Dynamit - DER SPIEGEL
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UMWANDLUNGEN Dynamit

• aus DER SPIEGEL 50/1959
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Friedrich Flick, der in vielen Börsentransaktionen legendär gewordene Altmeister der Effektenkunst, mußte in der vergangenen Woche den Fehlschlag eines sorgfältig durchdachten Vorstoßes hinnehmen, der seine Interessen in der Zuliefer -Industrie ergänzen und abrunden sollte. Sein taktisches Mißgeschick konnten Kenner des Handelsteils von Zeitungen einer kurzen Meldung darüber entnehmen, daß die Großaktionäre der Firma Dynamit-AG vormals Alfred Nobel & Co. den Plan aufgesteckt haben, dieses Unternehmen in eine neue Gesellschaft umzuwandeln.

Die Umwandlung der Dynamit-Gesellschaft - sie bringt außer Sprengstoffen die vielfältigste Kunststoffproduktion in Westdeutschland und stellt neben Rohstoffen auch Bodenbeläge, Folien und Schallplatten her - sollte eine der vorläufig letzten jener Maßnahmen sein, mit denen Friedrich Flick nach zwei Weltkriegen zum drittenmal ein veritables Konzernreich aufgebaut hat. Es hängt mit alliierten Verkaufsauflagen für Flicks ehemalige Kohlenbergwerke zusammen, daß dieser dritte Konzern außer der traditionellen Eisen - und Stahlproduktion wichtige und lukrative Gebiete der verarbeitenden Industrie umfaßt:

Flick besitzt das größte Aktienpaket an der renommierten Daimler-Benz AG in Stuttgart*, mithin reicht sein mächtiger Arm in die DKW-Automobilwerke und möglicherweise, bald auch bis zu BMW. Unter mehreren sonstigen Kapitalbeteiligungen zählt ein Aktienpaket der Feldmühle Papier- und Zellstoffwerke AG (58 Prozent), die wiederum mehr als 25 Prozent des Kapitals der Dynamit-AG besitzt, zu den wichtigsten.

Flick rechnet die Automobilbranche, die Papier- und die Kunststoff-Erzeugung zu den aussichtsreichen wachsenden Industrien. Die zunehmende Verwendung von Kunststoffen im Automobilbau - DKW hat bereits einmal ein Auto mit Kunststoffkarosse vorgestellt - verstärkte sein Bestreben, bei der Feldmühle wie bei Dynamit seine Machtposition zu verstärken und die an Flicks Konzernpolitik uninteressierten freien Aktionäre auszuschalten.

Die Möglichkeit hierzu bot dem Düsseldorfer Konzernherrn das sogenannte Umwandlungsgesetz (siehe Seite 21). Nach diesem Gesetz können Großaktionäre, wenn sie über 75 Prozent des Aktienkapitals besitzen, die Firma in ein neues Unternehmen umwandeln, wobei den übrigen freien Aktionären für ihre abzuliefernden Papiere ein angemessenes Entgelt gezahlt werden muß. Da allerdings die Höhe der Abfindung sich kaum an den gegenwärtigen Spitzenkursen der Börse, sondern nach gutachtlich ermittelten, niedrigeren Werten orientiert, sackte der Börsenkurs für Aktien der Feldmühle AG sofort von über 1000 auf 775 Punkte ab, als bekannt wurde, daß Großaktionär Flick eine solche Umwandlung der Feldmühle und der Dynamit plane.

Schon bei der Feldmühle ließ sich indes der Umwandlungsplan für Flick nur unter Opfern verwirklichen. Der zweite Großaktioniär und Aufsichtsratsvorsitzende der Feldmühle nämlich, Hugo Stinnes, von dessen laut »Industriekurier« kontrollierten 22 Prozent Flick mindestens 17 Prozent einsetzen mußte, stand dem Projekt ablehnend gegenüber. Er vertrat die Ansicht, eine Umwandlung der Feldmühle werde die Kritik an wirtschaftlicher Machtkonzentration verstärken und sei deshalb nicht opportun.

Stinnes blieb bei dieser Meinung. Er stand jedoch nicht an, seine Papiere schließlich dem Altmeister gegen einige schöne Stücke aus dem industriellen Kronschatz der Flick-Dynastie abzutreten. Am 16. November einigten sich beide über einen Tausch Stinnesscher Feldmühle-Aktien gegen die Flick-Unternehmen:

- Fella-Werke GmbH (Landmaschinenfabrik), Feucht bei Nürnberg, Stammkapital fünf Millionen Mark, und

- Maschinenbau Kiel AG (MAK), von

deren sieben ,Millionen Mark Kapital bislang Flick und Stinnes je die Hälfte besaßen,

- sowie gegen eine Beteiligung an der Papier- und Zellstoff-Fabrik Wolff & Co. KGaA in Walsrode, Kapital 7,5 Millionen Mark, die bisher im Portefeuille der Feldmühle lag.

Auf diese Weise gewann Flick die Dreiviertelmehrheit der Feldmühle AG. Am 1. Dezember konnte er deshalb den Minderheitsaktionären für ihre Papiere eine Abfindung in der respektablen Höhe von 770 Prozent des Nennwerts anbieten. Flick wird praktisch Alleinaktionär der umgegründeten Feldmühle AG und braucht künftig keinen neugierigen freien Aktionären in der Hauptversammlung, sondern nur noch sich selbst Rechenschaft über die Unternehmensführung abzulegen.

Aus traditioneller Anhänglichkeit behält Hugo Stinnes im Aufsichtsrat der Feldmühle einen Sitz und höchstens einen winzigen Pro-Forma-Anteil. Im übrigen aber liegt das Disengagement auf seiner Linie, nach dem Ausscheiden aus der Stinnes-Familienfirma alleiniger Herr im eigenen Konzern zu sein. Die Dachgesellschaft seiner Gruppe ist die Hugo Stinnes Industrie und Handel GmbH Bremen-Mülheim. Es erleichterte ihm die Feldmühle-Transaktion zudem, daß einer der Flick-Söhne, die einmal das Erbe ihres Vaters antreten werden, recht gut mit Otto Stinnes bekannt ist, mit dem sich Bruder Hugo Stinnes wegen alter Erbstreitigkeiten nicht versteht (SPIEGEL 24/1957).

An solcherlei günstigen Vorzeichen mangelte es im Falle der Dynamit-AG, die Friedrich Flick im gleichen Zuge umzuwandeln gedachte. Überdies hatte er es bei dem Troisdorfer Unternehmen für Kunststoffe und Schießzeug nicht mit einem Großaktionär zu tun, sondern mit zweien, deren Einverständnis erforderlich war: Über die Feldmühle-Beteiligung kontrolliert Flick am Kapital der Dynamit-AG gut 25 Prozent, die Schweizer Waffenfabrik Oerlikon, Bührle & Co. ebenfalls rund 25 Prozent; weitere 32 Prozent der Aktien gehörender Rheinischen Stahlwerke AG Essen.

Schon im Sommer hatte Friedrich Flick versucht, dem Rheinstahl-Generaldirektor Werner Söhngen das dicke Aktienpaket der Dynamit abzuhandeln. Er bot den Rheinischen Stahlwerken dafür eine Majoritätsbeteiligurig bei den Stahlwerken Südwestfalen AG und ein Aktienpaket vom Gußstahlwerk Witten AG an. Stahldirektor Söhngen, der die Dynamit-Aktien als dauernden Wertpapierbesitz schätzengelernt hat, lehnte ab. Auf Anfragen von Journalisten ließ er wissen, Rheinstahl werde sein Dynamit-Paket »verteidigen«.

Durch seinen Erfolg bei Stinnes bestärkt, versuchte Flick, die Abneigung gegen seinen Umwandlungsplan wieder im Wege der Diskussion zu überwinden. In mehreren Besprechungen mit Söhngen und dem Juniorchef Bührle stellte Flick klar, daß beide Großaktionäre auch in der umgegründeten Dynamit-AG seine Partner bleiben würden, so daß nur die rund 18 Prozent des freien Aktienkapitals ausscheiden müßten.

Söhngen und der Schweizer Bührle ließen schließlicht durchblicken, im Falle der Umwandlung müßten ihre Firmen aber wienigstens mit der neuen Dynamit-AG einen sogenannten Organschaftsvertrag abschließen dürfen, um bei der ganzen Transaktion zumindest einige Steuervorteile herauszuholen. Durch Organschaftsverträge nämlich würden alle Umsätze der Firmen Rheinstahl, Dynamit und Bührle untereinander von der Umsatzsteuer befreit werden.

Sei es nun, daß Stahldirektor Söhngen die Schwierigkeiten einer solchen Regelung kannte oder nicht, Tatsache ist, daß die sonst so gewieften Konzernstrategen bei Flick die Folgen nicht vorausahnten: Das nordrhein-westfälische Finanzministerium jedenfalls, bei dem man sich die steuerbefreiende Wirkung der beabsichtigten Organschaftsverträge bestätigen lassen wollte, riet dringend ab. In der deutschen Gesetzgebung seien bald schärfere Bestimmungen für Verträge dieser Art zu erwarten.

Unter diesen Auspizien trafen sich Söhngen, Bührle und Flick am vergangenen Dienstag in Düsseldorf, um einen letzten Versuch zu unternehmen. Wenngleich sich für die angestrebte Organschaft einige Ausweichmöglichkeiten anboten, trennte man sich spätabends, ohne daß insbesondere Söhngen dem Umwandlungsplan zugestimmt hatte. Im Vorstand der Rheinischen Stahlwerke heißt es: »Die Organschaft war nur einer der Gründe, warum es nicht klappte, Rheinstahl ist eine Publikumsgesellschaft mit 100 000 Aktionären, Herr Flick eine Einzelpersönlichkeit mit großem Einfluß, und Bührle hat einen besonderen Interessenkreis es war einfach nicht möglich, alle diese Interessen zu vereinigen.«

Nur diesem Umstand verdanken es die letzten freien Aktionäre der Dynamit-AG, daß ihnen der sogenannte Rausschmeißer -Paragraph des Umwandlungsgesetzes nichts mehr anhaben kann, daß sie vielmehr neben den drei Großaktionären als Anteilseigner in der Gesellschaft verbleiben dürfen. Westdeutschlands Börsen quittierten die Nachricht von dem diesmal gescheiterten Umwandlungsversuch Friedrich Flicks, mit Jubel. Der Kurs für Dynamit stieg von 870 auf 1150 an.

* Flick kontrolliert rund 40 Prozent des Aktienkapitals von Daimler-Benz, und in der Flick KG Düsseldorf heißt es: »Bei den hohen Kursen kann niemand stärker einsteigen als wir und uns Daimler wegschnappen.«

Großaktionär Flick

Herr sein ...

Großaktionär Stinnes

... im eigenen Konzern

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