E-Mail Wenn bei Dot.coms der Amtsschimmel wiehert
Einige Internetunternehmen kenne ich seit der ersten Stunde. In jener Zeit war das Personal kreativ bis zur Grenze der körperlichen Leistungsfähigkeit und stets auf der Höhe der Zeit. Keine Sache, die nicht sofort angegangen wurde. Keine Lösung, vor der man aus Gründen der Unkonventionalität zurückgeschreckt wäre. Jeder hatte etwas zu sagen, aber man raufte sich zusammen und glänzte durch Spontaneität.
Die New Economy trat ihren Siegeszug an und lehrte die Old Economy das Fürchten. Doch mittlerweile hat die Realität die Dot.coms eingeholt. Und das nicht nur an der Börse.
Mein letzter Kontakt mit einem dieser Unternehmen bezog sich auf einen eigentlich unwichtigen Vorgang. Doch der entsprechende Bearbeiter, ein "stellvertretender Leiter", schien dies ganz anders zu sehen. Stellvertretender Leiter? Mir schwante nichts Gutes, als ich diesen "Titel" las. Und ich sollte Recht behalten.
Denn hier ritt jemand ein eisernes Prinzip, wie man es ansonsten nur aus den Amtsstuben kennt. Doch damit nicht genug: Denn während ein richtiger Beamter wenigstens vollständig von seinem Tun überzeugt ist und damit viel Zeit und Energie spart, galt dies für meinen Homunkulus virtualis leider nicht. Der noch sehr junge Mann war offensichtlich von seiner Entscheidung nicht ganz überzeugt und versuchte deshalb, sich abzusichern.
Er trug in den Verteiler der Mail also nicht nur mich als eigentlichen Adressaten, sondern darüber hinaus auch den Abteilungsleiter, einen weiteren Leiter und sogar den Geschäftsführer ein. Meine ursprüngliche Mail hatte also zu vier identischen Antworten an vier verschiedene Personen geführt. Zu gerne wüsste ich natürlich jetzt, welchen Fortpflanzungsprozess diese Inflationierung von Mails noch erlebt hat. Vielleicht hat der Geschäftsführer beim Abteilungsleiter nachgefragt, warum dessen Stellvertreter ihm eine Kopie seiner Mail hat zukommen lassen, worauf der Abteilungsleiter eine Stellungnahme bei seinem Stellvertreter eingefordert hat, die er anschließend direkt an den Geschäftsführer weitergeleitet hat, welcher daraufhin ...
Neue Technologien führen also nicht unbedingt zu einer Rationalisierung von Arbeitsabläufen. Vielfach passiert auch das genaue Gegenteil und alles wird viel komplizierter und aufwendiger. Denn je leichter man jemandem eine Nachricht zukommen lässt, umso öfter wird diese Möglichkeit natürlich auch genutzt.
Insgesamt erinnert mich das alles fatal an das Parkinsonsche Gesetz: Die in den fünfziger Jahren von Cyril Northcote Parkinson aufgestellte Regel geht davon aus, dass sich die Arbeitszeit nicht nach der Arbeitsmenge richtet. Vielmehr gilt die umgekehrte Kausalität: Arbeit lässt sich wie Gummi dehnen, bis die maximal zur Verfügung stehende Zeit ausgefüllt ist.
Eine Anwendung dieses Gesetzes besagt konkret: Ab einer bestimmten Mitarbeiterzahl braucht eine Behörde keinerlei äußeren Zweck mehr zu erfüllen. Sie ist dann ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Wir können also gespannt sein, zu welchen Multiplikatoreffekten die neuen Technologien führen werden, um diese Grenze für die Dot.coms noch einmal deutlich abzusenken.