Echte Devise - DER SPIEGEL
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WÄHRUNG Echte Devise

Die europäische Währungseinheit Ecu wird weltweit immer beliebter - nur nicht in der Bundesrepublik. *
• aus DER SPIEGEL 46/1984
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf seinen Sproß ist Helmut Schmidt besonders stolz: »Der Ecu«, schwärmt der Ex-Kanzler, »hat eine unerwartete Karriere gemacht.«

Im Volk hat sich das nur noch nicht herumgesprochen. Manche sagen richtig Eku, meinen aber ein fränkisches Bier. Viele denken an einen alten französischen Taler namens Ecu. Andere wiederum buchstabieren E.C.U. und glauben an eine neue Partei. Die »New York Times« gibt Lesehilfe: »sprich Eh-cue«.

Ecu steht als Kürzel für European Currency Unit, der englischen Bezeichnung für Europäische Währungseinheit. Es ist gleichsam ein Geldkorb, angefüllt mit den zehn Devisen der EG-Staaten. Dieses »Prunkstück des Europäischen Währungssystems« (Sparkassen-Präsident Helmut Geiger) wird weltweit immer beliebter.

Überraschend ist das schon. Hatte doch Ecu-Erfinder Schmidt 1978 lediglich ein Kunstgeld schaffen wollen, eine einheitliche Verrechnungsbasis innerhalb der Gemeinschaft. Als Zahlungsmittel sollte der Ecu nur zum Ausgleich von Forderungen und Verbindlichkeiten zwischen den Zentralbanken dienen.

Nun auf einmal hantieren Banken und Firmen, Sparer und Staaten mit vielen Milliarden Ecu, von Irland bis Italien, von der Sowjet-Union bis nach Südafrika. Neben dem offiziellen Ecu entstand ein privater Markt für Ecu.

Dabei ist die neumodische Devise nahezu unsichtbar, wahrlich schwer zu begreifen. Weder wurden bisher Noten in Ecu gedruckt noch Ecu-Münzen geprägt. Selbst Leonhard Gleske, im Direktorium der Bundesbank zuständig für Währungsfragen, mußte nach eigenem Bekunden »lange lernen«, was das Euro-Geld denn nun »wirklich ist«.

Auch das ist ungewöhnlich: Das Direktorium der Deutschen Bundesbank wie der Zentralbankrat, hierzulande die letzte Instanz in Geldsachen, sind über die rasch wachsende Währung Ecu zerstritten. Der Mehrheit der Räte mißtraut Schmidts Idee vom »gleichen Geld in ganz Europa«. Deshalb bleibt der Ecu in der Bundesrepublik vorerst verboten.

Das sei überhaupt keine Währung, behauptet Gleske, sondern lediglich eine Rechengröße. In keinem Land würde der Ecu als gesetzliches Zahlungsmittel gelten. Zudem gäbe es keine Institution, so der Frankfurter Zentralbanker, die dafür »verantwortlich wäre«.

Ausgerechnet die Deutschen, die sonst so gern die europäische Integration preisen und die so laut ihren liberalen Kapitalmarkt loben, sperren das europäische

Geld aus - als einziger Staat der Gemeinschaft.

Den steilen Aufstieg des Ecu haben die Frankfurter Währungsgewaltigen nicht verhindern können. »Phantastisch« hätte sich der »Währungs-Embryo« von einst entwickelt, meint Andre Swings, Direktor bei der Brüsseler Kreditbank. »Anfangs eher zögernd«, sagt Swings, »dann zügig und zuletzt stürmisch hin zu einer echten europäischen Devise.« Etliche hundert Sparkassen und Banken betreiben inzwischen das Ecu-Geschäft.

Im internationalen Handel mit Anleihen wurde der Ecu nach Dollar und Mark inzwischen zur drittgrößten Währung. Unternehmen wie Hydro-Quebec, Gas de France, Rank Xerox oder Thomson-Brandt nehmen Gelder in Ecu auf. Die Regierungen von Österreich, Irland, Südafrika und Dänemark besorgten sich mit Ecu-Anleihen Geld.

Einige Firmen rechnen einen Teil ihrer Export- und Import-Geschäfte in Ecu ab, etwa der französische Mischkonzern Saint Gobain, der italienische Autoriese Fiat oder die französische Speiseölfabrik Lesieur. Etwa ein Fünftel des italienischen Außenhandels wird in Europäischen Währungseinheiten verbucht. Die Sowjet-Union berechnete Holzlieferungen an Frankreich in Ecu, die Moskauer Wneschtorgbank begab jüngst eine Anleihe über 75 Millionen Ecu.

Nach den Sowjets interessieren sich jetzt die Chinesen für den Ecu. Die Pekinger Regierung will im Außenhandel von den launenreichen Schwankungen des Dollar loskommen. Die Europäische Kommission verhandelt außerdem mit mehreren Opec-Staaten. Der Ölpreis soll künftig, das wird angestrebt, vom Dollar ab- und dem Ecu angekoppelt werden. Japan und Kanada haben den Ecu offiziell als Devise anerkannt.

An den Börsen von Rom, Mailand, Paris, Kopenhagen und Brüssel wird der Kurs der Währungseinheit inzwischen täglich notiert. Letzte Woche etwa entsprach ein Ecu 2,23 Mark. Eine französische Bankengruppe bringt nun Ecu-Reiseschecks heraus. Seit letztem August bekommen Dolmetscher bei der Europäischen Kommission ihr Honorar nur noch in der europäischen Devise überwiesen.

Die Vorteile der Kunstwährung errechnen sich aus seiner Konstruktion. Das Euro-Geld ist eine Mixtur aus starken und schwachen Währungen. Entsprechend der Wirtschaftskraft der EG-Staaten sind alle Devisen vertreten: Pfund und Franc, Mark und Lire, Gulden, Kronen und nun auch Drachmen.

So kompliziert das Gebilde zunächst auch scheinen mag, im Ergebnis bleibt der Ecu attraktiv. Kursschwankungen weicher Währungen werden durch die starken Devisen aufgefangen. Der Ecu ist vergleichsweise stabil und deshalb in Ländern mit höheren Inflationsraten wie Frankreich, Belgien und Italien besonders beliebt.

Just diese Konstruktion ist es, die es den deutschen Notenbankern schwermacht, den Ecu für ihren Hoheitsbereich zuzulassen. Weil in dem Währungskorb auch die Mark enthalten ist, belehrt Bundesbankdirektor Siegfried Bürger, sei der Ecu »keine fremde Währung«; in Deutschland aber gebe es nur eine einzige heimische Währung, eben die Mark. Außerdem hätte die Bundesbank das Ziel, so der Rechtsexperte, den Geld- und Kapitalverkehr »von Indexklauseln freizuhalten«. Der Ecu-Wert richte sich aber nach dem Wert der zehn EG-Währungen.

Sachkenner vermuten, daß solche Begründungen von den Staatsbankern nur vorgeschoben werden. In Wirklichkeit leben die Bundesbankiers, meint Werner Lutz von der Europäischen Sparkassenvereinigung, »in der Angst, daß ihre Autonomie flötengeht«. Wenn nämlich eine Europäische Zentralbank installiert würde, könnte die Bundesbank zu einer Art Zweigstelle degradiert werden.

Bundesbanker Gleske macht aus dieser Furcht auch gar keinen Hehl: »Die Verantwortung für unsere Geldpolitik können und wollen wir nicht aus der Hand geben.«

Den Höhenflug des Euro-Talers können die zögerlichen Frankfurter freilich kaum noch stoppen. Ecu-Vater Helmut Schmidt: »Der Grundstein ist gelegt.«

[Grafiktext]

EUROPÄISCHER EIN - TOPF Anteile der EG-Währungen an dem Ecu (European currency unit = Währungseinheit des Europäischen Währungssystems) Stand: 15. September 1984 Kurs des Ecu in Mark 1 Ecu Mark (32%) in Klammern: Anteil der jeweiligen Währungseinheit an dem Ecu Luxemburgische Franc (0,3%) Irische Pfund (1,2%) Griechische Drachmen (1,3%) Dänische Kronen (2,7%) Belgische Franc (8,2%) Gulden (10,1%) Lire (10,2%) Britische Pfund (15%) Französische Franc (19%)

[GrafiktextEnde]

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