Dritte Rolle - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 37 / 93

AUTOMOBIL-CLUBS Dritte Rolle

Westdeutschlands Autofahrer finanzieren, ohne es zu merken, stattliche Wirtschaftsunternehmen.
• aus DER SPIEGEL 50/1976
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In treuem Vereinsdeutsch geloben sie kameradschaftlichen Zusammenschluß«, »Wahrnehmung und Förderung der Interessen des Kraftfahrwesens«. Auch vom »Gemeinsinn« ist die Rede, wenn Deutschlands große Automobilclubs sich selbst darstellen.

Nur vom Schwerpunkt ihrer Aktivitäten, dem profitablen Geschäft mit dem Autofahrer, sprechen die Clubvorstände weniger gern -- obgleich diese artfremden Aktivitäten in den letzten Jahren ins Kraut schossen und die ins Vereinsregister eingetragenen Clubs zu überaus potenten Wirtschaftsunternehmen aufstiegen.

Die ADAC-Bilanz' die Anfang der siebziger Jahre noch »streng vertraulich« behandelt wurde, verdiente sich das Prädikat »goldgerändert mit Brillanten« ("Süddeutsche Zeitung"). Auf über 500 Millionen Mark schätzen Experten den Gesamtumsatz des ADAC und seiner Töchter.

Von den Beiträgen der 4,7 Millionen Clubmitglieder -- inzwischen 48 Mark pro Jahr -- blieb trotz der Aufwendungen für Pannendienst und andere Hilfsleistungen soviel übrig, daß auf Kosten der Mitglieder ein stattliches Millionenvermögen aufgehäuft werden konnte. So baute sich die ADAC-Spitze für 50 Millionen Mark in München einen -. belastungsfreien -- Prachtbau. Rund 23 Millionen Mark stehen im Anlagevermögen für die teilweise nicht minder ansehnlichen Verwaltungsgebäude in den ADAC-Gauen. Die Club-Immobilien schätzen Experten auf weit über 100 Millionen Verkehrswert.

Der AvD mit rund 450 000 Mitgliedern steht nicht viel nach. Der kleinere. aber feinere Club, dem schon seit 16 Jahren Paul Fürst von Metternich präsidiert, genehmigte sich in Frankfurt ein zwölf Millionen Mark teures Verwaltungsgebäude.

Dieser Aufwand fällt den nach dem Vereinsrecht geführten Clubs nicht schwer. Fast 230 Millionen Mark fallen bei 4,7 Millionen Mitgliedern beim ADAC an, fast 250 Millionen dürften es 1977 werden. Beim kleinen AvD sind es immerhin rund 25 Millionen.

Für den Hilfsdienst auf Straßen und Autobahnen, dem bei weitem wichtigsten Beitrittsgrund, wird nur ein Bruchteil aufgewandt: Ganze 27 Prozent waren es 1975 beim ADAC.

Um so üppiger fließen die Gelder bei den unübersichtlichen Nebengeschäften der Clubs, deren »Ziel« laut ADAC-Präsident Franz Stadler »nicht Gewinn, sondern Service« ist.

In der Praxis sieht das so aus: Die ADAC Reise GmbH, inzwischen sechstgrößter Reiseveranstalter der Bundesrepublik, bietet Reisen in alle Winkel der Welt an -- für Club-Mitglieder wie für Nicht-Mitglieder.

Sieben privatwirtschaftliche Firmen hat die AvD-Spitze ins Handelsregister eintragen lassen; der ADAC bringt es auf drei, allerdings überaus umsatzstarke Gesellschaften,

Auf den Jahresversammlungen der Vereine tauchen die Umsatzmillionäre nur beiläufig auf. Der Club-Vorstand begnügt sich in aller Regel mit dem knappen Hinweis, die Ableger hätten erfolgreich gewirtschaftet und sogar einen Jahresüberschuß eingefahren.

Die Mitglieder wären überfordert, wenn sie die Multi-Geschäfte der Clubs prüfen wollten. Denn Durchblick im Firmengeflecht haben neben den ehrenamtlichen Präsidenten, die gern Aufsichtspflichten übernehmen, ausschließlich die Manager, Geschäftsführer oder Generalsekretäre. AvD-Verwaltungsdirektor Linden zum Beispiel dient den sieben AvD-Tochtergesellschaften als Geschäftsführer. Kollege Reitschuler vom ADAC führt bei allen drei ADAC-Töchtern die Geschäfte mit.

Gemeinsam mit ihren Präsidenten sorgen sich die Manager vor allem um eines: Die Clubs sollen wachsen. Denn mehr Mitglieder füllen die Vereinskasse noch praller. Und volle Kassen erleichtern den Ausbau der privatrechtlichen Firmen oder den Einstieg in andere Sparten. Die optimale AvD-Größe liegt laut Linden bei »750 000 bis 820 000 Mitgliedern«. Und ADAC-Generalsekretär Reitschuler kann sich vorstellen, daß bald mehr als 30 Prozent der deutschen Autofahrer seinem Club angehören -- immerhin sechs Millionen Bundesbürger.

Auch die Clubgrößen geben unterderhand zu, daß die von den Mitgliedern erwarteten Hilfsdienste schon jetzt ohne die Nebengeschäfte finanziert werden könnten. Doch offiziell beteuern sie noch immer, »das Kommerzielle« dürfe allenfalls »die dritte oder vierte Rolle spielen« (Linden).

Diese Rolle hat es in sich: Der AvD gab die Adressenkartei des Clubs an den Diners'-Club weiter.

Und der als Verein steuerbegünstigte ADAC macht einen so blendenden Umsatz mit Schutzbriefen, die dem Autofahrer vornehmlich Versicherungsleistungen anbieten, daß die Beamten des Aufsichtsamts für das Versicherungswesen die Vereinsoberen aufforderten, eine Aktiengesellschaft zu gründen.

Wohlmeinend zwar, aber vermutlich vergebens mahnt ADAC-Schatzmeister Waldemar Peters, »die Sachen nicht ausufern« zu lassen. Denn die Clubs haben sich längst den Verhaltensmustern und -zwängen von Wirtschaftsunternehmen angepaßt.

AvD-Linden hält diesen Trend für unaufhaltsam: »Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen wie jedes andere auch.« Mit zwei Unterschieden: Die Vereinsspitze wird weniger sorgsam überwacht. Und die Steuerlast ist niedriger.

Zur Ausgabe
Artikel 37 / 93

Mehr lesen über