährlichsten chinesischen Nachahmer ein Joint Venture, und mit dessen Hilfe drosselte man den Preis für Mopeds in Vietnam teilweise um über ein Drittel. Doch ob Honda den Chinesen die verlorenen Marktanteile je wieder abjagen kann, scheint fraglich: Im vergangenen Jahr verkauften die Rivalen schätzungsweise viermal so viel Motorräder wie der einstige Marktführer.
Aus Entwicklungsländern wie Vietnam droht auch Japans Elektronikindustrie die gefährlichste Konkurrenz. Zusätzlich zu südkoreanischen Herausforderern wie Samsung und LG Electronics tritt in Vietnam das chinesische Staatsunternehmen TCL mit billigen Fernsehern an. Weil das Land enorm hohe Importzölle hat, werden die Chinesen geradezu nach Vietnam gezwungen.
Im TCL-Werk in Bien Hoa, etwa eine Autostunde nördlich von Ho-Tschi-minh-Stadt, beaufsichtigt der Chinese Andy Peng, 30, rund 300 Arbeiter - meist junge Frauen. In der stickigen Hitze, gegen die auch die Ventilatoren an der Decke nur schwach anpusten, montieren sie knapp 1000 Farbfernseher pro Stunde. Vor der Halle stapeln sich die Ersatzteile. Um die steigende Nachfrage zu befriedigen - in diesem Jahr will TCL 150 000 Geräte montieren, ein Viertel mehr als im Jahr zuvor -, wird das Unternehmen voraussichtlich bald eine zweite Fabrik bauen, auch für den Export ins übrige Südostasien - und nach Europa.
Anders als die meisten ausländischen Manager leben Peng und sein chinesischer Aufseher nicht in klimatisierten Apartments im früheren Saigon, sondern in der Fabrik. Nur sonntags gönnen sie sich eine Pause: Dann schlachten sie eines ihrer Hühner, die auf dem Firmenrasen laufen, und braten es in der Reispfanne.
Ähnlich entbehrungsreich starteten auch die Japaner einst ihre Expansion. Doch nun geraten die früheren Pioniere immer häufiger in die Defensive. Selbst auf ihrem Heimatmarkt müssen sie sich neuerdings mit den chinesischen Herausforderern arrangieren.
So schloss Panasonic mit TCL jüngst ein Abkommen: Danach vermarkten die Japaner billige TCL-Produkte im eigenen Land, und TCL vertreibt Panasonics Hightech-Ware in China. Auch Sanyo verbündete sich mit der Konkurrenz: Das Unternehmen vertreibt in Japan Haier-Kühlschränke, und gleichzeitig beliefert es die chinesische Firma mit Kompressoren.
Manager Thaweesak, der für Haier Thailand erobern soll, glaubt, auf Seiten der Sieger zu kämpfen: »Erst kamen die Japaner«, sagt er, »dann die Koreaner. Nun beginnt die Ära der Chinesen.«
JÜRGEN KREMB, WIELAND WAGNER