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AUTO-INDUSTRIE Dringend nötig

In der deutschen Lastwagen-Branche bahnt sich eine enge Zusammenarbeit von Mercedes und MAN an. *
• aus DER SPIEGEL 24/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gut gehen die Geschäfte des Otto Voisard schon lange nicht mehr. Seit zwei Jahren hat der Vorstandsvorsitzende des Lastwagen-Herstellers MAN fast nur noch schlechte Zahlen auf den Tisch bekommen.

Da liegt es nahe, daß die Manager des Augsburger Lkw-Unternehmens und der Konzern-Mutter, die Gutehoffnungshütte (GHH) in Oberhausen, gegen einen

starken Partner nichts einzuwenden haben.

Es hat sich offenbar auch schon einer eingefunden. Den Kompagnon will ausgerechnet der ärgste Rivale der Augsburger spielen - Europas größter Lastwagen-Produzent, Daimler-Benz.

Noch sind die Partner-Pläne in beiden Konzernen geheimer als die Konstruktionszeichnungen eines neuen Modells. Es geht ja auch um einiges: Die Kooperation von Daimler-Benz und MAN soll von der Aufteilung der Märkte und gemeinsamer Modellplanung bis hin zum Austausch von Teilen reichen.

Bisher arbeiten die Augsburger und die Stuttgarter, die bei Fahrzeugen von mindestens 16 Tonnen Gesamtgewicht zusammen rund 80 Prozent des Inlandsmarktes beherrschen, bereits beim Bau von Motorenteilen zusammen. Weil das Berliner Bundeskartellamt eine Fusion der beiden Firmen niemals genehmigen würde, suchen die beiden Vorstände nach Lösungen, bei denen sie keine Genehmigung aus Berlin brauchen.

Der Umweg soll erst mal über die Grenzen führen. Daimler-Benz und MAN sind dabei, sich über eine Kooperation auf den Auslandsmärkten zu verständigen, wo beide Firmen weit mehr als die Hälfte ihrer Produktion absetzen.

Eine enge Verzahnung der Exportorganisationen brächte gewaltige Kostenersparnisse. In vielen Ländern könnte beispielsweise das Vertriebsnetz zusammengelegt werden.

MAN-Chef Voisard hat eine Verbesserung seiner Bilanz dringend nötig. Seit 1980, dem letzten guten Jahr für die Lastwagenbauer, ist bei der GHH-Tochter der Verkauf von Fernlastzügen, Omnibussen und Kippern um fast 50 Prozent zusammengeschmolzen. Die Belegschaft in allen vier Lkw-Werken muß sich auf Entlassungen gefaßt machen.

Die Lkw-Fabriken von Daimler-Benz blieben von der Flaute ebenfalls nicht verschont. Um ein Drittel sackte in den letzten zwei Jahren der Verkauf von Mercedes-Lastern ab. Ihr Geld verdienen die Stuttgarter vornehmlich mit den überaus erfolgreichen Limousinen.

Die Absatzkrise bei Mercedes und MAN hat dieselben Ursachen: Wegen der anhaltend schlechten Konjunktur ordern die Stammkunden aus der Industrie und aus dem Speditionsgewerbe nur wenige Fahrzeuge. Den öffentlichen Auftraggebern fehlt seit Jahren das Geld, die Fuhrparks zu erneuern.

Trist sieht es ebenfalls auf den Auslandsmärkten aus. In den USA haben die Rezession und die hohen Zinsen den größten Nutzfahrzeugmarkt der Welt fast lahmgelegt. Die erst 1980 in Virginia eröffnete Mercedes-Fabrik für mittelschwere Lastwagen mußte schon kurz nach dem Start die Produktion drosseln. Allein 1982 sackte der Absatz um rund 40 Prozent. In nur einem Jahr rutschte der Umsatz bei der Tochter Freightliner um fast 30 Prozent ab.

Auch in Brasilien muß Daimler-Benz zurückstecken. Im Werk von Sao Bernardo do Campo bei Sao Paulo werden 1983 allenfalls 24 000 Lastwagen und Omnibusse montiert. Das entspricht nur gut einem Drittel der Jahresproduktion von 1980.

Ein wahres Desaster erlebte Mercedes-Konkurrent MAN in Lateinamerika. Der Umsatz der Dieselmotoren-Fabrik in Argentinien brach in nur einem Jahr von 70 auf 30 Millionen Mark zusammen.

Vorbei ist es mit den guten Gewinnen, die Daimler-Benz und MAN noch bis vor einem Jahr in den neureichen Ölstaaten des Nahen Ostens gemacht haben. Seit die Scheichs wegen des Preisverfalls beim Öl nicht mehr so verschwenderisch sind und bei ihren Bauprojekten maßhalten müssen, ist dort der Lkw-Absatz ins Stocken geraten.

Die Daimler-Manager, die sich im harten Kampf um die Lkw-Kundschaft noch am besten hielten, beobachten seit geraumer Zeit mit einiger Sorge die starke Abwärtsdrift bei der Augsburger Konkurrenz. Ein ausländischer Konzern wie Ford, bei Schwer-Lastwagen die Nummer eins der Welt, oder General Motors hätte es womöglich leicht, so fürchten die Mercedes-Lenker, sich bei MAN einzukaufen. Für Daimler-Benz würde es danach auf vielen Märkten, ganz gewiß aber im Inland, noch schwerer werden.

Den Managern von Marktführer Mercedes war schon unbehaglich, als Fiat vor über acht Jahren bei Magirus-Deutz einstieg. Zum Glück für die schwäbischen Autobauer haben es die Italiener aber nicht verstanden, die Firma wieder flottzumachen.

Ein Lkw-Bündnis Daimler-Benz/ MAN verspricht weit mehr Erfolg. Die beiden Laster-Fabriken besitzen nicht nur das bessere Modellprogramm als die italienisch-deutsche Konkurrenz. Sie hätten auch, käme es zu der Kooperation von MAN und Mercedes, Aussicht auf einen weiteren Verbündeten - das Volkswagen-Werk.

Der Wolfsburger Konzern, Marktführer in der Sparte Transporter, arbeitet seit rund sechs Jahren mit MAN zusammen. Die Augsburger konstruierten für den Partner im Zonenrand-Gebiet einen Kleinlaster und kooperieren mit VW im Export.

Mit Daimler-Benz dagegen liegt der VW-Konzern bislang hart im Clinch. Bei ihren Mini-Lastern liefern sich die beiden Hersteller heftige Preisschlachten. Die Kundschaft kann, wenn sie beide Anbieter geschickt gegeneinander ausspielt, Rabatte von einigen tausend Mark herausschlagen.

Zu einem Dreier-Bündnis im Export, da sind sich MAN-Manager sicher, muß VW nicht lange überredet werden.

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