TV-INDUSTRIE »Echtes Heimkino«
Früher konnte Hans-Georg Junginger über die miese Qualität amerikanischer Fernsehbilder nur müde lächeln. Für den promovierten Ingenieur, der die europäischen Forschungslabors des Elektronikmultis Sony leitet, war der amerikanische TV-Standard NTSC stets gleichbedeutend mit »never the same colour«.
Seit einigen Wochen jedoch ist der Mann aus Stuttgart vorsichtiger geworden. Fast staunend sagt er nun: »Ein solcher Wandel ist in Europa einfach undenkbar.«
Die Bewunderung des Sony-Manns gilt einer Entscheidung der amerikanischen Federal Communication Commission (FCC), die den 320 Millionen Fernsehzuschauern in Amerika schon in wenigen Jahren das beste TV-Bild der Welt auf den Bildschirm zaubern soll. High Definition Television, kurz HDTV, gilt in der Branche als größte Innovation seit der Einführung des Farbfernsehens im Jahre 1954.
»Nichts wird mehr so wie früher sein«, heizt FCC-Chef Reed E. Hundt die Fantasie an. »Der Wandel ist so groß, daß viele Amerikaner es noch gar nicht begriffen haben«, meint der frühere Anwalt.
Auch Gary Shapiro geizt nicht mit Superlativen. »Viele Leute vergleichen die Umstellung auf HDTV mit dem Wechsel vom Schwarzweißfernsehen zum Farb-TV«, sagt der Chef des Verbands der Elektronikfirmen, doch das sei falsch. »Der Unterschied ist fundamentaler«, nur vergleichbar mit dem »Übergang vom Radio zum Fernsehen«.
Das Fernsehen der Zukunft, das bis zum Jahre 2006 überall im Land ausgestrahlt werden soll, kommt wie bisher über die Antenne ins Haus. Doch statt flackernder Bilder und verwaschener Farben, wie sie die Zuschauer in Amerika bislang gewohnt sind, soll es dank digitaler Technik störungsfreie, kristallklare Bilder und satte, realistische Farben geben. Völlig neue Informationsangebote, Börsenticker und Internet-Zugang inklusive, sollen den Fernseher zum Kommunikationsmittelpunkt jedes US-Haushalts machen.
»Wir brauchen das Beste, und wir haben es gefunden«, freut sich Michael Sherlock, Vizepräsident beim New Yorker TV-Sender NBC. »Jetzt wird die Flimmerkiste zum echten Heimkino.«
Schon Ende 1998, so der ehrgeizige Zeitplan, sollen die ersten Zuschauer in zehn Ballungsräumen die Superqualität auf dem Bildschirm erleben. Zur Jahrtausendwende sollen 30 Prozent aller US-Haushalte das neue Angebot nutzen können - allerdings nur, wenn sie sich einen neuen Fernseher oder zumindest eine digitale Empfangsbox für etwa tausend Dollar anschaffen.
»Nun kann Amerika schnell die weltweite Führungsposition in der TV-Technik zurückerobern«, sagt Peter Wilmot, Präsident der Elektronikfirma Zenith. Denn nirgendwo auf der Welt werde es ein so flexibles und computerfreundliches Broadcast-System geben wie in den USA.
Die großen Worte sind ganz nach dem Geschmack der patriotischen Amerikaner. Wieder einmal, so lautet die Botschaft, haben US-Firmen eine wichtige Schlüsselindustrie, die verloren schien, zurückerobert und sich weltweit an die Spitze gesetzt.
Der Vorstoß der Amerikaner hat die Konkurrenten in Europa und Japan, die das Thema HDTV eigentlich schon abhaken wollten, aufgerüttelt. Die hatten jahrelang die Vorreiterrolle beim Fernsehen der Zukunft für sich reklamiert, nun müssen sie fürchten, von den Amerikanern abgehängt zu werden.
Eilig demonstrierten die Europäer deshalb Anfang Juni bei einem Kongreß im schweizerischen Montreux, daß auch sie HDTV beherrschen. »Wir haben weltweit anerkannte Normen und eine funktionierende Digitaltechnik für alle Übertragungswege vom Kabel über Satellit bis hin zum Antennenempfang«, betont Georg Lütteke, beim niederländischen Philips-Konzern zuständig für Neue Techniken.
Der neu erwachte Eifer ist verständlich. Kaum ein anderes technisches Großprojekt außer der Weltraumtechnik hat weltweit die Politiker in den vergangenen Jahrzehnten so sehr beschäftigt wie das Thema HDTV. Stets war das Wettrennen um das Fernsehen der Zukunft mehr als nur eine Angelegenheit der Ingenieure. Zig Milliarden an Steuergeldern und privatwirtschaftlichen Forschungsausgaben versickerten in Europa, Japan und Amerika in das ehrgeizige Prestigeprojekt.
Politiker, Forscher und Firmenlenker lockte ein Geschäft von gigantischen Ausmaßen, das sichere Arbeitsplätze und hohe Gewinne versprach. Denn für den Empfang der superscharfen Bilder müssen weltweit die Studios umgerüstet, Sender umgebaut und die TV-Geräte zu Hause ausgetauscht werden. Und alle trieb dabei die gleiche Überzeugung voran: Wer die neue Technik als erster marktreif entwickelt und damit weltweit die Normen setzen kann, dem fällt auch der Löwenanteil des MultiMilliarden-Geschäfts zu.
Die ersten Ideen für ein besseres Fernsehbild entstanden schon vor mehr als drei Jahrzehnten in Japan, wo mit NTSC der gleiche TV-Übertragungsstandard angewendet wird wie in den USA. Lange Zeit schenkten die Techniker in der westlichen Welt den Tüfteleien der japanischen TV-Gesellschaft NHK kaum Beachtung. Dabei hatten die Japaner mit der Erhöhung der Bildzeilen von 525 auf 1125 und einem breiteren Bildschirmformat einiges zu bieten. Doch die Satellitenkanäle, die notwendig waren, um das Superbild zu übertragen, sprengten alle Dimensionen. Das flimmerfreie Superfernsehen, der sichtbare Beweis für die Kreativität japanischen Forschergeistes, blieb eine Utopie.
Erst als die Japaner, unterstützt von der US-Delegation, 1986 bei der Vollversammlung des internationalen Rundfunk-Normengremiums CCIR in Dubrovnik versuchten, ihre »Muse« genannte Technik als Weltstandard durchzusetzen, wachten die Europäer auf. Das Wettrennen um HDTV begann.
Mit Verfahrenstricks sorgten die Europäer zunächst für eine Verschiebung der Abstimmung. Nur so glaubten sie verhindern zu können, daß die Japaner Hand in Hand mit den Filmriesen aus Hollywood das womöglich größte Konsumgüter-Geschäft des Jahrhunderts allein machen.
In aller Eile und mit gut einer halben Milliarde Mark Steuergeldern aus dem »Eureka«-Forschungsprogramm der Europäischen Union begannen die Europäer, einen eigenen Weg zum Superfernsehen zu suchen. Heraus kam HD-Mac mit 1250 Bildzeilen, das mit dem japanischen System nur wenig gemein hatte: Es paßte in keinen der gängigen Satellitenkanäle, und es taugt, ebenso wie Muse, für keines der weltweit gut 700 Millionen Fernsehgeräte.
Dennoch gab sich das europäische Konsortium ganz verbraucherfreundlich und versprach, das neue Fernsehen zum herkömmlichen Pal-System kompatibel zu machen. Mit sogenannten D2-Mac-Fernsehern, die sowohl Pal-Programme als auch später HDTV (in halber Bildqualität) empfangen konnten, sollte ein stufenweiser Übergang gewährleistet werden.
Der ohnehin umstrittene Versuch schlug gründlich fehl. Der erste Satellit TV-Sat 1, der 1987 ins All geschossen wurde, funktionierte nicht. Der zweite, seit Anfang 1990 im Orbit, fand keine Zuschauer mehr.
Denn inzwischen hatte die Luxemburger Firma SES mit dem Astra einen Satelliten ins All geschossen, dessen Programme von fast jedem Fernseher empfangen werden können. Teure Neuanschaffungen, wie sie die D2-Mac-Technik erzwang, waren nicht mehr notwendig.
Als einziger sichtbarer Erfolg der insgesamt 1,4 Milliarden Mark teuren HD-Mac-Posse blieb ein neues Bildschirmformat übrig. Doch obwohl die EU den TV-Anstalten seit Jahren 130 000 Mark Zuschuß pro Stunde für Sendungen im neuen 16:9-Format zahlt und so insgesamt 430 Millionen Mark ausgab, werden nur wenige Breitwand-Sendungen ausgestrahlt.
Entsprechend gering ist das Interesse der Kunden an den teuren 16:9-Fernsehern. Im vergangenen Jahr machten sie in Deutschland nicht einmal zehn Prozent des Gesamtabsatzes aus.
Auch in Japan, wo unter dem Namen Hi-Vision seit Ende 1991 täglich ein echtes HDTV-Programm ausgestrahlt wird, erfüllten sich die Wunschträume der Branche nicht. Nur knapp eine halbe Million der bis zu 12 000 Mark teuren HDTV-Fernseher wurden bisher verkauft.
Nun setzen die Amerikaner, allen Rückschlägen zum Trotz, zu einem neuen Versuch an. Wenn alles planmäßig verläuft, werden die USA als erste Nation flächendeckend das digitale Fernsehen einführen.
Dabei schienen die Chancen für die Spätstarter im Rennen um das Fernsehen der Zukunft zunächst fast aussichtslos. Denn seit mehr als 30 Jahren hatte die einst stolze Unterhaltungselektronik-Industrie in Amerika, die als erste das Farbfernsehen entwickelte und den Videorecorder erfand, nur Rückschläge erlebt. Eine Firma nach der anderen mußte unter dem Druck der europäischen und asiatischen Konkurrenz aufgeben.
Zuerst erwischte es Magnavox und Sylvania, die schon 1974 vom niederländischen Philips-Konzern übernommen worden waren. Sieben Jahre später schluckte der französische Staatskonzern Thomson die Renommiermarken RCA und General Electric und stieg damit zum Marktführer in den USA auf. Vor zwei Jahren gab die letzte US-Firma auf: Zenith fiel in die Hände der koreanischen Goldstar-Gruppe.
Seither sind US-Firmen an dem Geschäft mit Fernsehern und Videorecordern nur als Lieferanten von Chips beteiligt. Militärische Interessen und die Sorge um den Bestand der Chipindustrie standen denn auch im Vordergrund, als die Amerikaner Ende der Achtziger mit den Forschungen für das neue Fernsehen begannen.
Anders als Japaner und Europäer setzte die US-Behörde FCC von Anfang an auf eine durchgehend digitale Technologie. Für den entscheidenden Durchbruch sorgten aber erst neue Reduktionsverfahren, mit denen die gigantische Datenmenge drastisch reduziert werden kann, ohne daß der Zuschauer es bemerkt.
Die geniale Technik wurde von einer internationalen Arbeitsgruppe unter dem Namen Motion Picture Experts Group entwickelt. So werden bei einem Action-Film jeweils nur die bewegten Teile einer Szene neu gesendet, während etwa der gleichbleibende Hintergrund nicht in jedem Bild mit übertragen wird.
Mit Hilfe dieser Datenreduktion entwickelten amerikanische Firmen und die US-Ableger der europäischen und asiatischen Multis in kurzer Zeit 21 verschiedene Systemkonzepte. Nach endlosen Versuchsreihen und jahrelanger Diskussion bei der FCC blieben am Ende vier übrig.
Auf Geheiß der Behörde setzten sich im Mai 1993 die Entwickler der sieben beteiligten Firmen und Forschungsinstitute zur »Grand Alliance« zusammen, um alle Vorschläge zu einer Supertechnik zu verbinden. Ende 1996 war das Werk vollbracht, und die Technik, bekannt unter dem Kürzel ATSC, wurde von der Regierungsbehörde zur neuen Fernsehnorm erkoren. Als Anerkennung für ihre Leistung erhielten die Ingenieure der Grand Alliance in diesem Jahr den begehrten Emmy Award.
Am 3. April kam dann der Freudentag, auf den die mächtige Lobby der amerikanischen TV-Industrie seit Jahren hingearbeitet hatte: Die FCC gab allen 1600 Fernsehstationen des Landes ein zweites Frequenzband, auf dem sie parallel zu den herkömmlichen NTSC-Ausstrahlungen bis zum Jahre 2006 das digitale Fernsehen einführen müssen.
Die TV-Stationen bekommen die neuen Frequenzen sogar kostenlos. Telefonfirmen dagegen mußten bislang für die von ihnen benutzten Frequenzen bezahlen. Experten schätzen, daß die FCC mit der Entscheidung freiwillig auf Einnahmen in Höhe von bis zu 70 Milliarden Dollar verzichtet hat.
Trotz der starken Unterstützung durch die US-Regierung ist das Rennen um das Fernsehen der Zukunft noch längst nicht entschieden. Sicher ist nur: Einen einzigen Weltstandard wird es nicht geben. Wie bisher wird die Fernsehwelt in zwei große Blöcke geteilt bleiben.
Denn technisch haben die Europäer inzwischen mit den Amerikanern gleichgezogen und nach der Mac-Pleite unter dem Kürzel DVB eine digitale Sendekette entwickelt. Anders als die ATSC-Technik, die nur für den Antennenempfang geeignet ist, kann DVB sogar für alle möglichen Übertragungswege eingesetzt werden. »Beim Kabel- und Satellitenfernsehen«, sagt der Braunschweiger Professor Ulrich Reimers, »gibt es weltweit kaum eine Alternative zu DVB.« Selbst einige große Satellitenanbieter in den USA und in Kanada verwenden deshalb die europäische TV-Technik.
Um so heftiger tobt der Kampf um die weltweite Vorherrschaft beim terrestrischen Digitalfernsehen. Als kriegsentscheidend gelten die noch unentschlossenen Länder in Südamerika und Asien.
Aber selbst im eigenen Land ist das erhoffte Milliardengeschäft für die amerikanischen TV-Stationen noch mit zahlreichen Risiken behaftet. Bei ihrer Entscheidung für die digitale Fernsehnorm hat die FCC nämlich 18 verschiedene Bildformate erlaubt. Nur eines davon entspricht echtem HDTV und bringt die volle Kinoqualität auf den Bildschirm.
Statt des einen Programms in Superqualität können auf jedem Kanal aber auch sechs oder sogar acht Programme in Standardqualität (SDTV) gesendet werden. Da noch völlig unklar ist, welches Konzept sich am Ende durchsetzt, müssen die Networks nun allerdings erst einmal in teure Studiotechnik investieren, die alle zugelassenen Bildformate unterstützt.
Damit die Einführung des digitalen Fernsehens nicht durch technischen Overkill unnötig verzögert wird, haben die Computerfirmen Compaq, Intel und Microsoft vorgeschlagen, sich zunächst auf vier leistungsschwächere Bildformate zu beschränken. Damit würde die Zahl der potentiellen Zuschauer auf den neuen Kanälen mit einem Schlag gewaltig erweitert, denn alle 103 Millionen PC-Besitzer in den USA könnten ihren Monitor mit relativ geringen Kosten zu einem Digitalfernseher umrüsten.
Doch die traditionellen Networks sperren sich gegen den Vorschlag, sie fürchten einen zu starken Einfluß der immer mächtiger werdenden Computerbranche. Vor allem der Einstieg von Microsoft-Chef Bill Gates und seinem Partner Intel in das TV-Business verunsichert die Fernsehbosse.
Noch weiß keiner, wie viele Zuschauer bereit sind, mindestens 5000 Dollar für eine Superglotze auszugeben. Erste Umfragen ergaben, daß viele Amerikaner für einen HDTV-Fernseher gerade mal 150 Dollar mehr zahlen wollen als für ein Standardgerät (500 bis 1000 Dollar). Experten rechnen deshalb damit, daß die meisten Kunden vorerst die billigere Lösung mit nur geringen Verbesserungen, aber mehr Programmen vorziehen werden.
In Europa ist die Entscheidung schon gefallen. »An echtem HDTV haben die Fernsehanstalten in Europa kein Interesse mehr«, hat Sony-Forschungschef Junginger bei vielen Gesprächen erfahren. »In der Alten Welt«, weiß Junginger, »heißt das Motto überall Masse statt Klasse.«
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Digitalfernsehen - Masse statt Klasse?
Verbreitung der digitalen Empfangsgeräte in den USA
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Digitalfernsehen - Masse statt Klasse?
Verbreitung der digitalen Empfangsgeräte in den USA
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