Easyjet-Chef Webster in Berlin: Der schüchterne Eroberer - DER SPIEGEL
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Easyjet-Chef Webster in Berlin Der schüchterne Eroberer

Die Konkurrenz sorgt sich seit Monaten, am Nachmittag war es so weit: Der britische Billigflieger easyJet hat mit viel PR in Berlin-Schönefeld seine Deutschland-Offensive gestartet. Mitten drin: Konzernchef Ray Webster, verloren auf seiner eigenen Party.
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Berlin - Für seine eilige Mittagspause hat Ray Webster eine adäquate Low-Cost-Zehrung ausgewählt: ein Sandwich in Plastikfolie, Kaffee aus dem Pappbecher. Es ist 13.20 Uhr, Flughafen Schönefeld. Webster steht vor Cindy's Diner gegenüber vom Check-In-Schalter. Sein Auftritt versetzt den halben Imbiss in Aufruhr. Ein Helfer links, ein Helfer rechts versuchen ihn bei der Menü-Wahl zu beraten. Die Stimme der Bedienung springt eine Oktave höher. Der Mann mit dem Pappbecher ist offenbar wichtiger als er aussieht.

Ray Webster trägt keine Krawatte an diesem Mittwoch, natürlich nicht. Das Jackett zieht er aus, wann immer er kann. Wenn er sich unbeobachtet wähnt, verknotet er die Lippen zu Grimassen, wippt von einem Bein aufs andere. Unter den Hosenbeinen ragen rote Socken hervor. Ray Webster schaut aus wie ein Rechtsanwalt auf dem Weg zum Golf-Wochenende.

Dabei ist der Boss der zweitgrößten Billig-Airline Europas in wichtiger Mission in Berlin - um eine Offensive zu starten, die den Flugmarkt durcheinander wirbeln wird. Seit Monaten ereifert und ängstigt sich die Konkurrenz - selbst die Lufthansa hat vorauseilend Kampfpreise gen Mallorca ins Angebot genommen. 13 Routen will easyJet bald von Schönefeld aus bedienen, Strecken von Dortmund und Köln-Bonn folgen. In der Wirtschaftspresse ist schon mal martialisch vom Beginn einer "Entscheidungsschlacht am Himmel" die Rede.

Wowereit und die trällernden Pilzköpfe

Ray Webster wirkt bescheiden, unprätentös, oft schüchtern - dahiner aber verbirgt sich Ehrgeiz. Bei einem Pressegespräch am Vormittag hatte er Außerordentliches gesagt: "Wir beginnen heute eine der größten Markteinführungen in unserer Geschichte", verkündete er, und später: "Wir vermuten, dass einige unserer Wettbewerber sterben." Das Überleben von Air Berlin - nicht sicher. Germanwings - mit großen Problemen konfrontiert.

In zwanzig Jahren werde es auch die Lufthansa nicht mehr geben, nicht mit ihrem alten Markennamen jedenfalls - zu deutsch, zu begrenzt. EasyJet, das lässt Webster durchblicken, werde dann immer noch starten. "Wir sind die erste wirklich europäische Fluglinie." Das alles sagt er nicht mit dem Provokationsgeist eines Michael O'Leary von Ryanair. Webster klingt wie ein Dozent bei der Vorlesung: still, nüchtern.

Für Webster, den Eroberer, hat die Berliner Flughafengesellschaft ein ganzes Gebäude umgebaut. Am Terminal B sind jetzt die Uhren orange eingefasst, die Säulen orange bemalt. "Ich bin farbenblind, aber sogar für mich wirkt es ziemlich orange hier", sagt Webster. easyJet trumpft auf, mit allen Insignien einer Luftfahrt-Großmacht. Stargäste sind gekommen an diesem Tag, an dem der erste Jet gen Liverpool abhebt, Flugnummer EZY 7224. Um 13.45 Uhr entern die "Beatles" die Bühne und spielen "I saw her standing there."

Die Band ist fake, die Politiker echt. Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit fährt vor, natürlich trägt er Nadelstreif und Krawatte. Zwei Minuten lässt Webster ihn stehen - erst beendet er ein Interview mit "Bloomberg TV". Dann schüttelt Webster dem Flughafenchef die Hand, der Bürgermeister kommt erst als zweiter an die Reihe. Nicht, dass Webster den Bürgermeister brüskieren wollte - er wirkt nur unsicher auf dem politischen Parkett. Verlegen steht er im Blitzgewitter der Pressefotografen.

"Die ersten Zahlen sind gigantisch"

Wowereit ist Aufsichtsratschef des Flughafenbetreibers FBS. Er braucht easyJet, damit seine defizitäre Staatsfirma die Kurve kriegt, Touristen in die Hauptstadt strömen. 75 Piloten will easyJet einstellen, fast 100 Flugbegleiter, 250 Frauen und Männer für die Bodencrew. Viele kommen aus der Region. Wowereit macht heute gratis PR: "Die ersten Buchungszahlen sind gigantisch."

Auch Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck hat sich ein orangefarbenes easyJet-Bändchen um den Hals gebunden. Platzeck braucht easyJet, damit die Vision vom Großflughafen Berlin-Brandenburg wahr wird, den er so gern nach Willy Brandt benennen möchte. Irgendwann 2010 soll er eröffnet werden, Frankfurt und München Konkurrenz machen - endlich. Im vergangenen Jahr flogen gerade mal 1,75 Millionen Passagiere über Schönefeld. In diesem Jahr soll die Zahl auf 3,3 Millionen steigen - über eine Million bringen die Briten. Platzeck sagt: "Das heute ist ein Signal für die ganze Region."

Was Webster nicht sagte

Was Webster und seine Laudatoren nicht aussprechen: Die Expansion ist ein riskantes Manöver, selbst für die wagemutige Aldi-Airline-Branche. Bis zu 240 Airbus 319 hat Webster im Herbst 2002 geordert, in diesem Jahr muss er zwanzig in seine Flotte integrieren. Für die neuen Jets müssen neue Routen her, dringend. Der deutsche Markt aber ist umkämpft, die Lufthansa ausdauernd, die Billigkonkurrenz zahlreich wie nirgends und die Bahn weit mächtiger als in Großbritannien. Air-Berlin-Boss Joachim Hunold schwört, er stehe bei den Kosten besser da als der "Low-Cost Carrier" aus London-Luton. Wohl deshalb steuert easyJet keine innerdeutschen Ziele an. Ein Akt der Vorsicht - vielleicht ein Eingeständnis von Verwundbarkeit.

126 Passagiere sitzen in der ersten easyJet-Maschine, 120 in der zweiten: Über 80 Prozent der Sitze sind gefüllt. Als die Fluggäste landen, bekommen sie Teddy-Bären als Geschenk, "Willkommen in Berlin". Bleibt die Auslastung so hoch, macht easyJet Profit in Schönefeld. Fast zwei Millionen Euro aber will der sonst sparsame Webster für Werbung ausgeben. Er weiß, seine Marke ist nicht bekannt genug unter den Deutschen. "Ihr werdet noch viel mehr Orange sehen. Hoffentlich mögt ihr die Farbe."

In der Pause zwischen dem Sandwich-Mahl und den Politiker-Elogen steht Ray Webster vor dem Abflugschalter B19. Die falschen "Beatles" spielen "All my Loving". Webster ist allein im Gewimmel, schaut an der Reihe mit den zehn Schaltern entlang. Er sieht auf die ersten Touristen, die Koffer herantragen, blickt auf die Pressefotografen, die sie knipsen. Webster öffnet die Lippen nicht - aber er lächelt. Fast eine Minute lang geht er gedankenverloren auf und ab.

Dann fasst ihn sein Pressechef am Ärmel und bugsiert ihn zum nächsten Fernseh-Interview.