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GELDANLAGE Durchweg muffelig

Geldanleger werden bei Sparkassen und Banken oft schlecht beraten. *
• aus DER SPIEGEL 24/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der heiße Tip kam von der Deutschen Bank. »Riesig« sei die Nachfrage bei Platin, verriet der Anlageberater, für kaum 1400 Mark sei die britische Münze Platin-Noble noch billig zu haben. Der Tip taugte nichts: Wer jetzt ein solches Exemplar zurückbringt, bekommt gerade gut 1000 Mark dafür.

Zu Vorzugsaktien von VW konnte ein Experte der Frankfurter Sparkasse von 1822 »wärmstens raten«. Im Kurs stecke etliches »Potential nach oben«. Der Kurs stürzte seitdem von 350 Mark bis auf rund 240 Mark in der vergangenen Woche.

Die Fonds von Nordinvest würden »echt Gewinn abwerfen«, beteuerte ein Fachmann der Vereins- und Westbank, beispielsweise der Australien-Pazifik-Fonds. Nun rechnet die Bank ihrem Kunden penibel vor, daß dieser Fonds innerhalb von sechs Monaten genau 42,5 Prozent seines Werts verlor.

Die Kundschaft ist enttäuscht, viele sind verbittert, und manche verloren durch Banken-Empfehlungen gar ihr gesamtes Geld. Immer häufiger, so klagen Geldanleger, würden sie bei Sparkassen und Banken miserabel beraten.

Mag sein, daß Kleinanleger den Banken lästig sind. Doch schlechter Service schadet dem Ruf der Banken allemal. Vertrauen wird zerstört. Während die Kreditinstitute »fette Provisionen einstreichen«, polterte jüngst ein Münchner Aktionär, würden die Kunden »über den Tisch gezogen, abgehäutet, durchgekocht und ausgelutscht«.

Die gescholtenen Bankiers sehen das natürlich ganz anders. Je lauter die Kritik ihrer Kunden wird, desto mehr halten sie mit ganzseitigen Anzeigen dagegen. Sie empfehlen sich als »professionelle Partner« (Bayerische Landesbank), preisen »erfahrene Berater« (DG Bank) und »kompetente Mitarbeiter« (Norddeutsche Landesbank) an.

Die Deutsche Bank vermittelt »eine gezielte Zukunftsvorsorge«, bei der Dresdner Bank finden die Kunden »Fachwissen und Beratungsqualität«. »Eine Bank - ein Wort«, wirbt die Münchner Hypo Bank: »Wir lassen uns etwas für Sie einfallen.«

Die Volks- und Raiffeisenbanken tun das ebenfalls. »Wer schon einmal auf einen heißen Tip gesetzt hat und dabei hereingefallen ist«, so annoncieren jetzt die Volks-Bankiers, könne sich mit der Broschüre »Vermögens-Diagnose« gegen Flops wappnen - bei einer Schutzgebühr von 7,50 Mark.

Daß zwischen Werbung und Wirklichkeit »eine schmerzliche Diskrepanz bestehen« kann, hat ein aufrichtiger Direktor der Bayerischen Vereinsbank eingestanden. In der Kundschaft hat sich das längst herumgesprochen.

Das Mißtrauen der Kunden begann, als die Geldhäuser den grauen Kapitalmarkt entdeckten. Keine Anlage war den seriösen Banken zu windig: Schiffsfinanzierungen, Ölexplorationen, Bauherren- und Erwerbermodelle. Inzwischen klagen geprellte Anleger in unzähligen Verfahren gegen ihre Ratgeber.

Die Zweifel am Sachverstand der Geldexperten wuchsen, als die Kurse von Gold und Dollar wegbrachen. Die Ersparnisse der Bankkunden schmolzen in atemberaubendem Tempo, bei amerikanischen Anleihen wie auf luxemburgischen Goldkonten.

Als schließlich die Aktienkurse stürzten, war das Vertrauen vieler Sparer völlig dahin. Kaum eine Bank hat die Aktionäre zur Vorsicht gemahnt. Selbst nach dem Oktober-Crash wurde dem Publikum zum Kauf geraten. Je tiefer die Kurse fielen, desto eifriger machten die Berater Reklame. Aktien, so ihr Argument,

seien nun ja billig zu haben. Sie wurden danach noch billiger.

Enttäuschte Kunden, die sich über schlechten Rat beschweren, werden in den Geldhäusern zumeist kurz abgefertigt. Rund 15 000 Mark hat ein Mediziner mit dem »Niedersachsen Fonds 3« der Norddeutschen Landesbank verloren. »Miteigentum an wertbeständigem Haus- und Grundeigentum« beim »Fonds mit der Sicherheit« war ihm einst versprochen worden. Dann teilte ihm die Nord/LB lapidar mit, die Flaute am Immobilienmarkt sei auch beim »NI-Fonds 3 nicht ohne Auswirkungen geblieben«. Das sei »Bankraub pervers«, so der Mediziner, »mein Geld ist weg«.

Gar keine Antwort erhielt ein Anleger lange Zeit, der sein Erspartes in drei Versorgungsschiffe für die Ölindustrie steckte. »Burstah VIII« hieß das Objekt, »ein Angebot der Deutschen Bank«. Vorstandssprecher Alfred Herrhausen schrieb schließlich, daß »die Entwicklung nicht so verlief, wie sich alle Beteiligten gewünscht hätten«. Jetzt sind 80 000 Mark verloren.

Ein Vertreter, der sich für 50 000 Mark Anleihen des amerikanischen Stahlkonzerns LTV aufschwatzen ließ, hat ebenfalls allzu blind seinen Ratgebern vertraut. Der Dollar-Kurs sei leider gefallen, wimmelte die Deutsche Bank ab. Und zur Rechtfertigung bekam der Kunde zu hören, »selbst namhafte Broker-Firmen« hätten die Anlage empfohlen. Das ändert nichts an der Tatsache, daß von den 50 000 Mark nicht mehr viel übrig ist.

Natürlich können gebeutelte Sparer gegen ihre falschen Ratgeber klagen. Fragt ein Kunde seine Bank um Rat, entsteht ein Auskunfts- oder Beratungsvertrag. Für grobes Fehlverhalten ihrer Beschäftigten, das haben Gerichte bestätigt, haftet die Bank. Ist beispielsweise ein Prospekt zur Börsenzulassung falsch oder wegen »böslichen Verschweigens« (Börsengesetz) unvollständig, dann haftet die Bank ebenfalls.

Doch nur selten können die Betroffenen handfeste Beweise beibringen. Die heißen Tips werden zumeist ohne Zeugen verteilt.

In Koblenz konnten Richter einmal verhindern, daß Immobilien betrogener Anleger von der Hypo Bank zwangsversteigert wurden. Die Kreissparkasse Nürnberg, entschied der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil, mußte einem schlecht beratenen Kunden den Schaden ersetzen. Das Bankhaus Trinkaus & Burkhardt zahlt freiwillig die von ihrem Nürnberger Vermögensberater veruntreuten Gelder an die Einleger zurück.

Mag sein, daß die Berater »von Hause aus keine Intelligenzler sind«, wie der freiberufliche Finanzexperte Volker Looman aus Reutlingen sagt. Zwar stecken alle Institute viel Geld in die Ausbildung. Aber oft dauere es Wochen und Monate, meint Looman, bis sie »einfachste Gesetzesänderungen oder Aufbau und Logik neuer Produkte verstanden haben - und das nur in ihrem eigenen schmalen Wissensgebiet«.

Verärgerte Kunden bestätigen solche Urteile. Einer, der auszog, um im Frankfurter Bankenviertel 100 000 Mark anzulegen, schildert in einem deprimierenden Erfahrungsbericht: »Unglaublich, was man da erleben kann.«

»Abgesehen von der durchweg muffeligen Art vieler Mitarbeiter«, so schreibt er, seien ihm vorwiegend schlecht rentierliche Sparbriefe, Termingelder und Investmentfonds angedient worden.

Fragen nach so neumodischem Zeug wie Zeros, Floater und Optionen blieben unbeantwortet. Ratlos grübelten die Experten über Anfragen nach spanischen Aktien. Keiner konnte Einzelheiten über den quellensteuerfreien Fonds »Eurorenta« erklären. Ein Berater fand mit Mühe die Kursnotierungen der Adt AG, schließlich noch einen angeblichen Telephonanschluß der Firma - es war eine Nummer des Eros-Centers.

Pfiffige Anlageberater, die ihr Wissen nicht nur aus dem jüngsten Börsenbrief ablesen, sind selten. Unter diesem Defizit leiden sogar die von den Banken betreuten Aktienfonds, die häufig schlechter als der Index der Aktienkurse abschneiden. Der DIT-Wachstumsfonds der Dresdner Bank etwa rutschte 1987 mit 36,5 Prozent ins Minus.

In Fachzeitschriften und in Anzeigenblättern wird regelmäßig die »Frage der Woche« gestellt: »Wie lege ich 10 000 oder 100 000 Mark an, ohne daß ich ein extremes Risko laufe?« Befragt werden Spitzen-Manager, und auch deren Antworten sind meist am wertvollsten, wenn sie rasch vergessen werden.

Werner Chrobok, Gesellschafter beim Bankhaus Gebrüder Bethmann, empfahl beispielsweise VW-Aktien zum Kurs von 600 Mark. Nun ist das Papier 250 Mark wert. Beim Kurs von 800 riet Dieter Maier, Vorstand der Baden-Württembergischen Bank, zum Kauf von »Qualität« in Gestalt der Siemens-Aktien. Der Kurs ist inzwischen auf 380 Mark weggesackt.

Gerhardt Eberstadt von der Dresdner Bank gab im Februar vergangenen Jahres gleich vier Tips zum besten: Aktien von Conti-Gummi, Kaufhof, Veba sowie von der Aachener und Münchner Beteiligungs-Aktiengesellschaft sollten die Kunden ordern. Alle vier Empfehlungen wurden zu Flops.

In Wahrheit stapeln die Banken ein wenig hoch, wenn sie ihren Kunden Anlageberatung anbieten: Die Ratgeber sind nur Verkäufer. Gegen Provisionen sollen sie Waren verkaufen - Gold, Aktien oder Anleihen.

Bisweilen auch sollen die Kunden offenbar nicht die volle Beratung erhalten, die möglich wäre. Selbst wenn die Banken beispielsweise den Börsenkrach des vergangenen Jahres vorausgesehen hätten, wäre diese wichtige Information wohl nicht an alle Anleger weitergegeben worden.

Die Geldexperten denken da eben in weiteren Dimensionen. Friedrich Wilhelm Christians von der Deutschen Bank hat das Dilemma kürzlich in schöner Offenheit dargestellt: »Hätten wir unseren Kunden denn zum Aktienverkauf raten und den ganzen Markt zusammenbrechen lassen sollen?«

Die Deutsche Bank, so ist daraus zu folgern, hat die Nation vor Schaden bewahrt. Die Kunden haben dafür bezahlt - die Besitzer deutscher Aktien wurden 1987 um 154 Milliarden Mark ärmer.

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