Dromedar-Markt: Abu Dhabi sucht das Millionen-Euro-Kamel - DER SPIEGEL
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Dromedar-Markt Abu Dhabi sucht das Millionen-Euro-Kamel

Lange Wimpern, schlanke Fesseln, große Höcker: Auf dem Kamelfest in Abu Dhabi werden die schönsten Kamele der Arabischen Welt gekürt. Für die prächtigsten Exemplare geben Scheichs Millionen Euro aus, die Bewertung der Tiere gleicht einer Geheimwissenschaft. Bernhard Zand hat zugesehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Abu Dhabi - Eins vorweg: Komisch und seltsam sind Kamele überhaupt nicht. Auch nicht dämlich oder schwerfällig oder was wir sonst von ihnen denken. Wer einem Prachtexemplar wie "Al-Sair" gegenübersteht, einer Stute, die an der Schulter knapp zwei Meter misst, 500 Kilo wiegt und für zwei Millionen Euro an den Kronprinzen von Dubai ging, lässt seine Vorurteile augenblicklich fallen. Das ist vollendete Athletik, Kraft und Ästhetik, die mehr an ein Rennpferd erinnert als ein Lama oder Schaf, die entfernten Verwandten des Camelus dromedarius.

Europäer mag befremden, dass es Leute gibt, die für so ein Tier mehr Geld ausgeben als für einen Ferrari oder Lamborghini. Unter Golf-Arabern spielen Millionen zur Zeit bekanntlich aber keine große Rolle. Deshalb ist auf dem ersten internationalen Kamel-Fest von Abu Dhabi auch weniger von Geld als von Ruhm, Kulturgut und nationalem Erbe die Rede.

Es muss tatsächlich ein sehr inniges Verhältnis sein, dass die Beduinen mit dem Kamel verbindet. Als "Al-Sair" ("der Besucher" - männliche Namen gelten auch für Stuten als vornehm) in die Präsentierkoppel geführt wird, bricht auf der Tribüne ein Sturm los. Kinder, Jugendliche, erwachsene Männer überschlagen sich, um dem Tier mit Rufen eine bestimmte Geste abzuringen: den Kopf zu heben, ein Bein zu strecken, mit dem edlen Schweif zu wedeln.

Wie man ein Millionen-Euro-Kamel erkennt

Noch einmal wird verlesen, dass das Tier in seiner Kategorie (weiblich, dunkelhaarig) gesiegt hat, dass der Prinz von Dubai es am Vortag erstanden und damit einen Preis gewonnen hat - einen von 100 Geländewagen, die, zum Wegfahren fertig, vor dem Eingang zur Tribüne stehen.

Was aber soll ein Prinz, der im eigenen Helikopter eingeflogen ist, zwei Millionen Euro auf den Tisch legte und noch am selben Tag von einem Scheich aus Abu Dhabi mit schlappen fünf Millionen für eine andere Kamelstute ausgestochen wurde - was soll so ein Prinz mit einem geschenkten Range Rover? Ein Freund des Prinzen löst die Frage auf: Scheich Hamdan bin Raschid Al Maktum, so sagt er, verzichte auf das Auto. Es möge bitte an den Besitzer der zweitplatzierten Stute gehen. Scheich Ali al-Masrui willigt ein. Die Großzügigkeit ist eine Tugend.

Was unterscheidet eigentlich ein durchschnittlich schönes, ein 100.000-Euro-Kamel, von einem Star, einem Millionenkamel? Das wissen Punktrichter wie Mohammed al-Marri zu beurteilen, der, eine grüne Schärpe über der weißen Dischdascha, die Tiere mit einem dünnen Bambusstock inspiziert, an Ohren zupft, an Fesseln klopft und Hufe anhebt: "Wir bewerten die Kamele nach ihren Proportionen, nach der Länge ihres Halses, der Schönheit des Gesichts, der Form und Größe von Brustkorb und Höcker sowie der Farbe und Seidigkeit des Haares." Die Unterschiede scheinen enorm zu sein - für den Laien allerdings schwer auszumachen, denn was hier in Abu Dhabi gezeigt wird, ist bereits die Crème der Renn- und Zuchtkamele aus Katar, Saudi-Arabien, den Emiraten und Oman.

Was gar nicht zur Debatte steht, ist übrigens die ökologische Botschaft, welche das Kamel für den modernen Golf-Araber bereit hält. Die einhöckrigen Dromedare, ebenso wie ihre asiatischen Verwandten, die zweihöckrigen Trampeltiere, sind Wunder an Umweltverträglichkeit und Sparsamkeit - das krasse Gegenbild zu ihren energieverschwendenden Besitzern.

Die Beine der Kamele sind so lang, damit die Hitze des Wüstensands auf Abstand bleibt, ihr Urin ist dick wie Sirup und ihr Kot so hart wie Stein, um möglichst wenig Wasser auszuscheiden. Kamele können in zehn Minuten 150 Liter Wasser trinken und kommen nachher fünf Tage ohne Flüssigkeit aus. Das liegt an ihrem dünnen Blut und ihrem ausgeklügelten Schwitzmechanismus: Sie transpirieren so gemächlich durch den Pelz, dass sie selbst bei größter Hitze stets wohltemperiert in der Sonne stehen.

Wahrlich ein guter Grund, das arabische Kamel von jetzt an jährlich zu feiern. Der Golf-Araber nämlich verbraucht heute achtmal so viel Wasser und Energie wie der durchschnittliche Erdenbürger, er hat den größten ökologischen Fußabdruck der Welt. Vom Kamel lernen, heißt: überleben lernen.