EADS-Hauptversammlung Kritische Fragen unerwünscht
Amsterdam - Die zwei Personen, die um 10.30 Uhr auf der Bühne im großen Ballsaal des Okura-Hotels in Amsterdam erscheinen, sind nur im Umrissen zu erkennen. Dem Protokoll nach kann es sich nur um EADS-Chef Louis Gallois und Verwaltungsratschef Rüdiger Grube handeln. Mit letzter Gewissheit lässt sich das aber nicht sagen, dazu ist die Videoübertragung zu schlecht. Journalisten dürfen das Ereignis nur über Leinwand verfolgen. Aus organisatorischen Gründen, so heißt es.
Wenige Minuten später die nächste Überraschung. Eine Assistentin verkündet, es würden ausschließlich Fragen zur Tagesordnung zugelassen. Aktionäre dürfen also im Prinzip nur Antworten zur Neuwahl des Verwaltungsrats (Board of Directors) einfordern. Zu den Vorwürfen um angebliche Insidergeschäfte mehrerer EADS-Manager will die Konzernspitze keine Stellung beziehen.
"Ich möchte betonen, dass die Börsenaufsichtsbehörde noch nicht zu einem abschließenden Urteil gelangt ist", versucht EADS-Chairman Rüdiger Grube das Thema schon in seiner Eingangsrede zu beenden. "EADS ist davon überzeugt, dass alle finanziellen Mitteilungen den strengen Kapitalmarktregeln entsprochen haben." Es werde aber "noch eine gewisse Zeit dauern", bis die Angelegenheit aufgeklärt sei.
Offenbar geht Grube von weiteren Negativmeldungen für EADS aus: "Es kann weiterhin zu entsprechenden Berichten in der Presse kommen", erklärt der Verwaltungsratschef, "das bedauere ich schon jetzt."
Doch die Aktionäre lassen sich weder von Grubes Erklärung beeindrucken noch von der Einschränkung ihres Auskunftsrechts - kaum jemand, der keine Frage zu diesem Thema stellt.
"Kann der Verwaltungsrat überhaupt funktionieren?"
"Es geht heute darum, ob wir den Menschen, die dieses Unternehmen führen, überhaupt noch vertrauen können", wirft etwa ein Vertreter des holländischen Aktionärsverbandes VEB ein. "Kann der Verwaltungsrat nach diesen Anschuldigungen überhaupt funktionieren?" Der Anlegervertreter erhält für diese Frage Applaus - und legt nach: Wäre es nicht denkbar, dass die Beschuldigten schon bald ihren Hut nehmen müssen - und möglicherweise auch noch satte Abfindungen mitnehmen? Unvergessen ist die millionenschwere Abschiedszahlung an den ehemaligen EADS-Co-Chef Noël Forgeard, gegen den ebenfalls Ermittlungen laufen.
Ein anderer Aktionärsvertreter spricht den Chairman direkt an: "Herr Grube, können Sie für alle Ihre Kollegen im Verwaltungsrat die Hand ins Feuer legen? Bitte antworten Sie mir direkt. Ja oder Nein genügt." Grube lächelt, sichtlich verunsichert - und schweigt. Die Antwort reicht er eine gute halbe Stunde später nach: "Ich habe keinerlei Anlass, die Integrität der Mitglieder anzuzweifeln."
Verwaltungsrat Lagardère weist Verdacht zurück
Einige Aktionäre haben EADS wegen der Insidervorwürfe bereits verklagt. Einer der beteiligten Aktionäre ist sich sicher: "Die Informationen der Börsenaufsicht AMF sind keine Erfindung, sie sind Realität."
Auf solche Anspielungen reagieren manche EADS-Vertreter allerdings auffallend dünnhäutig. "Damit gehen Sie zu weit", blafft Arnaud Lagardère, Chef des gleichnamigen Medienkonzerns und Mitglied des Verwaltungsrats. "Sie können nicht Zivilkläger sein und gleichzeitig wie ein Staatsanwalt auftreten."
Die Bitte eines Aktionärs, Lagardère solle sich bis zur Aufklärung der Vorwürfe aus dem Verwaltungsrat zurückziehen, beantwortet der Angesprochene knapp: "Solange das Unternehmen Lagardère Hauptaktionär von EADS ist, werde ich bleiben." Es klingt wie eine Drohung.
Jegliche Gesetzesverstöße weist der Franzose weit von sich. Die Anteilsverkäufe des Lagardère-Konzerns im April 2006 seien bereits im Juni 2005 angekündigt worden. "Damals machte die EADS-Beteiligung 40 Prozent des gesamten Lagardère-Wertes aus. Das war einfach nicht mehr tragbar."
Erneute Personalrochade für 2012 geplant
Zum vorerst letzten Mal tritt der Franzose heute als Co-Chef des Verwaltungsrats auf - künftig wird Grube dieses Amt allein ausüben. Für 2012 ist allerdings die nächste Personalrochade geplant. Dann soll Lagardère wieder an die Spitze des Aufsichtsgremiums rücken.
Die fünfjährige Amtszeit erscheint mehreren Aktionären als zu lang. Außerdem kritisieren sie, dass einige der künftigen Mitglieder des Verwaltungsrats nicht zur HV erschienen sind. Auch der schillernde indische Stahlmagnat Lakshmi Mittal nicht. Das liege an der kurzfristigen Planung der Hauptversammlung, lautet die offizielle Entschuldigung.
"Wir sollen Mitglieder ins Board wählen, die nicht anwesend sind und sich nicht vorgestellt haben", wundert sich ein Aktionär. Ein anderer schimpft: "Wie sollen die Verwaltungsräte ihrer Aufgabe ernsthaft nachkommen, wenn sie nicht einmal genügend Zeit für eine Eingangsrede haben."
Die Veranstaltung endet, wie Hauptversammlungen eben enden. Kleinaktionäre haben ihrem Ärger Luft gemacht - doch am Abstimmungsergebnis ändert ihre Wut nichts. Zu viel Macht haben die beiden Aktionärsblöcke Daimler und Sogeade (Lagardère und der französische Staat), als dass einzelne etwas ausrichten könnten. Alle Board-Mitglieder werden mit deutlich mehr als 90 Prozent gewählt.