Durch die Latten - DER SPIEGEL
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Osthandel Durch die Latten

Eine unauffällige Münchner Firma bedient Sowjetbürger mit allem, was im Sozialismus teuer ist: mit Eigentumswohnungen und Autos, Blue Jeans und Parfüm.
• aus DER SPIEGEL 20/1974
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Der Absender, ein russischer Emigrant aus einem Darmstädter Altersheim, hatte dem Geschäftsbrief ein Photo und 500 Mark beigelegt. Der Auftrag: Seine sieben Enkelkinder im sibirischen Irkutsk sollten neu eingekleidet werden.

Geschäfte wie dieses sind für die Münchner Lindex-Versand-Reisen-Handelsgesellschaft mbH & Co. KG reine Routine. Mit Hilfe des Photos suchten die Versandhändler die passenden Größen für Jacken und Hosen, Kleider und Blusen aus, schnürten ein Paket und verschickten die Gabe in das 6500 km entfernte Irkutsk.

Täglich erhält die seit 14 Jahren im Ostgeschäft erfahrene Lindex Hunderte von Briefen. Die Firma schickt Pakete und Geld in die Sowjet-Union und nach Rumänien, sie organisiert Reisen in die DDR und die UdSSR.

Den größten Umsatz macht Lindex mit den Sowjets. Über Lindex beschenken gut 9000 Kunden aus aller Welt -- zumeist russische Emigranten und sowjetische Aussiedler verschiedener Nationalitäten -- ihre Verwandten und Bekannten mit Autos und Kühlschränken, Büstenhaltern und Blue Jeans, Ackordeons und Kölnisch Wasser. Gelegentlich geht sogar Sakrales zur Post. Westdeutsche Priester schickten unlängst ihren litauischen Glaubensbrüdern Meßgewänder« die in der Sowjet-Union kaum zu haben sind.

Gemanagt wird das Münchner Osthandelsunternehmen von Ingrid Sinaida Igenbergs, einer Deutschrussin aus dem Baltikum. »Wir haben schon Pakete in die letzten Winkel der UdSSR geschickt«, behauptet die acht Sprachen sprechende Geschäftsfrau.

Den Paketservice in die UdSSR wickelt Lindex als offizieller Vertreter der Moskauer Außenhandelsgesellschaft Wneschpossyltorg ab, einschließlich der Zollformalitäten. Die Gebühren werden bereits in München in harter Mark gezahlt. Vorteil: Zölle in Westdevisen sind niedriger als die Rubel-Zölle.

Weil der Paketversand »sehr kompliziert« (Sinaida Igenbergs) ist, drucken die Münchner Ostspezialisten pingelig genau die Vorschriften für das Geschäft mit den Sozialisten. Beispiel: »Unter Kinderartikel wird verstanden: Artikel für Kinder bis einschließlich 14 Jahre, das heißt Kleidung mit Oberweite von 88 cm und Schuhe von 27 cm Sohlenlänge für Knaben und 21 cm Sohlenlänge für Mädchen.«

Medikamente sind neuerdings aus dem Versandhauskatalog gestrichen worden -- die Russen lassen aus häufig guten Gründen keine mehr ins Land. Eine herzkranke Frau aus Baku etwa hatte sich schnelle Genesung von westlichen Medikamenten versprochen. Sie verschmähte russische Ärzte, nahm die Arzneimittel und starb. Grund: Die Herzkranke war auch noch zuckerkrank und vertrug die Medizin nicht.

Auch sowjetische Konsumgüter aller Art können in München gekauft und im Osten ausgeliefert werden. Autos der Marken Moskwitsch, Schiguli und Saporoschez, Waschmaschinen, Motorräder, Nähmaschinen mit Fußantrieb, Radios und sogar Eigentumswohnungen sind schneller und billiger als gegen Rubel zu haben.

Für den Moskwitsch 408 zum Beispiel zahlen Käufer in Ost und West drei verschiedene Preise, In der UdSSR ist die Limousine noch Mangelware und deshalb erst nach zwei bis drei Jahren erhältlich. Sie kostet Sowjetbürger 4500 Rubel (15 030 Mark). In der Bundesrepublik ist der sowjetische Mittelklassewagen für knapp 7000 Mark sofort lieferbar. Bei Zahlung im Westen und Lieferung im Osten sind für das Auto zwar 8500 Mark zu entrichten, dafür erhalten die Sowjetempfänger aber Sonderrechte: Im Gegensatz zu Nachbarn, die keine Westkontakte haben und deshalb jahrelang warten müssen, dürfen sie ihren Moskwitsch schon nach zwei Monaten abholen.

Eigentumswohnungen, die ebenfalls mit Westvaluta in den Steppen der UdSSR gekauft werden können, sind nach westlichen Maßstäben ausgesprochen preiswert. Für eine Ein-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad müssen die westverwandten Kunden 16 000 Mark einzahlen, für eine Zwei-Zimmer-Wohnung rund 20 000 Mark. Einzige Bedingung der sowjetischen Behörden: Die Beschenkten dürfen nur in der Stadt eine von den Verwandten gekaufte Wohnung beziehen, in der sie auch polizeilich gemeldet sind.

Mit Banküberweisungen erhalten Sowjetbürger das Recht, mit sogenannten Zertifikaten in Devisenläden (in der UdSSR »Berjoska« genannt) einzukaufen. Dort werden östliche und westliche Qualitätsprodukte -- wie schottischer Whisky, Marlboro-Zigaretten, Martell-Cognac. finnische Anoraks oder italienische Schuhe -- feilgeboten. Für einen Zertifikat-Rubel müssen Westspender allerdings 7 Mark aufbringen. Normaler Kurs: ein Rubel = 3,34 Mark.

Diese Devisengeschäfte gibt es in allen Republiken des Riesenreiches. In Moskau können die Zertifikat-Privilegierten in acht Läden einkaufen, im fernöstlichen Wladiwostok in fünf.

Doch auch Westbürger können von Lindex profitieren. Die Münchner organisierten Flüge mit der sowjetischen Fluggesellschaft Aeroflot in alle Teile der Welt -- mit einem Rabatt von mehr als 50 Prozent gegenüber den Tarifen westlicher Fluggesellschaften.

Die Route Frankfurt -- Moskau und zurück kostet bei Lindex mit Aeroflot 400 Mark; Lufthansa-Passagiere müssen für den gleichen Flug 1314 Mark bezahlen.

Der günstigen Aeroflot-Preise bedienen sich vor allem die großen Deutschen Touristik-Unternehmen. Sie fliegen ihre Kunden in die UdSSR fast ausschließlich mit der sowjetischen Fluggesellschaft. Ein Reiseleiter von Dr. Tigges-Fahrten: »Was sich die Lufthansa bei Flügen in die UdSSR durch die Latten gehen läßt, ist unbeschreiblich. Flögen wir nicht mit Aeroflot, könnten wir nie und nimmer die billigen UdSSR-Reisen anbieten.«

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