Dunkle Wege - DER SPIEGEL
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ELEKTRONIK Dunkle Wege

Hochwertige elektronische Bauelemente sind weltweit knapp -- sie werden schon zu Schwarzmarktpreisen gehandelt.
• aus DER SPIEGEL 42/1979
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Immer wenn einer der Angestellten des Hamburger Jungunternehmers Lothar Kappius in die USA fliegt, bekommt er 20 000 Mark in bar mit auf die Reise. »Kaufen Sie Eprom 2716«, so der Auftrag des Chefs, » wenn es die irgendwo gibt.«

Meist gibt es sie nicht. Elektronische Bausteine (Fachjargon: Chips) wie der gesuchte Eprom (erasable, programeble, read only memory -- lösch- und programmierbarer Lese-Speicher), die Kappius für den Einbau in Datenübertragungsgeräte braucht, sind international zur Mangelware geworden.

Seit Monaten schon können die Hersteller mit der stürmischen Nachfrage nach den jüngsten Kreationen der Elektronikbranche nicht mehr mithalten. »Und das«, ahnt Manfred Scheller, Europa-Vertriebschef von Mostek, einem der führenden amerikanischen Chips-Produzenten, »wird wohl noch zwei Jahre so bleiben.«

Gefragt sind vor allem die neuesten Speicher-Chips, die auf einer Fläche von nur wenigen Quadratmillimetern Leistungen bieten, für die noch vor kurzem Geräte von Küchenschrankformat nötig waren. Die winzigen Chips speichern Zehntausende von Daten in Hundertstelsekunden und geben ihr Wissen auf Abruf genauso schnell weiter. Selbst auf dem Schwarzmarkt sind sie nur in kleinen Partien und für horrende Preise zu haben: Ein Eprom, der mit 40 Mark in der Händlerliste steht, ist oft nur auf inoffiziellen Kanälen für 80 oder 120 Mark noch lieferbar.

So fand das Münchner Branchenblatt »Markt & Technik« in einer Umfrage heraus, daß Dutzende von mittleren und kleinen westdeutschen Unternehmen schon vor Monaten bestellte Ware einfach nicht bekommen. Einige schaffen es »auf duniden Wegen« und bezahlen »Mafia-Preise«, die anderen müssen auf Neuentwicklungen verzichten oder die Produktion einstellen.

Die Rechercheure von »Markt & Technik« waren vom Ergebnis ihrer Umfrage überrascht: »Es ist oft nicht zu fassen, was in dieser Branche passiert.« Aber auch die Hersteller, allen voran die Amerikaner wie Texas Instruments, Intel und Mostek, haben die Entwicklung nicht mehr so recht im Griff.

Texas Instruments prophezeite vor Monaten, daß bis Ende der achtziger Jahre das Volumen des Bauelemente-Marktes von acht auf 24 Milliarden Dollar jährlich wachsen werde. Jetzt erwarten die Fachleute schon 32 Milliarden Umsatz. Und der Boom für die elektronischen Alleskönner hat gerade erst begonnen.

Denn die großen Industriefirmen der Elektrobranche wie Bosch und AEG, Siemens und Philips, die Autofirmen und Maschinenbauer beginnen erst jetzt mit dem Einsatz der Elektronik in der Serienfertigung.

Bislang wurden Konsumgüter wie Waschmaschine und Plattenspieler noch überwiegend mit herkömmlicher Elektrik, mit einem Gewirr von Kabeln, Kondensatoren und Steckern ausgerüstet. Nun wird Stück um Stück die Fließband-Produktion umgestellt, werden überall, wo es etwas zu steuern, zu kontrollieren oder zu programmieren gibt, die schlicht aussehenden Chips mit den hochkomplizierten Programmen eingesetzt.

So beginnen AEG und Bauknecht in diesem Jahr mit der Produktion elektronisch gesteuerter Waschmaschinen, Philips wird einen Plattenspieler anbieten, der mit Mikroelektronik läuft. Alle Autofirmen arbeiten mit Hochdruck an elektronischen Systemen für Motorsteuerung und Fahrerinformation.

Und das bringt die Bauelemente-Hersteller in die Klemme. Ihre traditionelle Kundschaft, hauptsächlich mittlere und kleine Hersteller von Datenverarbeitungsmaschinen und Elektronikspielen, orderte nur selten mehr als ein paar tausend Bauteile eines Musters. Die neuen Großkunden aber fordern Stückzahlen, die in die Millionen gehen.

Überdies stellen die Großen höhere Ansprüche. Sie sind stets auf die neueste Technologie aus und bestehen auf absoluter Zuverlässigkeit der gelieferten Bauteile. Damit aber hat es in der Chips-Produktion seine eigene Bewandtnis.

Die Fertigung kleiner Mengen mackenfreier Bauelemente macht im Labor kaum Probleme. Doch bei der Massenfertigung sind Pannen und Ausschuß kaum zu verhindern.

Ein Chip ist vor allem eine Art Schaltplan, in Tischgröße entworfen und photographisch auf Millimeterformat verkleinert. Dieser Miniplan wird

* Neben einem Faden im Nadelöhr,

auf Silizium-Plättchen übertragen. Die Silizium-Platte und die »Maske« -- der Aufdruck -- werden dann in einem Ofen fest verbacken. Dabei wird gleichzeitig durch winzige Einstiche das Silizium an den gewünschten Stellen mit Spuren von Metall geimpft -- ohne diese Verunreinigung könnte das Silizium keinen Strom leiten.

Dieser Produktionsprozeß verlangt Bedingungen wie im Operationssaal: Die Luft muß staubfrei sein, Temperatur und Luftfeuchtigkeit dürfen sich nicht ändern. Aber nicht einmal unter Idealbedingungen gelingt eine Serie hundertprozentig: »Etwa 30 bis 40 Prozent der Chips, die aus dem Ofen kommen«, weiß Mostek-Manager Scheller, »sind nicht zu gebrauchen.«

Von den verbleibenden 60 bis 70 Prozent aber ist wiederum nur ein Bruchteil erste Wahl: Chips? die mit Höchsttempo rechnen und denen extreme Temperaturschwankungen, Erschütterungen und Feuchtigkeit im Betrieb nichts anhaben. Mindere Qualitäten versagen hei ungünstigen Arbeitsbedingungen, etwa in einer Waschmaschine, regelmäßig den Dienst.

So wachen die neuen Großkunden der Chips-Produzenten mit Strenge darüber, daß sie nur erstklassige Ware beziehen. Und oft setzen sie ihre Lieferanten unter Druck.

Das amerikanische Ford-Management -- Ford wird ab 1980 Teile der Autoelektrik durch Elektronik ersetzen -- machte seinen Chips-Partnern kürzlich unmißverständlich klar, daß bei Pannen böse Folgen ins Haus stünden. Aus gutem Grund: Eine Rückruf-Aktion für eine mit defekten Chips ausgestattete Autoserie würde mehr als das Doppelte dessen kosten, was die Bauteile selbst wert sind.

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