E-Commerce Überlebenskampf nach Weihnachten
Wenn David Risher über das Weihnachtsgeschäft im Internet spricht, hört es sich an wie ein Hohelied auf das Märtyrertum: "Unser Job ist es, für unsere Kunden da zu sein, sogar um Mitternacht am 23. Dezember", ließ der Senior Vice President des Online-Händlers Amazon.com per Pressemitteilung verbreiten.
Stolz zählte die PR-Abteilung des Unternehmens Bestellungen auf, die noch kurz vor der nächtlichen Deadline eintrudelten, darunter das Videospiel Frogger, ein 50 Zentimeter großer Stoffhund und ein Farbfernseher. Die letzte Order, ein Brettspiel für Kinder, ging um 23.59 Uhr ein und wurde - so Amazon.com - termingerecht nach Missouri verschickt.
Im Eigenlob des Unternehmens schwingt unüberhörbar auch Erleichterung mit. Nachdem viele Internet-Händler Weihnachten vergangenen Jahres mit verspäteten oder gar nicht ausgelieferten Bestellungen ihre Kunden vergrault hatten, galt diese Wintersaison als entscheidend für das Schicksal vieler E-Commerce-Sites.
Wenige Tage nach dem Show-down im Internet scheinen die Zweifel jedoch überwunden. Zwar müssen viele Unternehmen ihre offiziellen Ergebnisse erst noch veröffentlichen, doch die Erfolgsmeldungen häufen sich bereits. Amazon Deutschland teilte mit, der Umsatz in der Adventszeit sei gegenüber 1999 um 150 Prozent gestiegen. In den USA hat sich nach den Berechnungen der Investmentbank Goldman Sachs der gesamte Weihnachtsumsatz der Online-Händler verdoppelt.
Triumph der Old Economy
Während die Branche lautstark den Durchbruch des E-Commerce feiert, warnen Experten vor allzu großer Euphorie. Die Erwartungen vieler Unternehmen waren überzogen, glaubt Seth Geiger von BizRate.com, einem auf den Vergleich von Online-Shops spezialisierten Internet-Angebot. "Die hatten ihre eigenen Wunschlisten, aber die Kunden haben die Geschenke nicht gebracht."
Besonders kritisch ist die Situation bei den Online-Händlern, die ihr Geschäft allein auf das Internet stützen. Dazu gehört auch der Online-Spielzeughändler eToys, der schon im Dezember eine Warnung für das letzte Quartal herausgeben musste. 50 Prozent werde der Umsatz hinter den Prognosen zurückbleiben. Am Mittwoch schließlich teilte das Unternehmen mit, seine Aktivitäten in Großbritannien einstellen zu müssen.
Auch dem Internet-Rabattjäger LetsBuyIt.com half das Weihnachtsgeschäft nicht aus der Misere. Das in 14 europäischen Ländern aktive Unternehmen, das für seine Kunden über Gruppenbestellungen Preisnachlässe erzielt, musste kürzlich in den Niederlanden Gläubigerschutz beantragen. Am Neuen Markt in Frankfurt verlor die Aktie daraufhin massiv an Wert. Inzwischen ist fraglich, ob LetsBuyIt.com überhaupt wieder auf die Beine kommt.
Von den Gewinnern im Online-Weihnachtsgeschäft haben dagegen die meisten ihre Wurzeln in der Old Economy. In den USA war während der Weihnachtszeit die von der Spielwarenkette Toys "R" Us und Amazon.com gemeinsam betriebene E-Commerce-Site das am häufigsten besuchte Angebot. In Deutschland meldete der Versandhändler Quelle ein Ergebnis "deutlich" über den Erwartungen.
Offenbar profitiert das Internet-Geschäft der Traditionsunternehmen neben der bereits vorhandenen Logistik auch vom Vertrauen der Kunden in bekannte Namen - ein möglicherweise entscheidender Vorteil. Denn viele Nutzer haben sich trotz aller Versicherungen der Online-Händler noch nicht mit dem Einkauf im Netz angefreundet.
Flüchtende Surfer
Wie schwer es ist, Surfer in Online-Käufer zu verwandeln, belegt eine neue US-Studie. Von den Internetnutzern, die im Rahmen des Forschungsprojektes Pew Internet & American Life befragt wurden, kauften nur 24 Prozent in der Adventszeit Geschenke im Netz. Von diesen zog es wiederum jeder zweite vor, den Großteil des Weihnachtseinkaufs in herkömmlichen Läden zu erledigen.
Diejenigen Surfer, die gar nicht im Netz kauften, begründeten ihre Entscheidung zumeist damit, dass sie sich die Geschenke vor dem Kauf lieber im Laden anschauen wollten. Fast ebenso häufig wurden Sicherheitsbedenken angeführt. Viele der Befragten schreckten davor zurück, ihre Kreditkartennummer oder andere persönliche Informationen auf den Webseiten preiszugeben.
Besonders alarmierend ist ein weiteres Ergebnis der Umfrage: Die Online-Händler verloren offenbar eine beträchtliche Anzahl ihrer Kunden, während sie prozentual nur wenig neue Käufer auf ihre Seiten locken konnten. Rund 22 Prozent der Internetnutzer, die bereits vergangene Weihnachten Geschenke im Netz kauften, ließen nun die Finger vom Online-Shopping. Dagegen kauften nur sechs Prozent der befragten Surfer in der Weihnachtssaison 2000 zum ersten Mal im Internet ein.
Grund für den Kaufstreik vieler ehemaliger Kunden dürften zum einen die schlechten Erfahrungen sein, die viele Surfer im vergangenen Jahr mit verspäteten Bestellungen gemacht haben. Dazu kommt der schlechte Service, der bei vielen Online-Shops moniert wird. Nach einer Umfrage der US-Marktforschungsfirma Jupiter Research reagieren über 70 Prozent der Internet-Händler nicht innerhalb von sechs Stunden auf E-Mail-Anfragen. Greift der Kunde zum Telefon, fallen oft horrende Gebühren an.
Jupiter Research warnte bereits im Dezember davor, die Ansprüche der Kunden auf die leichte Schulter zu nehmen. "Die Online-Händler müssen sich aus der experimentellen Phase befreien und aus Fehlern der Vergangenheit lernen", so der Analyst David Daniels. "Für die E-Commerce-Sites ist dies ein darwinistisches Jahr."