Dubiose Angebote - DER SPIEGEL
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PLEITEN Dubiose Angebote

Die Überreste der insolventen Handy-Firma BenQ locken Glücksritter und Schnäppchenjäger an. Aber zahlen wollen sie alle so gut wie nichts.
Von Dinah Deckstein und Klaus-Peter Kerbusk
• aus DER SPIEGEL 3/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für Hansjörg Beha, 55, begann die vergangene Woche stressiger als geplant. Eigentlich wollte er mit seiner Frau Urlaub im sonnigen Mexiko machen. Stattdessen saß er am Montag im NRW-Wirtschaftsministerium in Düsseldorf und musste sich bohrenden Fragen von Politikern, Gewerkschaftern und dem Insolvenzverwalter der taiwanischen Handy-Firma BenQ Mobile stellen.

Beha gab sich siegessicher, reichte einige schicke Handy-Prototypen herum und verriet sogar die Namen seiner Mitinvestoren, zu denen angeblich auch der 1997 geschasste Apple-Chef Gilbert Amelio zählt. Doch als es ums Geld ging, musste Beha zunächst passen. Gerade mal 20 Millionen Euro wollten er und seine Mitstreiter einschießen - ein Betrag, der in der Krisenrunde für Ernüchterung sorgte. Bis zum 16. Januar will der umtriebige Manager nun sein Angebot nachbessern. Dann muss er dringend nach Mexiko - bevor seine Frau dort vollends ungehalten wird.

Behas Auftritt bildete den vorläufigen Höhepunkt in einem Doku-Drama, in dem die BenQ-Beschäftigten ständig zwischen Hoffnung und Enttäuschung schwanken. Seit der taiwanische Konzern Ende September das Aus für die nur ein Jahr zuvor vom Siemens-Konzern übernommene Handy-Sparte ankündigte, kann sich Insolvenzverwalter Martin Prager vor Anfragen kaum retten.

Mit gut 30 Interessenten hat er »intensive Verhandlungen geführt« und zum Teil sogar schon »erste Vertragsentwürfe ausgetauscht«. Doch zum Abschluss kam Prager mit keinem der insgesamt mehr als 100 Interessenten. Die Folge: Zum Jahreswechsel eröffnete das Amtsgericht München das Insolvenzverfahren.

Seither ist der Kampf um die Überreste der Siemens-Altlast so richtig entbrannt. Denn nun könnte für die Übernehmer ein großer Teil der Verbindlichkeiten wegfallen - und so kommen obskure Schnäppchenjäger und Glücksritter aus der Deckung, die es auf das Know-how und die Produktionslinien abgesehen haben.

Allen voran die Truppe um Beha, der einst als Manager bei Daimler und der Software-Firma LHS arbeitete und später als Investor bei kleinen deutschen IT-Unternehmen wie Caatoosee oder matrix42 auftauchte. Als Vehikel diente oft die Finanzierungsgesellschaft GB Global Capital, die vor gut vier Jahren auch die Software-Firma Bäurer AG schlucken wollte.

Nach einem Kapitalschnitt sollten Bäurer durch GB Capital rund acht Millionen Euro zufließen. Doch die Verhandlungen scheiterten und die Gesellschaft musste Insolvenz . Als GB Capital die sanierte Firma später aus der Insolvenzmasse kaufen wollte, lehnte der Verwalter die Bieter ab - wegen »Zweifeln an ihrer Zuverlässigkeit«.

Eine bewegte Vergangenheit hat auch der zweite Interessent, der vergangene Woche bei Prager aufkreuzte: Henrik Rubinstein. Seit Jahren beschäftigt sich Rubinstein, der in München Physik studiert hat, mit IT-Sicherheitsverfahren auf biometrischer Basis. Doch der von ihm gegründeten Astro Datensysteme AG blieb der Erfolg versagt.

Das Know-how brachte er schließlich in die US-Firma Sentex ein, mittlerweile besitzt er zwei Drittel der Aktien. Auch Sentex ist kaum mehr als ein Hoffnungswert. Für 2005 verzeichnet die Bilanz einen Verlust von 377 000 Dollar - bei einem Umsatz von 159 000 Dollar. Gleichzeitig sitzt die Firma, die gut zwei Dutzend Mitarbeiter beschäftigt, auf Verbindlichkeiten von 7,7 Millionen Dollar. Kein Wunder, dass Rubinstein - ebenso wie Beha und andere Interessenten - auf Landesbürgschaften aus München und Düsseldorf setzt.

Auch wenn Rubinstein, wie allgemein erwartet, nicht zum Zuge kommt - für Sentex-Aktionäre hat sich der Schachzug schon gelohnt. Nach der BenQ-Offerte schoss der Kurs des Penny-Stocks immerhin um rund 50 Prozent nach oben.

Noch undurchschaubarer ist ein weiterer Interessent: der Hamburger Stefan Johannes Baustert, 30. Er importiert Laptops aus Taiwan, die er hierzulande nach individuellen Kundenwünschen ausstattet oder mit speziellen Farben lackiert.

Mit rund 100 Mitarbeitern erziele seine Gruppe, zu der neben der Bacoc GmbH auch die Firmen Avamos und Orveno gehören, einen Umsatz von 95 Millionen Euro, sagt Baustert. Doch in Unternehmensregistern ist davon nur ein Bruchteil zu finden - und dass der von ihm nebenbei betriebene Online-Shop, in dem er Pillen und Proteine für Sportler verkauft, Millionen einbringt, ist kaum zu erwarten.

Baustert will sich dazu nicht äußern. Am Freitag dieser Woche werde er einen »gut abgesicherten Finanzierungsplan« vorlegen und »alle Fragen beantworten«, kündigt er an. Allzu große Hoffnungen sollten Mitarbeiter und Gewerkschafter darauf nicht setzen.

Zumindest die 800 BenQ-Mitarbeiter in München dürften gut beraten sein, den Verlockungen der Glücksritter zu widerstehen. Um sie buhlen bereits mehrere hundert Unternehmen mit 2000 freien Stellen.

Beha will trotzdem nicht aufgeben. »Wir haben genügend Kapital, um dieses tolle Unternehmen fortzuführen und unser Angebot nachzujustieren«, versicherte er Ende vergangener Woche.

DINAH DECKSTEIN, KLAUS-PETER KERBUSK

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