EC-Karten Missbrauch-Boom beim Plastikgeld
Frankfurt am Main - Allein in Nordrhein-Westfalen, wo im Vorjahr ein Plus von über 90 Prozent registriert wurde, sind die Betrugsfälle mit EC-Karten nach Angaben des Innenministeriums auch im ersten Halbjahr 2004 um mehr als 40 Prozent gestiegen.
Dabei geht es ausschließlich um Zahlungen im EC-Lastschriftverfahren (ELV), bei dem der Kunde lediglich seine Unterschrift leistet. Laut der bundesweiten polizeilichen Kriminalstatistik wurden hier 2003 knapp 65.000 Fälle gezählt, rund 60 Prozent mehr als 2002.
Bei Zahlungen mit Eingabe der Geheimnummer (PIN), dem so genannten EC-Cash, gingen die Fälle dagegen um 2,7 Prozent auf knapp 36.000 zurück. Noch drastischer ist es bei den Kreditkarten, wo die Zahlen um rund 27 Prozent auf 21.000 zurückgingen.
Dabei sind die Sicherheitsmerkmale bei Kreditkarten und EC-Karten eigentlich die gleichen - Unterschrift und Magnetstreifen sowie die mögliche Abfrage von Kunden-Bankdaten. Allerdings wird die Abfrage überwiegend nur bei Kreditkarten und bei EC-Cash genutzt.
Dabei werden per Online-Verbindung die persönlichen Daten des Kunden geprüft - ein Verfahren, dass gerade zu Stoßzeiten wie Ladenschluss zu Wartezeiten an den Kassen führt. Zudem sind Online-Abfragen in der Regel teurer, so werden beim EC-Cash aktuell 0,3 Prozent des Umsatzes verlangt.
Wegen dieser Kosten wehrt sich der Handel gegen Forderungen der Länder-Innenminister, wonach Kartenzahlungen künftig nur noch mit Geheimzahl möglich sein sollen. "Unsere Mitglieder machen mit dem Lastschriftverfahren außerordentlich gute Erfahrungen", sagt etwa der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes BAG, Johann Hellwege. Auch bei den Kunden komme das System gut an.
Sicherheitsexperten und Banken argumentieren dagegen, dass das PIN-basierte EC-Cash dem ELV-System eindeutig überlegen ist. Das gelte sowohl für die Sicherheit der Kunden als auch für die Wirtschaftlichkeit der Unternehmen, betont Michaela Roth vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband. Denn EC-Cash habe den Vorteil, dass der Händler eine Zahlungsgarantie erhalte. Beim ELV müsse er dagegen selber dem Kunden hinterherrennen, wenn etwas schief läuft.
Immer mehr ungedeckte Karten
Denn nicht nur tauchen vermehrt manipulierte oder geklaute Karten auf - immer öfter sind die rechtmäßigen Eigentümer einfach nicht liquide und die Bank verweigert die Zahlung. Branchenkenner berichten deshalb, dass der Handel vor allem in ärmeren "Problemregionen", etwa im Ostteil Berlins, verstärkt auf EC-Cash umstellt, weil die ungedeckten EC-Karten zunehmen.
Verbraucherschützer sehen das skeptisch. Frank-Christian Pauli vom Bundesverband der Verbraucherzentralen etwa weist auf das Risiko des Ausspähens bei der PIN-Eingabe an Kassen hin: "Wenn es ein Gedränge gibt, ist das sehr leicht."
Und eine erfolgte PIN-Abbuchung könne der Verbraucher kaum rückgängig machen. Dagegen habe er nach einer Lastschriftabbuchung "relativ gute Chancen", diese zurückrufen zu lassen. Zudem ließen sich gefälschte Unterschriften graphologisch nachweisen.
Die geringen Missbrauchszahlen hier erklären sich Experten übrigens auch mit der besseren Bonitätsprüfung, die die Banken vor der Ausgabe dieser Karten betreiben. Dennoch sind Kreditkarten aber hier zu Lande relativ wenig verbreitet, weil der Handel die Gebühren scheut.
Nikolaus von Twickel, AP