Durchmuddeln mit George - DER SPIEGEL
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WIRTSCHAFTS-KOMMENTAR Durchmuddeln mit George

Von Werner Meyer-Larsen
• aus DER SPIEGEL 8/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Ronald Reagan in sein letztes Amtsjahr ging, da wurde schon darüber geredet, was das Problem Nummer eins seiner Hinterlassenschaft sein würde - das Defizit im Bundeshaushalt der USA. Wirtschaftsprofessoren, Politiker, die Medien und die Wall Street waren sich darin einig. Doch seit der neue Präsident George Bush um das Weiße Haus joggt, ist das plötzlich nicht mehr wahr.

Angesehene Zeitschriften wie »The Atlantic« und das »New York Times Magazine« erklären ihren Lesern nicht mehr, warum das Defizit so schrecklich sei. Statt dessen teilen sie ihnen mit, daß sie damit sogar recht gut leben könnten. Wirtschaftspolitiker wie Notenbank-Chef Alan Greenspan, der vorher den schleichenden Untergang der amerikanischen Wirtschaft erahnt hatte, redet nicht mehr vom Unheil des Haushalts-Defizits, sondern von den Gefahren der Inflation.

Und der Chef selbst? In seiner Budget-Rede kniff sich George Bush allenfalls flaue Einlassungen zum Defizit-Desaster ab und präsentierte unverbindliche Zahlen. Keine klaren Vorgaben also, sondern halbherziges Durchmuddeln - to muddle through, nennen es die Amerikaner. Sie haben sich, ihr Präsident an der Spitze, entschlossen, die Bedrohung einfach zu ignorieren.

Imponierend ist solche Politik gewiß nicht. Das Vertrauen der westlichen Welt in die neue Regierung wird nicht wachsen. Das Ende eines Zustands, der so lange nach allgemeiner Auffassung ein gefährliches Ärgernis war, wird wieder hinausgeschoben, der Präsident beraubt sich selbst seiner Handlungsfähigkeit. Die Weltmacht USA wird abermals unberechenbar.

Das Defizit nämlich ist nicht einfach nur ein Fehlbetrag im Staatshaushalt der Vereinigten Staaten und damit eine isolierbare Größe. Wäre es nur das, gäbe es überhaupt kein Problem. Der Fehlbetrag lag im vergangenen Haushaltsjahr bei 3,1 Prozent des Bruttosozialproduktes der USA und war damit geringer als der entsprechende Prozentsatz etwa im wirtschaftlich starken Japan. Das Defizit hat entgegen nationalökonomischer Lehrmeinung auch nicht zu Inflation und Rekordzinsen geführt, sondern beide Werte ausgerechnet in seiner schlimmsten Phase auf ihren niedrigsten Stand gedrückt.

An diesen unstrittigen Tatsachen möchten viele Amerikaner sich nun gern festhalten. Nur leider handelt es sich dabei nicht um die volle Wahrheit. Während nämlich Budget-Defizite in Japan, Deutschland oder Italien aus den Ersparnissen der eigenen Bürger finanziert werden, stopft das konsumwütige und sparunwillige Amerika seine Budget-Löcher gern mit fremdem Geld. Rund 15 Prozent des Washingtoner 2000-Milliarden-Dollar-Schuldenberges sind von Ausländern finanziert. Selbst bei einem 5000-Milliarden-Dollar-Sozialprodukt ist das keine vernachlässigenswerte Größe.

Sie hat Multiplikator-Wirkung. Das Riesen-Defizit zwingt den Präsidenten, Konjunktur- und Währungspolitik dem begrenzten Interesse der Budget-Politik unterzuordnen. Durchmuddler Bush muß Dollar-Kurs und Zinsen so gestalten, daß Anleger aus Deutschland, Japan, Hongkong oder Kuweit ihr Geld weiterhin nach Amerika bringen und dort schon deponiertes Kapital um Gottes Willen nicht wieder abziehen.

Für die westliche Führungsmacht ist das ein ziemlicher Unfug und ein gefährlicher dazu. Das große Amerika kann weder mit den üblichen Mitteln der Zinspolitik über Binnenkonjunktur und Geldwert wachen, noch kann es Außenhandelspolitik über die Manipulation des Dollar-Kurses betreiben. Und je rascher es dadurch an die Grenzen des Machbaren stößt, desto eher wird es die westliche Gemeinschaft wieder damit belasten.

Nichts also ändert sich. Wie zur Reagan-Zeit bleibt die Welt abhängig von den Gezeiten der amerikanischen Innenpolitik, repräsentiert durch das Budget und sein Defizit. George Herbert Walker Bush macht keinen neuen Anfang, der Vertrauen schafft. Statt der Kunst des Möglichen präsentierte er die Banalität des Unmöglichen.

Die Weltmacht USA wird abermals unberechenbar

W. Meyer-Larsen
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